Arzneimittel und Therapie

Tamiflu® und Relenza® - ein Skandal?

Cochrane-Review mit bislang unveröffentlichten Daten sieht wenig Nutzen

du | Der Verdacht ist schwerwiegend. Der weltweit für einen Influenza-Pandemiefall eingelagerte Neuraminidasehemmer Oseltamivir (Tamiflu®) könnte möglicherweise wirkungslos, aber nicht frei von teils schweren Nebenwirkungen sein. Nahrung erhielt diese Vermutung nicht zuletzt durch die Zurückhaltung von Studiendaten durch die Herstellerfirma Hofmann La Roche. Ein Missstand, den vor allem die Cochrane-Forscher Tom Jefferson, Peter Doshi und Kollegen immer wieder angeprangert haben. Jetzt haben sie auf Basis aller Daten – auch der angemahnten – die Neuraminidasehemmer neu bewertet. Das Ergebnis erhärtet den schon lange bestehenden Verdacht.

Der neue Cochrane-Review zu den Neuraminidasehemmern wurde in zwei Beiträgen, einmal zu Oseltamivir und einmal zu Zanamivir (Relenza®), im British Medical Journal veröffentlicht. Die Autoren haben dazu vollständige interne Berichte von 20 randomisierten und kontrollierten Studien mit Tamiflu® und 26 mit Relenza® ausgewertet. Sie konnten auf Daten von mehr als 24.000 Patienten zurückgreifen. Die Ergebnisse für Oseltamivir und Zanamivir sind dabei ähnlich.

Geringfügig verkürzte Dauer

Bei an Influenza erkrankten Erwachsenen trat eine Symptomlinderung unter den beiden Wirkstoffen etwa einen halben Tag früher ein als unter Placebo. Ob eine Therapie von Influenza-Infektionen bei Kindern die Krankheitsdauer verkürzt, ist unklar. Darüber hinaus führte die Behandlung weder bei Kindern noch bei Erwachsenen zu weniger Krankenhauseinweisungen.

Komplikationen nicht seltener

Schwere Influenza-Komplikationen wie Pneumonien, Bronchitis, Sinusitis oder Mittelohrentzündungen traten ähnlich häufig wie unter Placebo auf. Auf der anderen Seite stieg unter Oseltamivir das Risiko für Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und psychiatrische Komplikationen. Zudem besteht der Verdacht, dass Oseltamivir die ausreichende Bildung körpereigener Antikörper gegen Influenza-Viren verhindert. Unter Zanamivir waren die Nebenwirkungen bis auf Bronchospasmen geringer ausgeprägt, möglicherweise eine Folge der niedrigen Bioverfügbarkeit.

Problem Nebenwirkungen

In Studien zur Postexpositionsprophylaxe konnten die Neuraminidasehemmer zwar das Risiko für das Auftreten von Influenza-Symptomen reduzieren. Unklar ist jedoch, ob durch die Prophylaxe die Ausbreitung von Influenza-Viren unterbunden wird. Auch hier wurden unter Oseltamivir vermehrt Nebenwirkungen registriert. Es dominierten Kopfschmerzen, psychiatrische Störungen und Nierenkomplikationen.

Forderung nach Konsequenzen

Die Autoren des Cochrane-Reviews und das British Medical Journal sehen sich in ihrem Kampf um die Offenlegung aller Studiendaten bestätigt. Es könne nicht sein, dass eine Zulassung von Arzneistoffen ohne die Vorlage aller Studienergebnisse erfolgt, so die Autoren. Es stehe zu viel für die Gesundheit der Bevölkerung auf dem Spiel, auch unter ökonomischen Aspekten. Der jetzt vorliegende Cochrane-Review zu Neuraminidasehemmern sei der erste Review, bei dem ausnahmslos alle klinischen Studien und Studienberichte vorgelegen hätten. Entsprechend wertvoll sei das Ergebnis. Beide Neuraminidasehemmer hätten in der Prävention und Therapie von Influenza-Infektionen nur einen geringen Benefit, begleitet von einem erhöhten Nebenwirkungsrisiko. Vor diesem Hintergrund müssten jetzt die Empfehlungen zum Einsatz der Substanzen überarbeitet werden.

Roche wehrt sich

Mit einer Pressemitteilung setzt sich Roche gegen das Ergebnis des soeben veröffentlichten Cochrane-Reviews zu Oseltamivir (Tamiflu®) zur Wehr. Die Analyse der Cochrane-Autoren berücksichtige nicht die Gesamtheit der für Tamiflu® vorliegenden Daten, da nur 20 von 77 der Cochrane-Gruppe vorliegenden klinischen Studien einbezogen und Daten aus der Anwendungspraxis ausgeschlossen wurden, so Roche. Dies führe zu einer Fehlinterpretation der Wirksamkeit und Sicherheit eines etablierten Influenza-Arzneimittels und widerspreche dem globalen Konsens im Gesundheitswesen. Kritisiert wird vor allem der Verzicht auf die Einbeziehung individueller Patientendaten. Sie würden eine genauere Beurteilung der klinischen Ergebnisse ermöglichen und hätten im Vergleich zu den von der Cochrane-Gruppe verwendeten Gesamtstudiendaten viele statistische Vorteile. So sei vor Kurzem in der Fachzeitschrift The Lancet Respiratory Medicine eine Studie veröffentlicht worden, die anhand individueller Pandemie-Daten von fast 30.000 Patienten gezeigt habe, dass die Behandlung mit Neuraminidasehemmern wie Tamiflu® zu einer Reduktion des Sterberisikos um 19% im Vergleich zu keiner Behandlung geführt habe.

Roche spricht der Cochrane-Gruppe für akute Atemwegserkrankungen die Kompetenz für die Beurteilung der kompletten Studienlage ab und fordert Gesundheitsbehörden und Influenza-Experten auf, ihre Meinung zu dem Cochrane-Review im Kontext zu den Daten zu Tamiflu® zu äußern. 

Quelle

Jefferson T, Jones M, Doshi P, Spencer EA, Onakpoya I, Heneghan JH Oseltamivir for influenza in adults an children: systematic review of clinicla study reports and summary of regulatory comments. BMJ 2014; 348: g2545.

Heneghan CJ et al. Zanamivir for influenza in adults an children: systematic review of clinicla study reports and summary of regulatory comments. BMJ 2014; 348: g2547.

BMJ Press Release Tamiflu & Relenza: how effective are they? 10. April 2014.

Roche Pressemitteilung vom 10. April 2014.

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