Gesundheitspolitik

HAV: Lieferengpässe verharmlost

BERLIN (ks) | Nach wie vor sind Lieferengpässe bei verschiedenen Arzneimitteln und Impfstoffen für Apotheken Alltag. Letzte Woche hat der Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) seine Sicht erläutert: Die wenigsten Lieferengpässe führten auch zu Versorgungsengpässen, erklärte vfa-Geschäftsführer Siegfried Throm bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Gemessen an den mehr als 40.000 verschiedenen Arzneimitteln im Apothekensortiment seien diese Engpässe überdies sehr selten. Auch seien meist Generika von den Engpässen betroffen, für die es Alternativen gebe. Was die derzeit vielfach vermissten Schilddrüsenhormone angeht, räumte Throm ein, dass ein Präparatewechsel „nicht trivial“ sei und mit Vorsicht erfolgen müsse. Den Grund für den derzeitigen Engpass bei Schilddrüsenpräparaten sieht Throm nicht zuletzt in der erhöhten Nachfrage aus China.

Andere Ausfälle – etwa eines Herstellers von Metoprolol – seien weniger kritisch, weil viele andere Anbieter lieferfähig seien. Der Engpass beim Antibiotikum Fosfomycin betreffe nur bestimmte Wirkstärken. Der zeitweilig nicht verfügbare Varizellen-Impfstoff von GSK sei ebenfalls wieder verfügbar. Tatsächlich keine Alternative gebe es zu dem Krebsmittel Carmustin (100 mg Ampullen) – doch dieses werde nur sehr selten eingesetzt.

Kein Patentrezept

Throm zeigte Ursachen auf, die hinter den Engpässen stehen können: Etwa ein Problem in der Produktionsanlage, Schwierigkeiten bei Transporten, der Rückruf einer Charge wegen Mängeln oder eine plötzlich stark gestiegene Nachfrage. Angesichts der vielen möglichen Störfaktoren gebe es „das eine Patentrezept“ gegen Lieferengpässe nicht, so Throm. Er stellte aber klar, dass die Hersteller alles daran setzen, solche Engpässe zu vermeiden – schließlich geht es um ihre Kunden, ihren Umsatz und die Patientenversorgung.

Minimieren ließen sich Engpässe aus vfa-Sicht aber schon. Etwa indem die Vergütung der Kassen den Leistungserbringern Spielraum für Lager- und Kapazitäten lassen. Auf Impfstoff-Ausschreibungen sollte verzichtet werden. Quoten und Verordnungsvorgaben für Ärzte müssten verschwinden, Auswirkungen von Rabattverträgen für Arzneimittel genau im Auge behalten werden. Am sichersten sei die Versorgung, wenn eine Anbieter- und Produktvielfalt besteht, so Throm. Kritisch sieht er auch die deutsche Reimport-Regelung. Sie könne immerhin Engpässe im Ausland verursachen.

Throm räumte ein, dass die Apotheken bei Lieferengpässen zwischen allen Fronten stünden: „Sie müssen ein Ersatzpräparat suchen, ihre Auswahl gegebenenfalls mit dem verschreibenden Arzt abstimmen und dann dem Patienten erklären, warum er das gewohnte Medikament nicht erhält. Schließlich müssen sie noch eine Auseinandersetzung mit der Krankenkasse fürchten, die sich auf das Produkt eines bestimmten Herstellers festgelegt hat.“

Diefenbach: „Zynismus pur“

Hans Rudolf Diefenbach, Vize-Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes (HAV), hielt Throm vor, er verharmlose die Probleme – dies sei „Zynismus pur“. „Die Aussage, in der Regel könnten die Hersteller nach ein paar Wochen wieder liefern, macht mich einfach nur fassungslos“, so der HAV-Vize. „Das kann man doch keinem Patienten, der z.B. an Krebs oder anderen Krankheiten leidet und dringend auf seine Arzneimittel angewiesen ist, ins Gesicht sagen.“ Diefenbach hielt Throm „Unkenntnis der Sachlage“ vor – und lud ihn zugleich zu einem Besuch in seine Apotheke ein. „Ich bin gespannt, auf welches Verständnis er mit diesen Aussagen bei betroffenen Patienten stößt.“ 

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