Management

Trauer am Arbeitsplatz

Wie kann man Kollegen, Patienten und sich selbst beistehen?

Der Tod kann nicht nur in Familien und im privaten Umfeld einschlagen, sondern auch am Arbeitsplatz sehr präsent sein. Tritt er ein, so ist der Alltag immer eine zeitlang aus den Fugen gehoben. Plötzlich sind die Gedanken und die Konzentration besetzt von dem was geschehen ist – es ist nahezu unmöglich, sich seiner Arbeit ganz normal zu widmen.

Das ist besonders der Fall, wenn es sich um Arbeitskolleginnen (da die überwiegende Anzahl der Apothekenmitarbeiter weiblich ist, schreibe ich in der weiblichen Form. Männliche Kollegen dürfen sich gerne mit angesprochen fühlen) oder sogar die Chefin handelt und der Tod überraschend kam. Gerade gestern hat man zusammen die nächste Aktion geplant und erinnert sich noch an ihre Wortbeiträge und Reaktionen. Jetzt können Sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass Sie diesen Menschen nie wieder sehen werden.

„Trauer wird heutzutage als individueller Prozess sowie als Defizit, als Ausnahmezustand und Abweichung von der Norm wahrgenommen – und wird daher eher mit Ausgrenzung als mit Zuwendung beantwortet“, meint der Trauerbegleiter Fritz Roth. Viele Firmen erwarten in stummer Ignoranz, dass die Mitarbeiter den normalen Betriebsablauf einhalten: Gefühle sind Privatsache.

Nur ein Drittel des gesundheitsbedingten Produktivitätsverlusts in Unternehmen basiert auf Fehlzeiten, der Rest entsteht durch Anwesende, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht mit allen Kräften auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Welche Möglichkeiten existieren, um sich angemessen von der Verstorbenen zu verabschieden und die damit verbundenen Gefühle zu durchleben? Kurz gesagt: Alles, was hilft. Gespräche untereinander, das Geld einsammeln für einen Kranz, ein gemeinsamer Brief oder eine Trauerkarte für die Angehörigen (s. Kasten).

Wie verhalten und wie hilft man sich selbst?

Jeder Mensch trauert anders. Nach den beiden vom Gesetzgeber vorgesehenen arbeitsfreien Tagen ist natürlich noch lange nicht alles wieder „in Ordnung“. Vielleicht möchten Sie als Betroffene etwas länger zu Hause bleiben oder die Arbeitszeit verkürzen, weil Sie Zeit für sich brauchen, um wieder arbeitsfähig zu werden oder eine Unmenge zu organisieren haben.

Andere Menschen kommen am liebsten sofort wieder zum Dienst, sie lehnen auch jedes Gespräch über das Geschehene ab. Ihnen hilft es, ihren Dienst so normal wie möglich zu absolvieren.

Wichtig ist es, hier nicht zu urteilen, sondern zu vertrauen und Ihrer Kollegin den Raum zu lassen, den sie braucht. Das gilt auch für uns, wenn der Ehepartner oder die Eltern sterben. Sich täglich die Frage stellen: Was ist jetzt wichtig für mich? Wo stehe ich heute? Gibt es bestimmte Arbeiten, die ich jetzt gerne mag oder andere, auf die ich mich nicht konzentrieren kann?

Mag die Kollegin frische Blumen in ihrem Arbeitsbereich oder kleine Grußkärtchen von Menschen, die sie alltäglich umgeben, direkt mit ihr zusammenarbeiten, mit ihr die Mittagsstunden verbringen oder Sport treiben oder liebgewonnene Kunden sind? Braucht sie zu Hause Hilfe beim Organisieren? Nicht jeder Mensch kann Hilfe annehmen, manche von uns können es jetzt – in dieser Notlage – lernen.

Es ist wichtig, dass jemand in Zeiten der persönlichen Belastung nicht auch noch beruflich in Schieflage gerät, weil ihre eigenen oder die Ansprüche ihrer Kolleginnen zu hoch sind.

Die Chefin stirbt

Hier sind viele doppelt belastet: man ist vom Tod eines Menschen betroffen, den man gut kannte und hat gleichzeitig Existenzangst um sich selbst. Wird die Apotheke bzw. der zuständige Angehörige das Unglück auffangen können oder steht die Schließung über kurz oder lang bevor? Zum Glück besteht die Möglichkeit, für ein Jahr einen Verwalter zu benennen, der ist schneller gefunden als jemand, der die Apotheke kauft. Je nach Betriebsstruktur kann es unterschiedlich ausgehen. Gibt es eine Approbierte, die die Apotheke übernehmen will? Oder ein Leitungsteam? Auch jetzt ist es wichtig, der Trauer Raum zu geben. Nur wenn wir uns verabschiedet haben, können wir uns für jemand Neues öffnen, ihn ernst nehmen und seine neue, vielleicht etwas anders geartete Führung respektieren und so eine Chance für das ganze Unternehmen geben.

Trauerrituale für Unternehmen

  • In der Offizin wird ein Kondolenzbuch ausgelegt, eventuell mit Blumen und Kerze. Die leitende Apothekerin beschreibt, was diesen Menschen ausgemacht und ausgezeichnet hat, beschreibt seinen Werdegang in der Firma.
  • Die Angestellten und langjährige Stammkunden, die sich verbunden fühlen, zeichnen mit Namen, schreiben einen kleinen Brief an den Verstorbenen, einen Trauerspruch, fertigen eine Zeichnung an oder Ähnliches.
  • Die Mitarbeiter schreiben ihre Gedanken auf Karten, die alle zusammen in einem Umschlag den Angehörigen übersandt werden.In der Firma wird eine Gedenkstunde, jeden Tag zu einer bestimmten Zeit Gedenkminuten oder ein extra Trauergottesdienst gehalten, den die Kollegen mitgestalten können.
  • Eine gemeinsame Feier findet statt, auf der man zusammen Erlebtes Revue passieren lässt und Fotos von Betriebsausflügen etc. ansieht.
  • Man erschafft etwas in Gemeinschaft: pflanzt einen Baum, malt ein Bild, das in der Firma aufgehängt wird.

Und die Kunden?

Ein Stammkunde beklagt einen Todesfall in seiner unmittelbaren Umgebung, ein Verwandter, ein guter Freund oder eine Nachbarin, die einem immer zur Seite stand wenn man Hilfe brauchte.

Hier steht zunächst die Frage nach der Nähe zum Kunden an. Ist es jemand, den wir schon lange betreuen? Über Jahre und regelmäßig? Dann geht man nicht einfach darüber hinweg, sondern lässt ihm zumindest eine Karte zukommen.

Eine gewisse Offenheit, für das, was dieser Mensch jetzt braucht tut gut: Vielleicht möchte er gerade mal kein Beileid und das dauernde Bezugnehmen auf den Verstorbenen? Vielleicht ist es ihm gerade angenehm, dass er selbst jetzt mal im Mittelpunkt steht und nur an sich denken darf?

Geht es bei dem Todesfall um eine Person, die zusammen mit dem Kunden den Alltag organisierte oder ganz bestimmte Aufgaben übernommen hatte? Wer macht das jetzt? Hier sind ganz konkrete Hilfen nötig, als Beraterin kennen Sie vielleicht offizielle Stellen, die jetzt zuständig sind. Manche Apotheken erstellen eine kleine Liste mit Anlaufstellen von Trauercafé über Essen auf Rädern und Orten, wo man nicht mehr benötigte Hilfsmittel, Kleidung oder Möbel abgeben kann, bis zu Rechtsberatung. Dieses kleine Erste-Hilfe-ABC kann man der Trauerkarte beifügen, wenn man das nicht zu aufdringlich findet, oder es in der Apotheke auslegen.

Und die persönliche Begegnung bei der ersten Beratung nach dem Todesfall: Nichts sagen? Umarmen? Die Hand einen Moment länger halten als sonst?

Menschen, die jemanden beklagen, leiden am meisten unter der oft aus Verlegenheit entstehenden Nichtachtung, der sie plötzlich unterliegen: Sie werden ignoriert, gemieden, man tuschelt hinter ihrem Rücken.

Umfragen haben ergeben: Kontakte helfen. Es ist besser, sich dabei ungeschickt zu verhalten oder mal ins Fettnäpfchen zu treten als einen trauernden Menschen vor lauter Angst „etwas falsch zu machen“ fallen zu lassen. Genau das – die absolute Isolation – sollte man in den meisten Fällen vermeiden.

Kleine Gesten zählen, immer mal wieder das Signal: „Ich bin da, für Dich.“

Viele Rituale sind wie ein Geländer, an dem man sich festhalten kann. Nach einiger Zeit kann man dann schon mal kurz loslassen. Diese Zeiten des Loslassens werden immer länger bis man eines Tages wieder freihändig im eigenen Leben unterwegs ist. 

Ute Jürgens

 

Ute Jürgens ist PTA und Diplom-Pädagogin für Erwachsene. Sie ist Seminartrainerin im Bereich Kommunikation mit Spezialisierung auf Heilberufler, www.kommed-coaching.de, info@kommed-coaching.de

Literatur

Karlheinz Häfner: Trauer verstehen – ihrer Vielfalt begegnen. Claudius Verlag 2010

Eduard Maass: Das Buch vom Abschied – Prominente Persönlichkeiten über Sterben, Tod und Trauer. Menssana Knaur 2012

Fritz Roth: Das letzte Hemd ist bunt. Campus Verlag 2011

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