Aus den Ländern

Augenmaß statt Panikmache

Fakten zur Analgetika-Therapie

BONN (hb) | Mit Mythen, Fehlinformationen und Vorurteilen über Schmerzmittel aufzuräumen versuchte der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) bei einem Pressegespräch in Bonn am 6. Mai 2014 aufzuräumen. Die zunehmenden Nebenwirkungsangaben und Warnhinweise belasten die Compliance, meinen Experten und warnen vor Panikmache.

Hinsichtlich der nicht-steroidalen Analgetika bzw. COX-Inhibitoren gab Prof. Dr. Thomas Herdegen vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Universität Kiel zu bedenken, dass Ärzte bereits über eine Einschränkung ihrer therapeutischen Möglichkeiten klagten mit der Folge, dass Patienten unter Umständen keine adäquate Therapie mehr bekämen. Gerade junge Mediziner begegneten den Mitteln oft mit einer großen Skepsis und übertrügen diese auf ihre Patienten. Herdegen bezog sich auf das Deutsche Ärzteblatt, das 2011 seiner Einschätzung nach ungerechtfertigt getitelt hatte: „NSAID erhöhen das Risiko für Reinfarkt und Sterblichkeit.“ Außerdem mahnte er, die Risiken, die beim Einsatz höherer Dosen oder bei der chronischen Anwendung auftreten, nicht einfach auf den OTC-Bereich zu übertragen. „OTC-Analgetika sind bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sicher“, sagte Herdegen. „Das Missbrauchspotenzial kommt nicht aus der Tablette. Das ist eine Frage der Aufklärung. Hier brauchen wir die Ärzte und Apotheker, die abwägen, was für den jeweiligen Patienten am besten ist, und keine apodiktischen Urteile.“

Opioide wirken nicht unbedingt

Der Neurologe Prof. Dr. Dr. Stefan Evers vom Krankenhaus-Lindenbrunn in Coppenbrügge verwies auf Umfragen, nach denen gerade die Deutschen im Umgang mit Schmerzmitteln besonders vorsichtig sind. Rund die Hälfte der Befragten macht sich Sorgen um mögliche Nebenwirkungen. In Großbritannien, Belgien, Frankreich und Polen tut dies nicht mal ein Viertel. Die Leitlinien zur Schmerztherapie bei Kindern beinhalten die Empfehlung, ein Analgetikum zu verabreichen, sobald der Schmerz auftritt. Diesen Rat beherzigen in Deutschland allerdings nicht einmal 5% der Eltern. Evers ist überzeugt: Wer sich an den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Schmerzmitteln hält, inklusive der rechtzeitigen und richtig dosierten Einnahme an maximal zehn Tagen pro Monat bei Attackenschmerzen bzw. einem festen Schema bei Dauereinnahme, und zudem Kontraindikationen und Wechselwirkungen beachtet, kann eine Verbesserung der Lebensqualität ohne relevante organische Nebenwirkungen oder Entstehen von Abhängigkeit erwarten. Der Stellenwert der Opioide bei chronischen Nicht-Tumorschmerzen sei häufig mit einer falschen Erwartungshaltung verbunden: „Viele Patienten denken, ich muss nur ein Opioid nehmen, dann ist der Schmerz weg. Das stimmt nicht“, stellte Evers fest und berief sich hierzu auf die S3-Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht-tumorbedingten Schmerzen. Dort heißt es, dass für Opioide bei Langzeitanwendung zwischen drei Wochen und drei Monaten eine schmerzlindernde Wirkung belegt ist. Für zeitlich unbegrenzte Daueranwendungen gebe es jedoch trotz umfangreicher Studien keine Hinweise auf Schmerzlinderung.

OTC-Analgetika-Markt schrumpft

Der Markt für OTC-Analgetika in Deutschland belief sich 2013 auf rund 960 Millionen Euro. Von „Milliarden-Markt“ könne keine Rede sein, konstatierte Dr. Elmar Kroth, BAH-Geschäftsführer Wissenschaft. Auch den Mythos, Deutschland gehöre zu den Ländern mit dem höchsten Schmerzmittelgebrauch, konnte er mit Zahlen entkräften. Nach den letzten kumulativen IMS-Zahlen zu ausgewählten Märkten aus dem Jahr 2010 habe Deutschland mit 29 standardisierten Arzneimitteleinheiten pro Kopf im unteren Drittel gelegen, knapp oberhalb von der Schweiz (22) und Österreich (26), aber deutlich hinter Schweden (42) und den USA (52). Auch die Behauptung, der Absatz von OTC-Analgetika nehme immer mehr zu, wollte der BAH-Geschäftsführer nicht unwidersprochen stehen lassen. Seit 1995 bewegten sich OTC- und rezeptpflichtige Schmerzmittel, gemessen an den standardisierten Arzneimitteleinheiten pro Kopf stetig aufeinander zu, das heißt, der OTC-Sektor nehme kontinuierlich ab, während das Rx-Segment Zuwächse verzeichne. Damit lässt sich für Kroth auch der häufig geäußerte Vorwurf entkräften, dass die Werbung zu einer erhöhten Einnahme nicht-rezeptpflichtiger Analgetika führe. 

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