Leitbild

Ein klares „Ja, aber ...“

DAZ.online-Umfrage als Anregung für das Leitbild

tmb | Die Nutzer von DAZ.online haben die Trends der ersten Runde der DAZ-Leitbild-Umfrage bestätigt. Die meisten Teilnehmer der DAZ.online-Umfrage sprachen sich dafür aus, in Apotheken vielfältige Waren und Dienstleistungen rund um die Gesundheit anzubieten. Zugleich votierten sie deutlich für das Medikationsmanagement, doch die weitaus meisten Teilnehmer meinen, dass dies schrittweise umgesetzt und angemessen honoriert werden muss. Dies zeigt auch, dass diese beiden Entwicklungen miteinander vereinbar sein sollten.

Anders als bei der offiziellen Leitbilddebatte der ABDA hatten die Redaktionen von DAZ und DAZ.online Ihnen als Lesern nur zwei Fragen gestellt, um Ihre Meinung über die wichtigsten Aspekte für die künftige Positionierung der öffentlichen Apotheken zu erfahren. Allen, die dabei mitgemacht haben, danken wir herzlich für die Teilnahme.

Zuvor hatten wir die beiden Fragen bereits einigen besonders engagierten Apothekern und den Präsidenten bzw. Vorsitzenden der Kammern und Verbände vorgelegt (siehe DAZ 2014, Nr. 13, S. 24–29). Die dort gefundenen Trends setzen sich in der DAZ.online-Umfrage überwiegend fort.

Offen für viele Angebote

Auf die erste Frage zur Einschätzung vielfältiger Dienstleistungen und Waren rund um die Gesundheit votierte eine deutliche Mehrheit von etwa 70 Prozent der Umfrageteilnehmer für eine der beiden ersten Antwortmöglichkeiten – also für ein solches vielfältiges Angebot (s. Grafik). Etwa 43 Prozent sehen dies als Bereicherung der Apothekenlandschaft an geeigneten Standorten. Rund 37 Prozent der Teilnehmer meinen sogar, dass solche Dienstleistungen und Waren flächendeckend mehr als bisher angeboten werden sollten. Wie unter den „Prominenten“ in der ersten Runde der Befragung gab es aber auch in der DAZ.online-Umfrage eine nennenswerte Opposition gegen solche Angebote. Immerhin etwa 14 Prozent betrachten diese als Störung für das Bild des Apothekers als Heilberufler und möchten die Grenzen noch enger als bisher gezogen sehen. Wie in der ersten Runde votierte die kleinste Gruppe (etwa 5 Prozent) dafür, den derzeitigen Umfang beizubehalten. Der Ist-Zustand überzeugt demnach kaum jemanden, sondern ist nur ein Kompromiss, der versucht die Extreme zu versöhnen.

Medikationsmanagement: Ja, aber ...

Bei der zweiten Frage nach dem Medikationsmanagement und anderen heilberuflichen patientenorientierten Leistungen landen die beiden Extremantworten in der DAZ.online-Umfrage ebenso deutlich abgeschlagen wie in der ersten Runde. Nur 7,5 Prozent der Teilnehmer betrachten solche Leistungen als zu arbeitsintensiv und letztlich unpraktikabel für den Alltag. Doch auch die bedingungslose und schnellstmögliche flächendeckende Umsetzung des Medikationsmanagements fand nur bei etwa 8 Prozent Zustimmung. Die weitaus überwiegende Mehrheit votierte dagegen für ein klares „Ja, aber ...“ zum Medikationsmanagement. Etwa 18 Prozent stimmten eher zurückhaltend für das Medikationsmanagement als langfristig erstrebenswerte Perspektive. Die mit knapp 35 Prozent größte Gruppe betrachtet das Medikationsmanagement als wichtige Zukunftsperspektive, die allerdings erst propagiert werden könne, wenn die Honorierung gesichert ist. Bis dahin könne es ein besonderer Service für Stammkunden sein. Knapp 32 Prozent gehen noch einen Schritt weiter und wollen das Medikationsmanagement ab sofort schrittweise umsetzen. Dabei könne das einfache Medikationsmanagement zunächst sogar als Vorleistung erbracht werden, weitere Maßnahmen allerdings nur gegen Honorar.

Gründe für Einschränkungen

Hier ergibt sich ein etwas anderer Akzent als in der ersten Runde. Dort zeichnete sich noch eine Zweiteilung in eher langfristig orientierte und stärker entschlossene Befürworter neuer heilberuflicher Leistungen ab. Dagegen zeigt die DAZ.online-Umfrage einen Trend zur Mitte. Demnach ist das Medikationsmanagement wichtig und soll jetzt begonnen werden, aber ohne Honorierung kann es nur ein begrenztes Angebot bleiben.

Dies kann auch als Bestätigung für die Position von Dr. Kerstin Kemmritz (siehe DAZ 2014, Nr. 17, S. 24–26) betrachtet werden, die fordert, den zweiten nicht vor dem ersten Schritt zu machen. Kemmritz begründet dies mit den vielfältigen Belastungen der Apotheken. Diese müssten erst durch bessere Honorierung und Entbürokratisierung entlastet werden, bevor sie neue Aufgaben übernehmen könnten. Doch stattdessen befürchtet Kemmritz, mit den neuen Aufgaben könnten sogar neue bürokratische Hürden aufgebaut werden. Möglicherweise sind solche Überlegungen der Grund, weshalb auch in der DAZ.online-Umfrage einerseits eine klare Zustimmung zu neuen Aufgaben zu erkennen ist, andererseits aber auch eine deutliche Zurückhaltung gegenüber der bedingungslosen Umsetzung.

Gesamtbild bestätigt

Zur DAZ.online-Umfrage, die am Sonntagabend endete, sind 464 Antworten eingegangen. Naturgemäß ist nicht bekannt, ob die Teilnehmer für die Gesamtheit der Apotheker repräsentativ sind. Da die Ergebnisse den Trends der ersten Runde weitgehend entsprechen, bestätigen sie allerdings das sich abzeichnende Gesamtbild.

Umfrage unter Studierenden

Als weiteres Signal können die Ergebnisse einer Umfrage des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) gewertet werden. Daran haben 1186 Personen teilgenommen, überwiegend Studenten, aber auch einige Pharmazeuten im Praktikum und junge Approbierte. Dort erklärten rund 84 Prozent der Befragten, die Apotheke sei vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wichtig oder sehr wichtig. Auf die Frage nach künftigen Leistungen der Apotheken nannten die angehenden Apotheker die ganze Palette der patientenorientierten Beratungs- und Betreuungsleistungen einschließlich Medikationsmanagement sowie Messungen von Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten und möglicherweise künftig weiteren Werten. Der Studenten-Verband zieht daraus das Fazit, dass das Dienstleistungsspektrum der Apotheken ausbaufähig sei.

Herausragend war der wiederholte Hinweis auf die Zusammenarbeit mit anderen Heilberufen, insbesondere den Ärzten, die 78 Prozent als wichtig oder sehr wichtig einschätzen. Auf die provokativ gestellte Frage, ob die Patientenorientierung oder das wirtschaftliche Fundament der Apotheke wichtiger sei, sprachen sich die Befragten klar für das Patientenwohl aus, aber viele machten deutlich, dass sie eine solide wirtschaftliche Grundlage als Voraussetzung für die ordnungsgemäße Versorgung sehen.

Der BPhD folgert aus der Umfrage, zusätzliche Aufgaben müssten ebenso honorierungsfähig sein wie die bisherige Arbeit der Apotheken. Demnach bestätigt auch die BPhD-Umfrage den Trend aus der DAZ.online-Umfrage: Medikationsmanagement und andere heilberufliche Dienstleistungen sind wichtige Zukunftsziele, aber ohne gesunde wirtschaftliche Grundlage ist heilberufliche Arbeit nicht möglich.

Folgen für das Leitbild

Damit stellt sich die Frage, inwieweit diese Ergebnisse im jüngsten Entwurf der ABDA für das Leitbild der öffentlichen Apotheken wiederzufinden sind. Die herausragende Stellung der patientenorientierten Leistungen wird dort überaus deutlich. Auch die notwendige wirtschaftliche Basis wird angesprochen. Doch die Verknüpfung beider Aspekte erscheint angesichts der hier aufgezeigten Zusammenhänge im Leitbildentwurf eher schwach. Politik und Medien brauchen einfache Botschaften. Daher erscheint ein klares Signal angebracht: Die Apotheken haben viel zu bieten. Doch dafür brauchen sie erstens gesellschaftlichen Rückhalt, zweitens eine angemessene Honorierung und drittens Entlastung von übertriebener Bürokratie.

Vielfalt berücksichtigen

Weitere Konsequenzen ergeben sich aus der ersten Frage der DAZ.online-Umfrage. Waren und Dienstleistungen außerhalb der Arzneimittelversorgung werden im Leitbildentwurf der ABDA in einem Absatz als mögliche Option für Apotheken erwähnt, die allerdings die heilberufliche Stellung nicht gefährden dürfe. Die Antworten bei der DAZ.online-Umfrage sprechen dagegen für eine stärkere Gewichtung solcher Angebote. Dies ist offenbar nicht nur eine Möglichkeit für einige Nischenanbieter, sondern ein wichtiger Aspekt für einen großen Teil der immer vielfältiger werdenden Apothekenlandschaft. Dabei scheint die Besorgnis der ABDA vor Auswüchsen übertrieben. Denn dieselben Umfrageteilnehmer, die zu 70 Prozent für vielfältige Dienstleistungen und Angebote rund um die Gesundheit votiert haben, sehen zu 75 Prozent das Medikationsmanagement zumindest als wichtige Perspektive und zu weiteren 18 Prozent als langfristiges Ziel an. Dies ist vielleicht die deutlichste Botschaft der DAZ.online-Umfrage: Dieselben Apotheker, die sich klar für das Medikationsmanagement aussprechen, sind zu einem großen Teil offen für vielfältige Dienstleistungen und Waren rund um die Gesundheit. Hier sehen die meisten Umfrageteilnehmer offenbar keinen Widerspruch und kein Entweder-Oder. Denn beide Ansätze richten sich auf das Wohl der Kunden und Patienten mit ihren sehr vielfältigen Bedürfnissen. Die Apotheken der Zukunft werden allen diesen Ansprüchen gerecht werden müssen, ohne sich dabei in Widersprüche zu verwickeln. Ein Patient mit Polypharmazie wird ein aufwendiges Medikationsmanagement benötigen, aber der nächste Patient braucht vielleicht nur ein Nahrungsergänzungsmittel und einen kompetenten und herstellerunabhängigen Rat zum Umgang mit diesem Produkt. Diese Vielfalt sollte auch im Leitbild für die öffentlichen Apotheken zu erkennen sein. 

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