Gesundheitspolitik

„Dissonanz“ zwischen Arzt und Apotheker

Studie unter chronisch kranken Patienten: Erklärungsansatz für fehlende Therapietreue

BERLIN (az) | Mangelnde Therapietreue schadet nicht nur der Gesundheit, sondern ist auch ein wirtschaftliches Problem. Ein Grund für Non-Adhärenz könnte sein, dass sich Apotheker und Arzt in ihren Aussagen widersprechen, vermuten Wissenschaftler einer Studie. Für sie wurden überwiegend chronisch kranke Patienten vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) befragt, ursprünglich beauftragt vom ehemaligen Sanicare-Inhaber Johannes Mönter.

Ungefähr 60 Prozent der über 1000 Befragten verhalten sich danach uneingeschränkt therapietreu. Es zeigte sich, dass Patienten mit zunehmendem Alter therapietreuer werden. 68,4 Prozent der Probanden gaben an, sich nicht zu trauen, ein verordnetes Medikament wegzulassen – 31,6 Prozent allerdings schon. Die häufigsten Gründe für Non-Adhärenz sind, dass Patienten keine ärztliche Einnahmevorschrift erhielten und dass die Arzneimittel subjektiv nicht gegen die Beschwerden halfen. Auch bereits erlebte Nebenwirkungen, die Aufklärung über sowie die Angst vor Nebenwirkungen haben Einfluss auf die Adhärenz. Patienten seien therapietreuer, wenn sie erst wenige Nebenwirkungen erlebt und generell keine große Angst davor haben, erklärt Dr. Jens Holst. Eine „gute ärztliche Beratung“ senke die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten ihre Arzneimittel von sich aus absetzen. „Gibt jedoch der Apotheker zu viele Informationen, wirkt sich dies negativ auf die Adhärenz aus.“ Diplomsoziologe Dr. Bernard Braun mutmaßt, dass es an einer „kognitiven Dissonanz“ zwischen der vom Arzt erhaltenen – oder eben auch nicht erhaltenen – Information und davon abweichenden Hinweisen des Apothekers zu einem Arzneimittel liegen könnte. Wenn sich die Experten nicht einig seien, nehme der Patient das Medikament lieber nicht ein. Eine weitere denkbare Erklärung könne sein, dass der fachlich korrekte, aber zu allgemeine Hinweis des Apothekers auf mögliche Nebenwirkungen dazu führe, dass der Patient das Medikament „für alle Fälle“ nicht einnehme. „Ärzten wie Apothekern ist in jedem Fall zu raten, die Fachinformationen zu Nebenwirkungsrisiken laienverständlich, anschaulich und spezifisch auf den Patienten zugeschnitten zu kommunizieren.“ 

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