UniDAZ

Mein Studium in London

Praxisorientierte Pharmazie + Englisch

Von Franziska M. T. Scharpf | Mancher Leser mag sich die Frage stellen: „Warum eigentlich Pharmazie in England studieren?“ Bei mir war es vielleicht zufällig, aber irgendwie auch nicht.
Fotos: Scharpf
Campus der Kingston University London.

Bevor ich meine ersten Schritte auf englischem Boden machte, habe ich einen einjährigen Aufenthalt in Omaha im US-Bundesstaat Nebraska verbracht und die PTA-Schule an der NTA Prof. Dr. Grübler in Isny im Allgäu besucht. Der Wunsch, nochmals ins Ausland zu gehen, reifte dann während meines Praktikums in der elterlichen Apotheke. Das waren die Bausteine, um mich bei der britischen Zentralstelle für die Vergabe von Erststudienplätzen, dem Universities & Colleges Admissions Service (UCAS), zu bewerben.

Drei Universitäten luden mich zum Vorstellungsgespräch ein. Meine Wahl fiel auf die Kingston University London, die mit ihrem erweiterten Angebot eines „Foundation Year in Pharmacy“, also einem pharmazeutischen Grundjahr, meinem Wunsch entsprach, meine englischen Sprachkenntnisse zu vertiefen, bevor ich mit dem Studium beginne. Nach dem erfolgreichen Jahr und einem anschließenden Bewerbungsgespräch an der Universität sowie den „Congratulations“ konnte es losgehen mit dem vierjährigen Pharmaziestudium.

Curriculum des MPharm-Studiengangs

Der Unterricht der ersten drei Studienjahre besteht aus jeweils acht Modulen (Studienfächern), darunter ein Wahlfach im 6. Semester. Im vierten Jahr gibt es nur fünf Module, weil die Studierenden auch ein Forschungsprojekt durchführen. In allen acht Semestern werden wissenschaftliche Grundlagen und komplexere Aspekte der Pharmazie vermittelt (Tab. 1).

MPharm Course

Der Masterstudiengang Pharmacy wurde so konzipiert, dass die Studenten in vier Jahren die notwendigen Kenntnisse über Arzneimittel, angefangen von ihrer Entwicklung bis hin zur Anwendung beim Patienten, sowie über die Therapie und Prävention von Krankheiten erwerben. Außer Dozenten und akademischen Mitarbeitern kümmern sich auch „Teacher Practitioner“ aus Krankenhäusern und öffentlichen Apotheken um die Studenten. Ein Teil des Studiums findet an einer medizinischen Hochschule statt.

Der Unterricht in jedem Studienfach besteht aus Vorlesungen, Workshops, Übungsstunden (Tutorials), Seminaren und praktischem Unterricht (Labors). Er wird durch computer- und problembasiertes Lernen sowie Selbststudium ergänzt.

Alle Fächer sind so aufgebaut, dass die Studierenden ihre Kenntnisse und Fähigkeiten über die Jahre laufend erweitern. Die Kingston University aktualisiert und überarbeitet ihr Curriculum jährlich und muss sich durch die Aufsichtsbehörde, das General Pharmaceutical Council (GPhC), etwa alle vier Jahre rezertifizieren lassen.

„Fitness to Practice“

Ein bedeutender Bestandteil in allen vier Jahren des MPharm-Studiengangs sind die professionellen und klinischen Aspekte der Pharmazie. Um den Studierenden hier relevantes, praxisorientiertes Wissen „up to date“ zu vermitteln, werden alle praxisbezogenen Fächer außer von den Professoren zusätzlich von praktizierenden Apothekern und Ärzten unterrichtet:

  • „Professional Practice“, sprich Apothekenpraxis, von Offizinapothekern
  • „Klinische Pharmazie“ von Klinikapothekern,
  • „Medizin & Therapie“ von Ärzten der St. George’s University London.

Der einfache Satz „Learning by doing” beschreibt den Unterricht ziemlich gut. Die erlernte Theorie in den Vorlesungen wurde abwechselnd in Workshops und Labors in die Praxis umgesetzt.

„Professional Practice“

Sechs Semester lang wird das Fach Apothekenpraxis gelehrt. In den Vorlesungen werden die nötigen Grundlagen gelegt, z.B. über Gesetzeskunde und ethische Aspekte der Pharmazie sowie über die Aufgaben des Apothekers im Gesundheitswesen.

Eine Besonderheit sind die prakti-schen Übungen im „Labor“, einer Art Übungsapotheke, die man sich etwa so vorzustellen hat: Man zieht sich einen sauberen, weißen Kittel an und stellt sich an einen von rund 40 Beratungsplätzen, bestückt mit Medikamenten, Apothekensoftware und wichtigen Nachschlagewerken: British National Formulary (BNF) für klinische Rückfragen; Medicine, Ethics & Practice (MEP) für rechtliche und ethische Rückfragen; Drug Tariff für Rückfragen zur Erstattung durch den Gesundheitsdienst (National Health Service). Ausgerüstet mit einem Kugelschreiber geht man an die Arbeit. Weitere Hilfsmittel wie Taschenrechner oder internetfähige Mobiltelefone sind strikt untersagt.

In den praktischen Übungen geht es vor allem um das Bearbeiten von Rezepten und die Abgabe von Arzneimitteln, was etwa so vonstatten geht: Nach einer kurzen Einführung des Dozenten erhält jeder Student ein Rezept und ein Arbeitsblatt zur Bearbeitung. Da die Studenten bereits nach dem 4. Semester die Prüfung zum Apothekenrecht abgelegt haben, prüfen sie zuerst jedes Rezept auf seine rechtliche Validität. Ebenso schauen sie auf die Sicherheit (Interaktionen, Nebenwirkungen und Kontraindikationen des Arzneistoffs, Complianceprobleme, Missbrauchspotenzial) und die klinische Angemessenheit der Verordnung (Dauermedikation oder Bedarfsmedikation, Indikation, Dosierung). Falls dabei ein Problem auftritt, muss der Student mit dem verordnenden Arzt Kontakt aufnehmen oder mit dem Patienten (gespielt von Apothekern) ein Gespräch führen, um das Problem zu lösen. So erlernt er eine sichere und einfühlsame Kommunikation mit den Patienten (Beratungsgespräch) und das fachliche Gespräch auf Augenhöhe mit den Ärzten. Eine weitere Aufgabe ist die richtige Beschriftung der Abgabegefäße für die hergestellten Rezepturen sowie der Abgabepackungen für Fertigarzneimittel (in England werden nicht nur fertige Packungen abgegeben, sondern viele Arzneimittel werden aus Bulk-Ware „ausgeeinzelt“, d.h. in der Apotheke neu verpackt). Bei der Abgabe von Betäubungsmitteln kommt es auf die richtige Dokumentation an. Schließlich erfolgt die Abgabe des Arzneimittels an den Patienten zusammen mit einer strukturierten Beratung.

Übungsplatz im Fach Apothekenpraxis.

Bei der Erledigung dieser Arbeitsschritte bewerten die Dozenten nicht nur die fachlichen Kompetenzen, sondern auch das gepflegte Erscheinungsbild, die Pünktlichkeit und die saubere Arbeitsweise der Studenten. Hier spielt insbesondere eine kontinuierliche Leistung eine Rolle.

Im 8. Semester trainieren die Studenten, aufbauend auf ihren klinischen Kenntnissen, im Fach Apothekenpraxis das intermediäre Medikationsmanagement, das heißt: arzneimittelbezogene Probleme erkennen und Lösungen vorschlagen. Zudem wird die Beratung bei der Abgabe von OTC-Arzneimitteln – und die Beurteilung der Risiken für Patienten mit bestimmten chronischen Krankheiten – geübt.

Die enge Zusammenarbeit der Kingston University mit mehreren öffentlichen Apotheken ermöglicht es, durch regelmäßige Praktika diese Prozesse im Apothekenalltag zu erleben.

Klinische Pharmazie und Medizin & Therapie

Ab dem 6. Semester haben die Studenten so gute Kenntnisse in Physiologie und Pharmakologie, dass sie in die Fächer Klinische Pharmazie sowie Medizin und Therapie „einsteigen“ können.

Das Fach Medizin und Therapie wird an der St. George’s University gelehrt, wo auch andere werdende Heilberufler (Ärzte, Physiotherapeuten, Krankenpfleger usw.) lernen. Dieses Fach vermittelt die Ätiologie, Epidemiologie und Pathologie häufiger Krankheiten. Ebenfalls erlernt man die besonderen Symptome von Krankheiten, um Differentialdiagnosen ausschließen zu können. Therapeutische Strategien zur Prävention und Behandlung von Krankheiten, deren mögliche Komplikationen und der rationale Einsatz von bestimmten Arzneistoffen in den relevanten Situationen werden intensiv geübt.

Wie wird der Apotheker in die Therapie involviert? Diese Frage beantwortet uns die Klinische Pharmazie. Sie ergänzt das Wissen, das die Studenten in den Fächern Medizin & Therapie sowie Apothekenpraxis erworben haben. Mehrere Praktika konfrontieren die Studenten mit realen klinischen Situationen. Dazu gehört auch ein einwöchiges Praktikum im Krankenhaus. So kam ich mit Kommilitonen in das Lewisham Hospital London, wo wir in Gruppen von zwei bis drei Personen auf verschiedenen Stationen waren. Bestimmte Aktivitäten mussten wir dort selbstständig durchführen, um direkt am Patienten zu lernen und die Theorie in die Praxis umzusetzen.

Zu Beginn des Praktikums haben wir auf der Notaufnahme einen Teil der Patientenanamnese durchgeführt und im Gespräch mit dem Patienten selbst oder seinen Angehörigen die aktuelle Medikation und die Medikationshistorie erfragt. An den folgenden Tagen wurden klinische Medikationsmanagements gemäß SOAP-Schema, Medikationspläne für die Zeit nach der Krankenhausentlassung und – im Beisein des Professors – ein Entlassungsgespräch mit dem Patienten durchgeführt. Für diese Aktivitäten hatten wir freien Zugang zu den Patienten und deren Krankenakten und tauschten uns mit dem Fachpersonal (Ärzte, Krankenschwestern, Ergotherapeuten usw.) aus.

Leistungsnachweise

Um Kenntnisse, Fähigkeiten und die Konstanz der Leistung zu überprüfen und um die richtige Selbsteinschätzung zu stärken, finden im Studium regelmäßig Leistungsnachweise durch schriftliche Arbeiten, Zwischenprüfungen, benotete Workshops und praktische Übungen statt. So gibt es in jedem Semester für jedes Fach ein Examen. Alle acht Module pro Studienjahr müssen bestanden werden, um das nächste Studienjahr antreten zu dürfen.

In den Fächern Apothekenpraxis und Klinische Pharmazie müssen die Studenten – zusätzlich zu den oben genannten Tests – den mündlich-praktischen OSCE-Test (Objective Structured Clinical Examinations) bestehen. In jeweils zehn Minuten müssen sie in acht Stationen ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Der Höhepunkt aller Prüfungen ist der Kompetenztest nach dem 8. Semester, in dem Aufgaben zur Klinischen Pharmazie und Apothekenpraxis gestellt werden. Nur wer diesen Test bestanden hat, wird für das praktische Jahr zugelassen.

Die Millionenstadt London hat auch nahezu romantische Viertel.

„Research Project“

Im 7. und 8. Semester schreiben die Studenten ihre Masterarbeit über ein Forschungsprojekt, für das sie entweder Experimente im Labor durchführen oder ein Thema der Apothekenpraxis wählen. Das Thema meiner Masterarbeit lautete „β-Adrenozeptoren in Kardiomyozyten von Hühnerembryonen“. Fast ein Jahr lang wurden hierzu Woche für Woche neue Eier im Inkubator gebrütet, um aus ihnen Ventrikelkardiomyozyten zu isolieren. Ich kultivierte die Zellen und gab verschiedene Wirkstoffe in die Zellkulturen, um ihre diversen β-Adrenozeptoren pharmakologisch zu identifizieren und zu charakterisieren. Mehrere Vorträge, eine ca. 60-seitige schriftliche Arbeit und ein Poster-Interview mit zwei Wissenschaftlern der Universität rundeten das Projekt ab.

Positives Fazit

Nicht nur weil Kingston für Studenten viel zu bieten hat und man dort „multikulturelle“ Freundschaften schließen kann, bin ich gerne in die Universität gegangen, sondern auch weil das Zusammenspiel von pharmazeutischen und klinischen Fächern das Studium für mich so interessant machte. Vor allem die praktischen Übungen („Labors“) und die vielen Praktika in der öffentlichen Apotheke und Krankenhausapotheke waren etwas Besonderes. Dadurch haben wir den Apothekerberuf nicht nur am Schreibtisch gelernt, sondern selbst die Rolle eines Apothekers gespielt, jede Woche für ein paar Stunden.

Den erfolgreichen Abschluss des Studiums mit dem Titel MPharm hat das Landesprüfungsamt als gleichwertig mit dem 2. Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung (Staatsexamen) anerkannt, sodass ich in Deutschland gleich mit dem Praktischen Jahr beginnen konnte, ohne eine weitere Prüfung ablegen zu müssen.

Ich wollte schon immer in der Apotheke arbeiten, und ein Zufall, der mich nach England verschlug, ermöglichte mir dort neben einer guten Ausbildung auch einen Blick über den Tellerrand. 

Autorin


Franziska M. T. Scharpf, MPharm (Hons), Apothekerin und PTA, Zusatzbezeichnung Geriatrische Pharmazie

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