Gesundheitspolitik

Arzneidiebstahl in Italien – was tun?

STUTTGART/BERLIN (du/jz) | Aktuelle Meldungen über manipulierte und gefälschte Krebs- und Rheumamittel in Tageszeitungen und Nachrichten verunsichern nicht nur Ärzte und Apotheker, sondern vor allem auch Patienten und Angehörige. Von bis zu 60 Präparaten ist die Rede. Wie können Apotheken und Kliniken jetzt sicherstellen, dass Patienten ordnungsgemäß versorgt werden?

Weitere Präparate betroffen?

Ausgangspunkt für diesen sich immer weiter ausweitenden Fälschungsskandal sind Arzneimitteldiebstähle in italienischen Kliniken, die die Behörden schon seit Wochen beschäftigen. Die gestohlenen Präparate wurden manipuliert und teilweise ohne den deklarierten Wirkstoff wieder in den Handel gebracht. Bislang liegen nur offizielle Rückrufe zu Chargen der Präparate Herceptin®, Alimta®, Humatrope®, Remicade®, Mabthera® und Avastin® vor. Am 12. Juni meldeten die „Stuttgarter Nachrichten“ allerdings, die zuständigen deutschen Institute hätten Hinweise darauf, dass „mehr als 60 Wirkstoffe“ betroffen sein könnten.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestätigte der AZ am gleichen Tag, dass es Hinweise aus Italien auf weitere betroffene Präparate gebe. Allerdings lägen bislang keine konkreten, bestätigten Informationen vor. Sobald die italienischen Behörden offizielle Informationen lieferten, werde auch das BfArM diese melden. Eine Rückfrage beim Sozialministerium Baden-Württemberg, das die Zeitung ebenfalls zitierte, ergab, dass nicht Wirkstoffe, sondern Präparate gemeint sein dürften – die Zahl 60 wollte man allerdings weder bestätigen noch dementieren. Vorerst ist also großes Rätselraten angesagt, welche weiteren Arzneimittel von den Fälschungen betroffen sein könnten.

Vorsicht bei Reimporten

Dr. Matthias Fellhauer, Direktor der Apotheke des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen, stellt klar, dass der Direktbezug vom Hersteller als weitgehend sicher gilt. Problematisch werde es erst, wenn in der Lieferkette etwas unbemerkt ausgetauscht wird. Das sei aber seines Wissens bislang nicht der Fall gewesen. Großhandelsware ist für Fellhauer schon kritischer, weshalb er und seine Kollegen auf erhöhte Wachsamkeit zum Beispiel im Hinblick auf Auffälligkeiten bei der Verpackung setzen. Höhere Risiken sieht Fellhauer dort, wo die Logistikkette über viele Umwege verläuft, etwa bei Reimporten. Auf diese Vertriebswege verzichtet man in Villingen-Schwenningen – auch wenn die Einsparungen vor dem Hintergrund des permanenten Kostendrucks manchmal verlockend wären. Auch in Österreich verzichten Klinikapotheken bereits auf Reimporte, etwa die Innsbrucker Klinikapotheke – sie verzichtet seit 2012, wie vergangene Woche die Onlineausgabe der „Tiroler Tageszeitung“ meldete. Trotz einer möglichen Ersparnis von bis zu sechs Prozent beziehe man nur Originalware, erklärte Direktor Gerhard Speer der Zeitung – Reimporteure seien zu unsicher.

Öffentliche Apotheken wiederum haben keine Wahl, sie müssen die gesetzlich vorgeschriebene Reimportquote erfüllen. Ein Verzicht auf Reimporte könnte die Sicherheit verbessern. Das fordern Apotheker schon seit Langem.

Deutsche Strafverfolgungsbehörden ermitteln

Inzwischen haben die illegal eingeführten Medikamente aus Italien auch die deutschen Ermittlungsbehörden auf den Plan gerufen. Eine namentlich nicht genannte Staatsanwaltschaft ermittle in dieser Sache, bestätigte eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) der AZ. Das BKA selbst ermittle nicht, sondern sei als Zentralstelle eingebunden. Weitere Details wollte die Sprecherin angesichts des laufenden Ermittlungsverfahrens nicht preisgeben – bereits die Nennung der ermittelnden Behörde könne regionale Aspekte preisgeben, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich werden sollten, erklärte sie.

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