Arzneimittel und Therapie

ADHS durch Paracetamol? 

Kausalität nicht nachgewiesen

In einer großen Studie wurde die Auswirkung von pränataler Paracetamol-Exposition auf die Entwicklung von ADHS bei Kindern untersucht. Es zeigte sich ein statistischer Zusammenhang zwischen der Dauer der Einnahme und späteren Verhaltensstörungen. Bei einer Einnahme von mehr als 20 Wochen während der Schwangerschaft verdoppelte sich das Risiko fast. Das Ergebnis war umso deutlicher, je länger Paracetamol verwendet wurde und je fortgeschrittener die Schwangerschaft war.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ist die häufigste Verhaltensstörung bei Kindern. Trotz nachgewiesener Vererbbarkeit wird auch der Einfluss von Umweltfaktoren diskutiert. Ein internationales Team hat den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft und dem Auftreten von ADHS in einer prospektiven Studie untersucht. Hierzu wurden zwischen 1996 und 2002 über 64.000 schwangere Frauen rekrutiert, die in drei Telefoninterviews (in der 12. und 30. Schwangerschaftswoche und sechs Monate nach der Geburt) zum Gebrauch von Paracetamol und anderen Analgetika befragt wurden. Sie sollten angeben, in welcher Woche sie die Medikamente eingenommen hatten. Hieraus wurden die Dauer der Einnahme und das Trimester abgeleitet. Endpunkte waren eine Hyperaktivitätsdiagnose im Alter von über fünf Jahren, mindestens zwei eingelöste Rezepte für ADHS-Therapeutika wie Methylphenidat oder auffällige Ergebnisse in einem standardisierten Test für Verhaltensstörungen. Dieser Fragebogen wurde an die Eltern geschickt, als das Kind acht Jahre alt war, und umfasste emotionale Symptome, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität und Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen. Die Eltern beantworteten zudem Fragen über ihr eigenes Verhalten als Kind und wurden so selbst auf ADHS-ähnliches Verhalten geprüft. Die Auswertung ergab, dass bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol einnahmen, vermehrt ADHS diagnostiziert wurde (Odds Ratio: 1,37). Dieser Effekt war abhängig davon, ob Paracetamol in mehr als einem Trimester eingenommen wurde (Odds Ratio bei Einnahme in allen drei Trimestern: 1,61). Auch die Dauer der Einnahme hatte einen Einfluss. Bei mehr als 20 Wochen verdoppelte sich das ADHS-Risiko fast (Odds Ratio: 1,84). Der prospektive Aufbau und die Größe der Kohorte waren Stärken der Studie, aber es gab auch Schwächen. So wurde fast ein Drittel der Mütter ausgeschlossen, da sie ein oder mehrere Telefoninterviews versäumt hatten. Des Weiteren konnte sich über ein Viertel der Frauen nicht erinnern, in welcher Schwangerschaftswoche sie Paracetamol eingenommen hatten. Ferner zeigen sich relativ große Schwankungen, wenn die Werte nach verschiedenen Faktoren (z.B. Alter der Mutter, Rauchen, Alkoholkonsum) angepasst werden, in denen die Odds Ratio teilweise unter 1 liegt, obwohl die Mittelwerte einen negativen Einfluss von Paracetamol suggerieren. Auch wurde nur die Zahl der Wochen, in denen eine Einnahme erfolgte, festgehalten und davon auf die Dauer geschlossen. Über die eingenommene Menge an Paracetamol wurden aufgrund von Erinnerungslücken keine Daten erhoben. All diese Faktoren machen weitere Studien notwendig. Bis diese vorliegen, bleibt Paracetamol Mittel der 1. Wahl für Schmerzen und Fieber in der Schwangerschaft. 

Quelle

Cooper M. Antenatal Acetaminophen Use and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, JAMA Pediatrics, 24. Februar 2014.

Liew Z. Acetaminophen Use During Pregnancy, Behavioral Problems, and Hyperkinetic Disorders, JAMA Pediatrics, 24. Februar 2014.

 

Apothekerin Sarah Katzemich

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