Arzneimittel und Therapie

Ein ungeheuerlicher Verdacht

Dr. Doris Uhl
Chefredakteurin der DAZ

Das pharmakologische Prinzip ist bestechend: Neuraminidasehemmer wie Oseltamivir und Zanamivir sollen replizierte Influenza-Viren daran hindern, sich von der Oberfläche der Wirtszelle zu lösen und weitere Zellen zu infizieren. Die an sich logische Folge: die Influenza-Viren können sich nicht weiter ausbreiten, lästige Symptome und schwerwiegende Komplikationen sollten sich zumindest drastisch reduzieren lassen. Im Falle einer Influenza-Pandemie sollte so die Bevölkerung wirksam zu schützen sein, die Bevorratung im Rahmen des Pandemieplans erschien nur konsequent. Doch die Realität scheint eine andere zu sein. Zumindest, wenn man sich auf die härtesten Daten verlässt, die eine solche Hypothese verifizieren können. Das sind anerkanntermaßen die Ergebnisse von randomisierten placebokontrollierten Studien. Sie bilden die Basis eines aktualisierten Cochrane-Reviews, der den Neuraminidasehemmern wenig Wirksamkeit, dafür aber ein nicht zu vernachlässigendes Nebenwirkungspotenzial bescheinigt. Und dieser Review hat eine bemerkenswerte Historie.

Im Jahre 2009 gingen die Cochrane-Forscher erstmals mit dem Verdacht einer nicht erwiesenen Wirksamkeit der millionenfach eingelagerten Neuraminidasehemmer an die Öffentlichkeit und forderten die Offenlegung aller Studiendaten. So vermissten sie unter anderem die Originaldaten einer Metaanalyse zu dem Roche-Präparat Tamiflu®, die die Wirksamkeit von Oseltamivir belegen sollten. Damals wollten viele nicht glauben, dass Unsummen zum Schutz der Bevölkerung vor einer Grippe-Pandemie für Arzneimittel ausgegeben worden sind, die nicht nur nahezu wirkungslos, sondern möglicherweise auch noch mit zum Teil schweren Nebenwirkungen behaftet sind. Zu diesem Zeitpunkt begann ein zäher Kampf der Cochrane-Autoren um die Offenlegung der geheim gehaltenen Studiendaten. Schlussendlich wurde der Druck zu groß, Roche musste nachgeben. Das geschah vor einem Jahr – und die Cochrane-Forscher haben sich umgehend an die Arbeit gemacht. Das Ergebnis ist für Insider sicher nicht überraschend. Aber es fällt noch schlechter aus als vermutet und erhärtet den Verdacht, dass Roche etwas zu verbergen hatte. Wenn jetzt versucht wird, den Cochrane-Autoren jegliche Kompetenz abzusprechen, dann ist das ein ebenso verzweifelter wie durchsichtiger Versuch, retten zu wollen, was noch zu retten ist.

Schon jetzt wird von einem der wohl größten und vielleicht kostspieligsten Medizinskandalen gesprochen. Und es stellt sich die Frage nach dem Schuldigen: Die Cochrane-Autoren sprechen von einem „Multisystemversagen“. Den zuständigen Behörden und Organisationen wie der WHO, dem Robert Koch-Institut, der EMA und der US-amerikanischen Behörde Centers for Disease Control and Prevention wird vorgeworfen, nicht auf die vollständige Dateneinsicht zu Oseltamivir bestanden zu haben. Stimmen die Ergebnisse des neuen Cochrane-Reviews, dann sind die Behörden ebenso Teil dieses „Multisystemversagens“ wie die für die Vorratshaltung verantwortlichen Politiker. Der große Gewinner wäre Roche, der große Verlierer die Bevölkerung der Staaten, die für die Bevorratung Milliardenbeträge ausgegeben haben. Sollte jetzt vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse die Bevorratung mit Tamiflu® gestoppt werden, dann kann das nur ein erster Schritt sein. Der ungeheuerliche Verdacht, dass Roche wissentlich mit nahezu wirkungslosen Arzneimitteln einen Schutz vor Influenza und ihren gefürchteten Komplikationen vorgetäuscht hat, muss geklärt werden. Sollte er sich bestätigen, dann darf dies nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Dr. Doris Uhl

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