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„Hitparade“ der Lieferengpässe

HAV-Vize wertet Defektlisten von 430 Apotheken aus

BERLIN (ks) | Vergangene Woche hatte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium Ingrid Fischbach (CDU) erklärt, dass es wohl immer wieder zu Lieferengpässen – insbesondere bei Impfstoffen – kommen wird. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion betont sie aber auch, dass es um die Arzneimittelversorgung in Deutschland prinzipiell sehr gut bestellt ist (siehe AZ Nr. 12, 2014, S. 8). Der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands (HAV), Hans Rudolf Diefenbach, sieht die Situation allerdings kritischer. Er hat von 430 Apotheken Defektlisten gesammelt – sie zeigten „ein anderes Bild, als es sich die Politik wünscht“.

Diefenbach hatte Anfang Februar seine Kolleginnen und Kollegen aufgefordert, ihm mitzuteilen, welche Arzneimittel in ihrer Apotheke fehlten. 430 Apotheken machten mit, 341 davon aus Hessen, der Rest aus der übrigen Republik. Die Auswertung der zugefaxten Defektlisten beanspruchte den HAV-Vize eine Weile – und nicht jeder sah Diefenbachs intensive Beschäftigung mit dem Thema gerne.

Große Bandbreite bei Ausfällen erkennbar

Doch nun ist die Arbeit erledigt. Es zeigt sich, dass die Bandbreite der Ausfälle quer durch ein Pharmakologiebuch reicht. So gab es etwa massive Lieferengpässe bei trizyklischen Antidepressiva (Amitryptilin), nicht-opioiden (Diclofenac) wie auch Opioid-Analgetika (Tilidin), Hypnotika (Zopiclon, Zolpidem), Betablockern (Metoprolol, Bisoprolol) und der gesamten Schilddrüsenhormonpalette. Ebenso bei Osteoporosemitteln, Vitamin-D3-Präparaten, oralen Antidiabetika (Metformin) und einer ganzen Reihe von Antibiotika (Cefixim, Cefuroxim, Ciprofloxacin, Aminoglykoside, Fosfomycin). Und das sind noch nicht alle Indikationen. Teilweise seien die Arzneimittel monatelang nicht lieferbar gewesen – bzw. sind es noch immer nicht. Bedenklich sei, so Diefenbach, dass auch Notfallmedikamente wie Solu Decortin H 100 und 250 oder auch das gerade jetzt öfter benötigte Celestamine in flüssiger Form vielerorts nicht zu bekommen seien.

Der HAV-Vize nennt auch Namen. Mehr als nur ein Defektprodukt gebe es beispielsweise bei ABZ, Aliud, Betapharm, Basics, Heumann, Hexal, Merck, Mylan dura, Ratiopharm, Stada, Winthrop und 1A. Die „Top 12“ der fehlenden Arzneimittel bei den 430 Apotheken, die Diefenbach mit Daten versorgten, waren:

 1. Bisoprolol Ratio 5 mg: 265 Defekte

 2. Pantoprazol Heumann 98, 100: 218 Defekte

 3. Bisoprolol Ratiopharm 10: 215 Defekte

 4. L-Thyrox Hexal 50: 207 Defekte

 5. L-Thyrox Hexal 100: 201 Defekte

 6. Tevanate: 188 Defekte

 7. Xipamid 20 Ratio: 154 Defekte

 8. Jodthyrox Merck Serono: 142 Defekte

 9. Metformin Axcount 1000 (nur 180er Packung): 139 Defekte

10. Vigantoletten 1000 Merck Serono (nur 100er Packung, jetzt durch 90er ersetzt): 134 Defekte

11. Doxycyclin 100 1A: 129 Defekte

12. Doxycyclin 200 Ratiopharm: 124 Defekte

Impfstoffe betrachtete Diefenbach gesondert. Hier reklamierten von den 430 einsendenden Apotheken 87 das Fehlen von Repevax. 38 vermissten Boostrix und 29 Tetanol. Insgesamt umfasse die Sammlung nicht verfügbarer Impfstoffe 19 Präparate. In Diefenbachs Augen ein handfestes Problem: „Ignoranz schafft da keine Abhilfe.“

„Schuldfrage“ wird offen gelassen

Die Frage, wer an der Misere „schuld“ ist, will der HAV-Vize mit seiner Auflistung nicht versuchen zu klären – die Interpretationsmöglichkeiten sind groß. In der Vergangenheit nannte er häufig die Rabattverträge als einen Hauptgrund. Aber man müsse sich auch fragen, wie es etwa um die Vorratshaltung bei den Großhändlern bestellt ist – auf sie verwiesen die pharmazeutischen Unternehmen häufiger. Einige Grossisten erklärten jedoch ihrerseits, dass die Hersteller ihnen gegenüber eine rüde Preispolitik verfolgten und extrem schlechte Konditionen böten. Was auch immer die genauen Gründe sind: Fakt sei, dass Tausende Patienten nicht oder nicht ordnungsgemäß versorgt werden könnten, so Diefenbach. Die Apotheken wiederum müssten Widrigkeiten ausbaden, die die Politik mit ihren Rahmenbedingungen installiert habe. Zudem seien sie einer „unerträglichen Ruppigkeit der GKV ausgesetzt“, ohne dass sich eine Lösung abzeichne.

Von der ABDA-Öffentlichkeitsarbeit ist Diefenbach enttäuscht. Bislang scheine die ABDA „nur mager bis gar nicht“ in die Diskussion eingestiegen zu sein. Der HAV werde daher nun selbst Vorschläge machen, wie seine aktuell gesammelten Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und bewusst gemacht werden können. 

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