Arzneimittel und Therapie

ASS für alle?

Übersichtsarbeit stellt Nutzen bei der Primärprävention infrage

In einer systematischen Übersichtsarbeit wurde von der Britischen Regierung der gegenwärtige Kenntnisstand zu Nutzen und Risiken einer Primärprävention kardiovaskulärer und onkologischer Erkrankungen mit Acetylsalicylsäure zusammengefasst. Ihr Fazit: Da der Grat zwischen Benefit und Risiken schmal ist, sollte keine allgemeine Empfehlung zur prophylaktischen Einnahme von Acetylsalicylsäure ausgesprochen werden.

Dem möglichen Nutzen einer regelmäßigen prophylaktischen Einnahme von Acetylsalicylsäure zur Krebsprävention und dem nachgewiesenen Nutzen zur Verhinderung kardiovaskulärer Erkrankungen stehen potenzielle unerwünschte Wirkungen wie gastrointestinale Blutungen und hämorrhagische Schlaganfälle gegenüber. Um das Nutzen-Risiko-Verhältnis genauer einschätzen zu können, wurden von einer britischen Arbeitsgruppe der Universität Warwick, Coventry, eine systematische Review und eine neue Bewertung der vorhandenen Reviews durchgeführt. Für diese Fragestellung konnten insgesamt 27 Arbeiten (randomisierte kontrollierte klinische Studien, Metaanalysen und systematische Reviews) ausgewertet werden. Diesen zufolge senkt Acetylsalicylsäure das Risiko von schweren kardiovaskulären Ereignissen um 10% (RR 0,90) und das Risiko einer schweren koronaren Herzerkrankung um 15% (RR 0,85). Die Gesamtmortalität wird um 6% (RR 0,94) gesenkt. Dies sind allerdings relative Werte. In absoluten Zahlen ausgedrückt, führt die Einnahme von Acetylsalicylsäure auf 100.000 Patientenjahre bezogen zu 33 bis 46 weniger Todesfällen (Gesamtmortalität), zu 60 bis 84 weniger kardiovaskulären Ereignissen und zu 47 bis 64 weniger koronaren Herzerkrankungen.

Was die mögliche Prävention einer Tumorerkrankung anbelangt, so liegt die gepoolte Odds ratio für die Sterblichkeit an Krebs zwischen 0,76 und 0,93. Werden die Ergebnisse der Women‘s Health Study eingeschlossen, liegt die OR bei 0,82. Für kolorektale Karzinome ergab sich eine OR von 0,66. Berücksichtigte man aber Studien, in denen Acetylsalicylsäure jeden zweiten Tag gegeben wurde, lag die OR bei 0,91. Der Nutzen von Acetylsalicylsäure zur Vorbeugung von Tumorerkrankungen setzt ungefähr fünf Jahre nach Beginn der Behandlung ein. In absoluten Zahlen ausgedrückt, kann die Einnahme von Acetylsalicylsäure 34 Todesfälle (auf 100.000 Personenjahre bezogen) aufgrund einer kolorektalen Tumorerkrankung verhindern.

Dem Benefit einer regelmäßigen Einnahme von Acetylsalicylsäure steht das Risiko unerwünschter Wirkungen gegenüber. Und zwar ein Anstieg gastrointestinaler Blutungen um 37% oder 68 bis 117 Ereignisse auf 100.000 Personenjahre bezogen sowie ein Anstieg der Hirnblutungen um 32 bis 38%, das sind auf 100.000 Personenjahre bezogen acht bis zehn hämorrhagische Schlaganfälle.

Fazit der Autoren

Der Benefit einer regelmäßigen Einnahme von Acetylsalicylsäure zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen ist relativ klein und geringer ausgeprägt als in der Sekundärprävention. Dem steht das Risiko unerwünschter Wirkungen, vor allem ein erhöhtes Blutungsrisiko gegenüber. Der Grat zwischen Nutzen und Risiken ist schmal. Die Frage, ob zur Primärprävention eine regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure befürwortet werden soll, ist schwierig zu beantworten, zumal effektivere Möglichkeiten wie etwa Blutdruckkontrolle, Lipidsenkung oder Nichtrauchen ergriffen werden können. Der Nutzen einer regelmäßigen Einnahme von Acetylsalicylsäure zur Primärprävention onkologischer Erkrankungen – insbesondere kolorektaler Karzinome – ist derzeit ebenfalls schwierig einzuschätzen. Bevor eine allgemeine Empfehlung zur Primärprävention kardiovaskulärer und insbesondere onkologischer Erkrankungen mithilfe von Acetylsalicylsäure ausgesprochen werden kann, sollten neue Studien durchgeführt werden. Bis dahin können nur individuelle Entscheidungen getroffen werden. 

Quelle

Sutcliffe P et al. Aspirin for prophylactic use in the primary prevention of cardiovascular disease and cancer: a systematic review and overview of reviews. Health Technol Assess 2013; 17 (43).

 

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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