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„Das Produkt ist der Outcome, nicht mehr die Pille“

DAZ-Interview mit Ornella Barra, Alliance Boots, und Kermit Crawford, Walgreens

MONACO (wes) | Im Sommer des letzten Jahres wurde bekannt, dass die amerikanische Apothekenkette Walgreens beim Pharmahändler Alliance Boots einsteigt, der mit Boots selbst Apotheken betreibt, dazu die europäische Apothekenkooperation Alphega und das Großhandelsgeschäft. DAZ-Chefredakteur Benjamin Wessinger sprach mit Ornella Barra, der Vorsitzenden für das Großhandelsgeschäft bei Alliance Boots, und Kermit Crawford, dem Präsidenten der Apothekensparte von Walgreens, über die Pläne des Unternehmens in Europa und Deutschland, über Walgreens‘ Angebote in den USA und die Zukunft der öffentlichen Apotheken.
Foto: Alliance Boots
Ornella Barra: „Wir haben verstanden, dass es in Deutschland nur selbstständige Apotheker gibt. Und das wollen wir absolut nicht ändern.“

DAZ: Welche Pläne haben Sie in Europa, speziell in Deutschland?

Barra: Lassen Sie mich als erstes ganz klar sagen: Die Partnerschaft von Alliance und Walgreens wird keinerlei negative Auswirkungen auf die Apotheken in Europa haben. Und das gilt selbstverständlich auch für Deutschland!

Auf der anderen Seite werden die Apotheker in Deutschland die Vorteile dieser Partnerschaft sehen können. Denn die Services, die Walgreens in den USA bereits anbietet, können als Vorbild für neue Dienstleistungen in anderen Ländern dienen. Sie bieten tolle Möglichkeiten für die Apotheken in Europa und speziell in Deutschland.

Crawford: Die Walgreens/Alliance-Boots-Partnerschaft erstreckt sich auf drei verschiedene Felder: Erstens der Einkauf, zweitens die Übernahme von erfolgreichen Methoden, von „Best Practice“, und drittens die internationale Expansion.

Beim Einkauf haben wir das Joint Venture mit AmeriSource Bergen. Hier sehen wir die ersten Skaleneffekte beim Einkauf für Walgreens und Alliance Boots, zusammen sind wir der größte Einkäufer von Generika weltweit. Mit dieser Größe haben Sie ganz andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den Herstellern.

Auf dem Feld der internationalen Erweiterungen befinden wir uns in einer exzellenten Ausgangsposition. Wir wollen unsere Pläne in dieser Richtung noch nicht öffentlich machen, aber ich versichere Ihnen, wir werden weiter expandieren.

Foto: Walgreens
Kermit Crawford: „Apotheker können sich nicht mehr mit administrativen Dingen aufhalten, sie müssen sich um ihre Patienten kümmern.“

DAZ: Sie sprachen von Best Practices, also davon, dass man von den Erfahrungen des Partners profitieren kann.

Crawford: Dabei geht es um erprobte Erfolgsmethoden. Aus pharmazeutischer Sicht können wir zum Beispiel die Erfahrungen bei unserem Grippe-Impfprogramm anbieten, das sich zu einem breiten Schutzimpfungsprogramm entwickelt hat. Heute bieten wir alle von den Centers of Disease Control and Prevention empfohlenen Impfungen in unseren Apotheken an. Was aber viel wichtiger ist: Wir beweisen, dass die Apotheker tatsächlich eine größere Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen können. Noch 2006 haben in den USA ausschließlich Ärzte gegen Grippe geimpft. Aber der Zugang zu Gesundheitsleistungen ist ein Problem in den USA, in vielen Gegenden fehlt er ganz. Dort stellen Apotheken oft die einzige Möglichkeit einer gesundheitlichen Versorgung dar.

Dazu kommt, dass sich die Versorgung auch in den USA verändert, von der Behandlung chronischer Erkrankungen hin zur Prävention. Auch hier können wir unsere Erfahrungen mit unseren Partnern teilen.

DAZ: Lassen sich denn die Erfahrungen aus den USA so einfach auf Europa übertragen? Wal-mart, zum Beispiel, musste den deutschen Markt nach jahrelangen Verlusten wieder verlassen.

Barra: Unser Grundsatz war von Anfang an, die Strategien von Land zu Land anzupassen. Aber es ist wichtig, immer innovativ und proaktiv zu sein und erprobte, erfolgreiche Programme aus anderen Ländern einzusetzen. Dieser Grundsatz unterscheidet uns wesentlich von unseren Wettbewerbern.

Außerdem: Die Unterschiede zwischen Wal-mart und Walgreens sind enorm! Ich habe großen Respekt vor Supermärkten wie Wal-mart, aber sie sind nicht mit uns vergleichbar.

DAZ: Können Sie näher erläutern, welche Programme Sie von Walgreens übernehmen wollen?

Crawford: Zugegeben, ich kenne den deutschen Markt nicht besonders gut. Aber eines habe ich bei meinen Reisen um die ganze Welt gelernt: Die Menschen sind überall Menschen. Auch in Deutschland wird die Bevölkerung immer älter, auch in Deutschland gibt es deshalb immer mehr chronische Krankheiten. Deshalb werden auch die Gesundheitskosten steigen. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man eine gute Versorgung zu geringeren Kosten als heute organisieren muss. Und die Apotheke kann eine kostengünstige Alternative zu den heutigen Angeboten sein.

DAZ: Die selbstständigen Apotheker in Deutschland sind in Sorge, wenn so ein großes Unternehmen, das dazu noch zwei große Apothekenketten betreibt, auf den deutschen Markt drängt.

Barra: Wir sind bereits seit 2002 auf dem deutschen Markt. Damit es hier überhaupt keine Missverständnisse gibt: Wir haben verstanden, dass es in Deutschland nur selbstständige Apotheker gibt. Und das wollen wir absolut nicht ändern. Wir unterstützen die selbstständigen Apotheker in Deutschland mit aller Kraft und werden dies auch in Zukunft tun.

Durch die Partnerschaft mit Walgreens bilden wir einen globalen Healthcare-Giganten. Dank der schieren Größe haben wir dadurch viele Vorteile – und diese werden wir mit den lokalen Apotheken teilen. Einer der Gründe, weshalb wir ein großes Unternehmen aufbauen ist, dass wir damit die „lokalen Champions“ besser unterstützen können.

In all den Jahren, die ich nun bei Alliance bin, haben wir nicht eine Minute und nicht ein Pfund darauf verwendet, für eine Liberalisierung des Apothekenmarkts einzutreten. Im Gegenteil, wir haben eine Menge Geld, eine Menge Zeit und eine Menge Angestellte darauf verwendet, der unabhängigen Apotheke neue Services anzubieten und sie zu beschützen.

DAZ: Aber in einem deregulierten Markt würden Sie Apothekenketten einführen?

Barra: In Großbritannien betreiben wir 2500 Boots-Kettenapotheken. Parallel dazu gibt es 1000 selbstständige Alphega-Apotheker. Oder in Tschechien: Der Apothekenmarkt ist dereguliert, wir haben unsere Kooperation Alphega eingeführt, nicht unsere Kette Boots.

DAZ: Welche Vorteile hat denn ein Apotheker, wenn er Alphega beitritt?

Barra: Wenn Sie heute Abend als unabhängiger Alphega-Apotheker ins Bett gehen, können Sie ruhig schlafen, weil Sie wissen, dass Sie die Unterstützung und Rückendeckung des größten pan-europäischen Netzwerks selbstständiger Apotheker haben – eines Partners der zur Verbesserung der Rentabilität beiträgt, der „Best Practice“-Beispiele teilt und Trainings anbietet.

DAZ: In welche Richtung wird sich die Pharmazie und die Apotheke entwickeln?

Crawford: Das Produkt, das Apotheken verkaufen, ist nicht mehr die Pille, das Produkt ist der Outcome für den Patienten. Wie können die Patienten mit ihrer chronischen Erkrankung leben, wie können sie vielleicht eine chronische Krankheit vermeiden – das sind die neuen Produkte, die Apotheken bieten.

Der Apotheker der Zukunft wird nicht mehr Tabletten in ein Fläschchen füllen, das kann heute die Technik übernehmen. Wir wissen heute, dass die Ergebnisse viel besser sind, wenn sich ein Apotheker die Zeit für eine echte Kommunikation und Interaktion mit dem Patienten nehmen kann. Ich bin überzeugt, dass die Apotheker in Zukunft eine viel größere Rolle im Gesundheitswesen spielen, als sie in der Vergangenheit gespielt haben.

DAZ: In Deutschland ist die Einführung des Medikationsmanagements ein sehr aktuelles Thema. Bei Walgreens gibt es das Medication Therapy Management (MTM) bereits. Wie funktioniert das?

Crawford: Wichtig ist, dass wir das Patientenprofil vorliegen haben, wir haben Zugriff auf die Akte. MTM hat viele Aspekte, manche sind sehr einfach, etwa den Patienten von einem Originalpräparat auf ein Generikum umzustellen. In den USA ist es gelungen, mit solchen Programmen eine Generika-Quote von fast 80 Prozent zu erreichen. Das Zweite, was wir anschauen, sind die sogenannten Versorgungslücken. Diabetes-Patienten beispielsweise sollten neben Antidiabetika auch Cholesterinsenker und Blutdrucksenker einnehmen. Wir überprüfen also, ob die Patienten die Arzneimittel, von denen sie profitieren können, auch bekommen. Als Drittes schulen wir die Patienten, beispielsweise zeigen wir ihnen, wie sie ihren Insulin-Pen richtig benutzen.

Aber das wirklich Entscheidende beim MTM ist, die Adhärenz zu verbessern. Weltweit werden jedes Jahr 300 Milliarden US-Dollar durch mangelhafte Adhärenz verschwendet.

DAZ: Woher soll die Zeit kommen, das im stressigen Apotheken-Alltag zu bewerkstelligen, fragen an dieser Stelle viele deutsche Kollegen.

Crawford: Wir bei Walgreens haben den Apotheker von den administrativen Aufgaben und der Logistik der Rezeptbelieferung befreit. Er kann sich voll und ganz dem Patienten widmen. Bei unseren Wettbewerbern ist das anders, dort haben die Apotheker keine Zeit für eine intensive Beratung des Patienten. Doch darum geht es heute doch: Die Apotheker können sich nicht mehr im Backoffice mit administrativen Dingen aufhalten, sie müssen sich um ihre Patienten kümmern. Denn eine intensive Beratung durch einen Apotheker kann die Adhärenz signifikant steigern und dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung in Zukunft zu verbessern. 

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