Management

Warum Patienten von morgen anders sind

So wirken sich Megatrends auf die Gesellschaft aus – wie die Apotheke auf die „silberne Revolution“ und die vernetzte Welt reagieren kann

WIEN (diz) | Megatrends wie Globalisierung, Urbanisierung, Ökologie, Mobilität, Vernetzung oder die Silberne Revolution zeichnen sich in unserer Gesellschaft mehr und mehr ab. Aber auch eine zunehmende Individualisierung sowie die Gesundheit selbst gehören zu den Megatrends. Zukunftsforscherin Jeanette Huber vom Zukunftsinstitut zeigte auf dem Österreichischen Internationalen Wirtschaftsforum in Wien, welche Trends sich bereits heute und erst recht in naher Zukunft auf unser Gesundheitssystem auswirken und damit auch auf die Apotheke.

Einer dieser Megatrends ist die Individualisierung. Die Menschen sehnen sich nach Selbstverwirklichung, nach individueller Freiheit. Für das Gesundheitssystem bedeutet dies: Die Menschen erwarten passgenaue Lösungen für ihre Probleme. Als Produktbeispiel, das diesen Trend bedient, nannte die Zukunftsforscherin die Marke Orthomol, die ihre Präparate zielgruppengenau mischt und individuelle Lösungen verspricht. Ein anderes Beispiel ist „capattack“, eine Marke, die eine auf orthomolekularen Mikronährstoffen basierte Produktlinie speziell für Golfer entwickelt hat.

Der Kunde ist heute nicht zuletzt durch das Internet in der Regel gut informiert vor dem Kauf eines Produkts. Vom Experten, hier dem Apotheker, erwartet er daher eine Einordnung seines Produktwunsches, eine Bewertung, eine Übersetzung seiner gegoogelten Informationen in den Alltag.

„Die menschlichen Wahrnehmungskanäle sind voll von dem, was an akustischem und optischem Müll auf uns abgeladen wird. (...) Wir sollten nicht nur gegenüber Magen, Herz und Leber, sondern auch gegenüber unserem Gehirn ein Diätbewusstsein entwickeln, mental etwas mehr à la carte essen und nicht jedes Fast Food hinunterwürgen, das uns vorgesetzt wird.“

Joachim Bauer, Professor für Psychoneuroimmunologie

Die silberne Revolution

Ein Megatrend, der sich bereits seit einigen Jahren abzeichnet, ist die silberne Revolution: Der Anteil der über 60-Jährigen nimmt rapide zu. Altern wird heute als ein individuell gestaltbarer Prozess gesehen. Wer heute 60 Jahre alt ist, fühlt sich nicht wie 60, sondern acht bis zehn Jahre jünger (down aging). Laut einem Umfrageergebnis sind 61 Prozent der Europäer dafür, dass man auch nach dem offiziellen Rentenalter noch arbeiten darf. 33 Prozent der Europäer möchten dies auch tun. Der Anteil der Rentner, die sich nur ausruhen wollen, sinkt. Die Vielfalt an Lebensstilen steigt auch in diesem Alter. Viele wollen zum Beispiel das tun, was ihnen Spaß macht (silver worker), wollen reisen, Abenteuer haben oder sich als Ehrenämtler nützlich machen („Do-Gooder“). Man sollte zudem nicht unterschätzen, wie viele silver ager heute im Internet unterwegs sind und hier einkaufen. Nur 33 Prozent der 55- bis 64-Jährigen und nur 22 Prozent der 65- bis 74-Jährigen, die online sind, haben noch nie etwas übers Internet bestellt.

Megatrends Gesundheit und Vernetzung

Gesundheit selbst ist ein Megatrend. Immer mehr sehen das Leben als Gesunderhaltungsbemühung. Patienten selbst werden zu Health Manager, die gesundheitliche Selbstverantwortung steigt. Einer aktuellen Befragung des Zukunftsinstituts zufolge zum Thema, was Menschen glücklich macht, steht Gesundheit an erster Stelle, gefolgt von Familie und Freunden, Partner(in), Zeit. Erst an fünfter Stelle steht Geld.

Hinzu kommt der Trend der Vernetzung. Soziale Netze, die Cloud, Smartphones, Self-Tracker-Armbänder mit unterschiedlichen Sensoren, die die gesundheitlichen Aktivitäten messen, aufzeichnen und mit der Gemeinschaft teilen, fördern die Kommunikation zu Gesundheitsthemen. Durch solche Geräte lassen sich sogar verstärkt Männer für gesundheitliche Themen motivieren: Fitness kann gemessen werden wie in einem Wettkampf, die Daten können grafisch dargestellt und Leistungskurven erstellt werden. Hinzu kommt eine Vielzahl an Gesundheits-Apps, die die gemessenen Gesundheitswerte dokumentieren, vergleichen und bewerten und zum Teil sogar Arztbesuche ersetzen wollen. Die Diagnostik verlegt sich zum Teil ins Wohnzimmer. Smartphones mit Apps und kleinen ansteckbaren Zusatzgeräten, die den Blutzucker, den Blutdruck messen, die die fotografierte Haut auf Krebs diagnostizieren, die den Puls messen – sie verändern den Markt.

Aber auch das, was als gesund gilt, hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert und wird sich weiter verändern, prognostizieren Trendforscher. Galt dünn sein früher als arm und krank, wird es heute eher mit sportlich und fit assoziiert. Letztlich entscheidet heute jeder selbst, was für ihn gesund bedeutet („Gesundzufriedenheit“).

„Wenn du älter wirst, verlierst du das Interesse an Sex, deine Freunde sterben, deine Kinder ignorieren dich. Es gibt natürlich noch andere Vorteile, aber die genannten sind doch die größten.“

Richard Needham, englischer Publizist

Chancen für die Apotheke

In all dem könnten Chancen für die Apotheke liegen für neue Angebote, mit denen sie sich profilieren kann. Nach Einschätzung von Zukunftsforschern ist die Apotheke prädestiniert dafür, vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen anzubieten, auch online, kleine Gesundheits-Checks durchzuführen, sie ist niedrigschwellig zugänglich für die kleine Diagnostik und für Tipps zur Gesundheitsmotivation.

Die Menschen wollen ihr Leben besser planen und gestalten, das Schlagwort ist Life Design: das richtige Maß finden zwischen Arbeit, Stress und Entspannung. Dafür sind allerdings bestimmte Kompetenzen notwendig. Die Apotheke kann hier Angebote machen, beispielsweise wie man die Balance zwischen Stress und Entspannung schafft, wie man sich richtig ernährt, sich mehr bewegt, seinen Geist pflegt. Untersuchungen zufolge trägt vor allem mehr „Hygiene für den Geist“ zum Wohlbefinden bei. Beispielsweise 20 bis 30 Minuten am Tag zu meditieren oder zu jonglieren, fördert das geistige und körperliche Wohlbefinden. Der Trend geht weg von einem passiven Wellness-Verhalten hin zu einem aktiv gestalteten life design. Im Mittelpunkt steht in Zukunft nicht mehr die Vermittlung von Wohlgefühl, vielmehr ist die Vermittlung von Wohlfühlkompetenzen gefragt. 

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