Arzneimittel und Therapie

Keine halben Sachen

HIV-Infektion doch nicht geheilt

Der „Berliner Patient“ ist ein stehender Begriff in der medizinischen Literatur. Eine gut durchdachte Knochenmarktransplantation löste für diesen Patienten zwei Probleme: seine Leukämieerkrankung und seine HIV-Infektion. Ähnliche Ansätze für zwei „Bostoner Patienten“ endeten hingegen enttäuschend.

Zur Erinnerung: Der berühmt gewordene, damals 40-jährige Timothy Brown war bereits zehn Jahre lang mit HIV infiziert, als er 2006 mit der Diagnose einer akuten Myeloischen Leukämie (AML) konfrontiert wurde. Beides zusammen, die HIV-Infektion und die Leukämie, bedeutet eigentlich ein tödliches Schicksal. Und doch führte eine Reihe von glücklichen Umständen dazu, dass Timothy Brown bis heute immer noch lebt und als HIV-negativ gilt. Die behandelnden Ärzte wählten damals nicht einen Schnellschuss als Therapieoption. Statt „nur“ nach einem gewebeverträglichen Knochenmarktransplantat zu suchen, das dringend indiziert war, um die akut lebensbedrohliche AML zu behandeln, suchten sie nach einem Transplantat, dessen Spender homozygoter Träger der Deletion CCR5-delta32 war. Solche Menschen sind vor einer HIV-Infektion geschützt, da die meisten HI-Viren das CCR5-Molekül als Co-Rezeptor benötigen, um eine Wirtszelle zu infizieren. Und tatsächlich wurde man fündig, obwohl die Wahrscheinlichkeit sehr gering war. Allerdings scheint sich der Glaube an die minimale Chance gelohnt zu haben, denn Timothy Brown lebt heute auch ohne antivirale Therapie.

Versagen der Schnellschuss-Alternative

Wie gut das Vorgehen der Berliner Therapeuten war, zeigt nun die Geschichte der sogenannten „Bostoner Patienten“. Die Ausgangslage war ganz ähnlich. Beide waren HIV-infiziert und mussten wegen einer Leukämie eine Knochenmarktransplantation erhalten. Der eine bekam diese 2008, der andere 2010. Jedoch wurde hier im Unterschied zu dem Berliner Patienten nicht nach Spendern gesucht, die die CCR5-delta32-Deletion aufwiesen. Das sollte sich als fatal erweisen. Zunächst wurden die Patienten weiterhin anti-retroviral behandelt. Acht Monate lang waren keine Viren nachweisbar. Im Frühjahr dieses Jahres wurde dann ein Auslassversuch gewagt. Zunächst blieben die Nachweisreaktionen auf virale RNA negativ, und am 3. Juli wurde auf einer wissenschaftlichen Konferenz von einer möglichen Virus-Eradikation, vermutlich durch eine „Transplantat versus Wirtszell-Reaktion“ gesprochen. Doch es kam anders. 32 Wochen, nachdem die anti-retroviralen Medikamente abgesetzt wurden, tauchten bei beiden Patienten die HI-Viren wieder auf.

Tiefe Kompartimente als Reservoir für das Virus

Offensichtlich reicht es nicht, ein infiziertes Knochenmark durch ein gesundes Transplantat zu ersetzen. Schon lange wird spekuliert, dass infizierte Zellen in tiefe Kompartimente „abtauchen“ können, wo sie vor der aggressiven Behandlung zur Vorbereitung einer Knochenmarktransplantation geschützt sind. Gelangen diese Zellen wieder in den Kreislauf, setzen sie ohne eine anti-retrovirale Therapie neue Viren frei, die das Immunsystem der Patienten wieder nachhaltig infizieren. Das muss als große Enttäuschung gewertet werden, denn ein passendes Knochenmark eines Spenders mit einer CCR5-delta32-Deletion zu finden, gleicht gewissermaßen einem Lotto-Gewinn. Abgesehen davon ist eine Knochenmarktransplantation keine Therapieoption für eine HIV-Infektion, sondern sollte wirklich nur bei einer entsprechenden Indikation angewendet werden. Der „Berliner Patient“ gilt zwar nicht mehr als HIV-positiv, anscheinend leidet er aber immer noch unter den Spätfolgen der aggressiven Chemotherapie im Vorfeld der Knochenmarktransplantation. 

Prof. Dr. Theo Dingermann und Dr. Ilse Zündorf

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