INTERPHARM 2014 - Hormone

Brauchen wir die „Pille für den Mann“?

Männer wünschen eine aktive Rolle in der Familienplanung

cb | An den Männern liegt es nicht – sie sind Umfragen zufolge bereit, bei der Familienplanung mehr Verantwortung zu übernehmen. Welche Hürden es dennoch auf dem Weg zu einem marktreifen hormonellen Kontrazeptivum für den Mann zu überwinden gilt, erläuterte Prof. Dr. Michael Zitzmann vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie in Münster.
Foto: DAZ / A. Schelbert / C. Hartlmaier
Prof. Dr. Michael Zitzmann Verhütung ist immer Paar-Sache.

Die pharmazeutische Industrie hat sich aus der Forschung für die Pille für den Mann zurückgezogen. Dies erscheint auf den ersten Blick nachvollziehbar, denn die derzeit verfügbaren kontrazeptiven Methoden sind vielfältig. Anders die WHO: Sie sieht in der Pille für den Mann eine zusätzliche Möglichkeit, dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung Einhalt zu gebieten. Außerdem erhofft sie sich eine Verringerung der schwangerschaftsbedingten Morbidität und Mortalität. Denn weltweit sterben jährlich rund 600.000 Frauen durch eine Schwangerschaft, etwa die Hälfte von ihnen infolge einer illegalen bzw. nicht lege artis durchgeführten Interruptio.

Das ideale Kontrazeptivum für den Mann …

… sollte nicht nur zuverlässig schützen und einfach zu handhaben, sondern auch im Hinblick auf die Zeugungsfähigkeit komplett reversibel sein. Es sollte keine Nebenwirkungen haben – sich insbesondere nicht negativ auf die Libido und die erektile Funktion auswirken – und möglichst auch Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten bieten. Teratogene Effekte und andere Nachteile für die Nachkommen müssen komplett ausgeschlossen sein. Auch finanzielle Aspekte und die leichte Zugänglichkeit spielen eine Rolle. Gäbe es ein solches Präparat, würden es zwischen 50 und 70% der Männer anwenden. Dies haben jedenfalls repräsentative Umfragen in verschiedenen Ländern Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas und Australiens ergeben. Auch ca. 90% der Frauen finden die Idee gut, wie eine weltweite Umfrage aus dem Jahre 2000 zeigt. Doch bei der Frage, ob die Frauen es auch in der eigenen Beziehung ausprobieren würden, äußerten sich nur etwa 44% zustimmend. Dennoch kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass die bisherigen Verhütungsmethoden, die Männer anwenden können, nicht ideal sind: der Coitus interruptus bzw. die Abstinenz finden wenig Anklang, auch Kondome sind für viele nicht das ideale Kontrazeptivum. Bei der Vasektomie besteht häufig der Wunsch, sie rückgängig zu machen, was jedoch mit Problemen wie beispielsweise einer Antikörperbildung gegen die Spermazellen verbunden sein kann.

Ähnliches Wirkprinzip

Vieles ist bereits ausprobiert worden – mit geringem Erfolg. Dazu zählen beispielsweise die Prävention der Spermatogenese durch chemische intravasale Okklusion, deren Suppression durch Hitze oder die Prävention der Spermienreifung durch Inhaltsstoffe der chinesischen Kletterpflanze Tripterygium wilfordii, die als mögliche hormonfreie Pille für den Mann getestet wurde, jedoch im Tiermodell eine nicht reversible Unfruchtbarkeit zur Folge hatte.

Als einziges Wirkprinzip hat es bisher nur die hormonelle Kontrazeption bis zur klinischen Prüfung geschafft. Ähnlich wie bei der herkömmlichen „Pille“ findet dabei ein Eingriff in den Regelkreis aus Hypothalamus, Hypophyse und Gonaden statt. Das Ziel besteht darin, die Spermienproduktion vorübergehend komplett zu unterdrücken und damit ein Sperma-freies Ejakulat zu erreichen (Azoospermie). Doch eine Unterdrückung des Follikel-stimulierenden Hormons (FSH) allein reicht dafür nicht aus, da das Testosteron in den Hoden (intratestikuläres Testosteron) die Spermatogenese aufrecht erhält. Daher besteht ein vielversprechender Ansatz darin, Testosteron zu verabreichen, wodurch die Sekretion der Gonadotropine (neben FSH auch LH) unterdrückt wird und gleichzeitig die „Männlichkeit“ (Eugonadismus) erhalten bleibt. Mit diesem Ansatz konnte jedoch nur eine Azoospermie zwischen 70 und 90% erreicht werden. Daher wurde in nachfolgenden Untersuchungen Kombinationen mit weiteren Gonadotropin-unterdrückenden Substanzen getestet.

Azoospermie mit Kombination erreicht

Wie Zitzmann berichtete, konnten gute Erfolge mit einer Kombination aus Testosteronundekonat i.m. und einem Etonogestrel-Implantat erreicht werden. Eine unter Beteiligung der WHO durchgeführte Effektivitätsstudie, an der auch Zentren in Deutschland mitgearbeitet hatten, prüfte die Effektivität von 1000 mg Testosteronundekonat und 200 mg Norethisteronacetat i.m. alle acht Wochen. Obwohl damit die komplette Spermiensuppression gelang, musste die Studie wegen Nebenwirkungen (insbesondere Stimmungsschwankungen, Libidoverlust und Depressivität bei 10 bis 15% der Teilnehmer) vorzeitig abgebrochen werden. Der Pearl-Index als Maß für die Effektivität lag zwischen 0,7 und 1,4 und damit im Bereich der hormonellen Kontrazeptiva für die Frau (0,1 bis 2,0). Ein interessanter, zukunftsträchtiger Ansatz, die derzeit geprüft wird, ist das Auftragen einer Testosteron-haltigen Kombination in Form eines Gels, berichtete Zitzmann.

Markteinführung nicht absehbar

Nach den bisherigen Untersuchungen besteht also kein Zweifel daran, dass das Prinzip der Pille für den Mann funktioniert. Es konnte zudem gezeigt werden, dass die Unterdrückung der Spermatogenese reversibel ist. Dennoch kann es bis zur Markteinführung eines Präparats noch eine ganze Weile dauern. Sollte es doch eines Tages zur Verfügung stehen, wird es sich nach Zitzmanns Ansicht um eine Kombination aus einer lang wirksamen Testosteron-Präparation und einem Gestagen handeln. Er plädiert dafür, ein solches Präparat innerhalb einer stabilen Partnerschaft zu verwenden. Es böte für den Mann die Möglichkeit, mehr Verantwortung zu übernehmen. 

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