Arzneimittel und Therapie

Schwangere können gegen Influenza geimpft werden

Laut einer norwegischen Studie mit Daten von mehr als 100.000 Schwangeren konnte während der Pandemie 2009/2010 durch Impfung gegen H1N1 das Erkrankungsrisiko um 70% gesenkt werden. Bei Schwangeren, die sich hatten impfen lassen, kam es nicht – wie zunächst befürchtet – zu einer höheren Totgeburtenrate. Fast doppelt so hoch war diese dagegen bei einer Grippeerkrankung in der Schwangerschaft.

Sowohl für die saisonale als auch für die pandemische Influenza ist erwiesen, dass werdende Mütter einem höheren Risiko für Grippe-bedingte Komplikationen ausgesetzt sind und wegen Atemwegsinfektionen häufigere und längere Krankenhausaufenthalte in Kauf nehmen müssen. Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) empfiehlt daher seit 2010 die Impfung aller Schwangeren gegen saisonale Influenza. Gesunde Frauen sollen die Impfung vorzugsweise ab dem 2. Trimenon erhalten. Für Schwangere mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens wird die Impfung ab dem 1. Trimenon empfohlen.

Während der Influenza-Pandemie 2009/2010 hatte die STIKO empfohlen, Schwangere ab dem zweiten Trimenon gegen den Erreger der "Neuen Grippe", das Influenzavirus A(H1/N1)v-2009, mit einem nicht-adjuvantierten Spaltimpfstoff (Celvapan®) zu impfen. Auch die Anwendung von Pandemrix® – nach sorgfältiger individueller Nutzen-Risiko-Analyse – hatte die Kommission bei Schwangeren befürwortet. Denn obwohl es zu dieser Zeit keine klinischen Studien mit dem adjuvantierten Pandemie-Impfstoff bei Schwangeren gab, hatten die Erfahrungen mit nicht-adjuvantierten saisonalen Influenzaimpfstoffen in der Schwangerschaft bis dahin keinen Hinweis auf Embryotoxizität einschließlich Fehlbildungen des Embryos ergeben. In Tierstudien mit Pandemrix® gab es keine Hinweise auf eine Reproduktionstoxizität.

Studie zum Impfverhalten Schwangerer initiiert


Das Robert Koch-Institut (RKI) hat im Januar 2013 eine Studie mit dem Titel "Impfverhalten schwangerer Frauen" auf den Weg gebracht. Hintergrund dafür ist, dass bisher für in Deutschland lebende schwangere Frauen weder aussagekräftige Daten zum Impfstatus noch Erkenntnisse über ihre Einstellungen, ihr Wissen und Verhalten bezüglich der saisonalen Influenzaimpfung vorliegen. Die Studie soll erste Erkenntnisse über das Impfverhalten schwangerer Frauen in Hinblick auf die saisonale Grippeimpfung erheben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Erfassung von Faktoren, die die Impfentscheidung schwangerer Frauen beeinflussen. In diesem Zusammenhang werden zum Beispiel das Wissen zur Impfung und Erkrankung sowie vermutete Risiken erfragt. Die Ergebnisse der Befragung sollen zur Entwicklung von Strategien, die die Impfbereitschaft gegen saisonale Influenza bei schwangeren Frauen erhöhen, genutzt werden.

Das Markt- und Sozialforschungsinstitut USUMA wird die Befragung im Auftrag des Robert Koch-Instituts im Februar und März 2013 durchführen. Die Analyse der anonymisierten Daten erfolgt am Robert Koch-Institut. Finanziert wird die Studie ausschließlich aus Mitteln des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Daten dienen rein wissenschaftlichen Zwecken und werden nicht an Dritte weitergegeben, so das RKI.

Mehr Totgeburten nach Impfung in Norwegen?

Auch in Norwegen existierte bis 2009 keine Influenza-Impfempfehlung für Schwangere. Mit Beginn der Pandemie entschloss man sich dort, werdenden Müttern die Impfung gegen das H1N1-Virus zu empfehlen. Kurz darauf häuften sich Berichte über Tot- und Fehlgeburten bei Schwangeren, die eine solche Impfung erhalten hatten. Um zu klären, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen Berichten und der Impfempfehlung gab, wurde unter Federführung des norwegischen Institute of Public Health eine epidemiologische Studie initiiert. Dank einer zentralen Identifikationsnummer der Einwohner konnten die dazu benötigten Daten aus verschiedenen Registern wie beispielsweise dem Nationalen Personenregister, dem Impf- und Geburtenregister sowie einem Patientenregister gewonnen werden.

Die Studie hatte drei vorrangig Ziele: Untersucht werden sollte:

  • das Risiko für Totgeburten während der Pandemie (die Hauptwelle fand in Norwegen zwischen Oktober und Dezember 2009 statt)

  • das Risiko für Totgeburten nach Influenzadiagnose

  • das Risiko für Totgeburten nach einer Impfung mit dem Pandemieimpfstoff.

Die Studie schloss 117.347 Schwangerschaften ein. Frauen, die während der Schwangerschaft an Grippe erkrankt waren, hatten ein fast doppelt so großes Risiko für eine Totgeburt wie gesunde werdende Mütter (adjustierte Hazard Ratio, HR, 1,91, 95% KI 1,07 bis 3,41).

Während der Pandemie waren 54% der Studienteilnehmerinnen im 2. bzw. 3. Trimenon gegen Grippe geimpft worden. Diese Impfung reduzierte das Risiko einer Influenzadiagnose um 70% (HR 0,30, 95% KI 0,2 bis 0,34).

Das Risiko für eine Totgeburt konnte durch die Impfung gesenkt werden, allerdings nicht signifikant (HR 0,88, 95% KI 0,66 bis 1,17).

Die Studienautoren sehen ihre Ergebnisse als einen Beleg dafür, dass eine Grippeimpfung in der Schwangerschaft nicht schadet, sondern die Gesundheit der werdenden Mutter und das Leben des Ungeborenen schützen kann.

Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut

Aus den Empfehlungen der STIKO zu Impfungen in Schwangerschaft und Stillzeit


Für Totimpfstoffe, wie z. B. gegen Influenza, Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Hepatitis A und B, stellt eine Schwangerschaft keine Kontraindikation dar. Im ersten Drittel der Schwangerschaft sollten nur dringend indizierte Impfungen durchgeführt werden, um zu verhindern, dass die in der Frühschwangerschaft häufigen Spontanaborte fälschlicherweise mit der Impfung in Zusammenhang gebracht werden und so im Einzelfall für die Betroffenen zu einer besonderen psychischen Belastung werden.

Impfungen mit einem Lebendimpfstoff, z. B. gegen Röteln, Masern-Mumps-Röteln (MMR) oder Varizellen, sind in der Schwangerschaft grundsätzlich kontraindiziert. Nach einer Impfung mit Lebendimpfstoff sollte eine Schwangerschaft für drei Monate vermieden werden. Eine versehentliche Impfung mit MMR-, Röteln- oder Varizellen-Impfstoff in oder kurz vor einer Schwangerschaft stellt jedoch nach nationalen und internationalen Empfehlungen keine Indikation zum Schwangerschaftsabbruch dar.

Das Stillen stellt keine Kontraindikation für Impfungen dar.



Quelle

Håberg, SE, et al.: Risk of Fetal Death after Pandemic Influenza Virus Infection or Vaccination. NEJM (2013); 368:333-340, online publiziert am 24. Januar 2013, DOI: 10.1056/NEJMoa1207210

Studie zum Impfverhalten schwangerer Frauen. Website des RKI, http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/Influenza/Studie_Impfverhalten-schwangerer-Frauen.html

Epidemiologisches Bulletin Nr. 41/2009 des RKI


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn



DAZ 2013, Nr. 7, S. 30

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