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Etiketten und Pass

Wie Apotheker Metin Bagli die Compliance seiner Patienten verbessert

Peter Ditzel | Einnahmehinweise zu geben, gehört zum A und O einer guten Beratung in der Apotheke, aber: merkt sich der Patient, was ihm sein Apotheker sagt, wann und wie oft er seine Arzneimittel anwenden muss? Apotheker Dr. Metin Bagli, Katharinen-Apotheke und Kalker Apotheke, Köln, hat Etiketten entwickelt, die mit Einnahmehinweisen in deutscher oder türkischer Sprache bedruckt und auf die Arzneimittelpackungen geklebt werden können. Das verbessert deutlich die Compliance nicht nur seiner türkischsprachigen Patienten. Für diese Idee wurde er mit dem Zukunftspreis des Apothekerverbands Nordrhein und dem Gesundheitspreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Jetzt hat er einen neuen Einfall, der dazu beitragen kann, die Therapietreue zu verbessern.

Das ist Apothekenalltag: eine Apotheke in einem Viertel, in dem viele Patientinnen und Patienten türkischer Abstammung leben, Sprachbarrieren sind da. Wie läuft hier die Beratung ab? Wie werden den Patienten die wichtigsten Hinweise zur Anwendung der verordneten Arzneimittel gegeben? Von Vorteil ist es, wenn in der Apotheke Approbierte und PTA arbeiten, die türkisch sprechen. Doch nicht immer ist das der Fall. Und so behilft man sich mit Übersetzungshilfen oder versucht, „mit Händen und Füßen“ dem Patienten das Wichtigste zum Arzneimittel mit auf den Weg zu geben – in der Hoffnung, dass die Ratschläge und Hinweise verstanden werden und vor allem zu Hause noch präsent sind.

Das Etikett für die Packung

Für Apotheker Bagli, der selbst türkischer Abstammung ist und in Deutschland Pharmazie studierte, war diese Beratungssituation unbefriedigend, obwohl er sich mit seinen türkischen Patienten in ihrer Muttersprache unterhalten kann. Die Verständigung ist hier nicht das Problem. Aber, wie lässt sich erreichen, dass die Einnahmehinweise nicht vergessen werden? Dosierungsangaben wie „3 x täglich“ – auf Türkisch „Günde 3 defa“– schrieb er auf die Packungen, sofern der Platz dafür da war. Aber weitere und genauere Hinweise sind als handschriftliche Zusätze auf der Packung kaum unterzubringen. Baglis Idee: ein Etikett, das mit den wichtigsten Informationen zur Indikation, Anwendung und zum Applikationsort, zur Behandlungsdauer und Aufbewahrung des Arzneimittels in türkischer Sprache bedruckt und auf die Packung aufgeklebt wird. Das Problem dabei war nicht ein Programm zum Bedrucken von Etiketten, sondern es sollte gleichzeitig ein Übersetzungsprogramm türkisch – deutsch hinterlegt sein, das die deutschen Hinweise übersetzt ins Türkische übernimmt.

Das Etikett, das auch in deutscher Sprache ausgedruckt werden kann, hilft auch dem deutschsprachigen Patienten, sich rasch über Medikationshinweise zu informieren.

Auf dem Markt der Software-Anwendungen war eine Lösung, wie sie sich Apotheker Bagli vorstellte, allerdings nicht vorhanden. So blieb ihm nur übrig, ein solches Programm selbst zu entwerfen. Über einen persönlichen Kontakt zu einem Programmierer konnte er seine Idee umsetzen. Eine Datenbank wurde mit den entsprechenden Begriffen für die Hinweise zur Arzneimittelanwendung gefüllt und mit dem Etikettendruck verbunden. Aus dem Programm kann man nun die auf den Patienten abgestimmten Informationen zur korrekten Einnahme und Aufbewahrung des Arzneimittels auswählen. Die Daten werden dann in die Etikettenmaske übernommen und wahlweise wird ein deutsch- oder türkischsprachiges Etikett ausgedruckt in einem Format, das gut auf die Arzneipackungen passt.

Das türkischsprachige Etikett enthält alle Informationen, die der Patient über sein Arzneimittel parat haben sollte. Das Etikett enthält neben dem Namen und Geburtsdatum des Patienten, dem Datum und dem Namen des verordnenden Arztes außerdem die Indikation, den Einnahmeabstand zu den Mahlzeiten, den Zeitpunkt der Einnahme, die Dosierung und Art der Anwendung, die Dauer der Einnahme, Hinweise zur Lagerung und weitere Besonderheiten.

Bis jetzt läuft das Programm nur als eigenständiges Programm, es konnte noch nicht in das Warenwirtschaftssystem der Apotheke integriert werden. Hier sucht Bagli noch nach einer geeigneten Lösung, da es sicher komfortabler ist, aus der Warenwirtschaft heraus die Etiketten zu bedrucken. Und: die Datenbank muss laufend erweitert werden. Im Apothekenalltag ergeben sich immer wieder Anforderungen und Fragen, für die noch keine passende Übersetzung hinterlegt ist. So ist ständig der Fundus der türkischen Begriffe und Hinweissätze zu erweitern. Apotheker Bagli arbeitet daher zurzeit intensiv daran, die hinterlegte Datenbank zu erweitern. „Ich bin hier auf einem guten Weg“, so Bagli, „aber es ist eine immense Arbeit.“ Immerhin, für seine Idee, deutsch- und türkischsprachige Etiketten als Merkhilfe für die Patienten mithilfe eines Softwareprogramms auszudrucken und auf die Packungen zu kleben zur Unterstützung der Compliance, erhielt Metin Bagli den Zukunftspreis des Apothekerverbands Nordrhein und den Gesundheitspreis Nordrhein-Westfalen.

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Sinnvoll ist es, so Apotheker Metin Bagli, die Etikettierung nur denjenigen Patienten als besonderen Service anzubieten, von denen man annimmt, dass es für sie eine Erleichterung und eine Hilfe darstellen könnte.

Natürlich ist es nicht möglich, die Arzneimittel aller Patienten seiner Apotheke zu etikettieren. Hier ist es schon sinnvoll, dies als besonderen Service nur denjenigen Patienten anzubieten, von denen man annimmt, dass es für sie eine Erleichterung und eine Hilfe darstellen könnte. „Hier kann auch die Menschenkenntnis helfen. Denn viele Patienten antworten auf die Frage, ob sie wissen, wie sie ihre Arzneimittel einnehmen müssen, zwar mit Ja – obwohl man spürt, dass sie nicht genau Bescheid wissen und sich nur keine Blöße geben wollen“, weiß Apotheker Bagli aus Erfahrung. Hinzu kommt, dass bisweilen der eine oder andere Kunde bereits sein eigenes System entwickelt hat, wie er mit der Einnahme mehrerer Arzneimittel zurechtkommt. Der eine führt eine persönliche Medikationsliste auf einem Zettel, der andere verwendet Kartons als Organisationshilfsmittel usw. „Das bedeutet“, so Bagli, „dass sich der Kunde umstellen muss, wenn wir ihm ein Etikett anbieten und er alle Hinweise dem Etikett entnehmen kann – was anfangs nicht jeder möchte. Daher ist es auf alle Fälle sinnvoll, das Etikett nicht wortlos auf die Packung zu kleben, sondern den Patienten besonders auf diese Dienstleistung hinzuweisen und ihm das Etikett zu erklären.“ Denn für den einen oder anderen Patienten kann das Etikett zunächst einmal eine Informationsflut bedeuten, er fühlt sich überfordert. Aber: „Die Etiketten dürfen nicht als Ersatz für die Beratung durch den Arzt bzw. Apotheker verstanden werden und sind auf keinen Fall ein Ersatz für den Beipackzettel“ betont Apotheker Bagli. Der Patient findet auf dem Etikett den Arzt, der es verordnet hat, die Indikation des Arzneimittels, wie es genau angewendet wird, wie lange er es einnehmen soll und wie das Arzneimittel aufzubewahren ist. „Wer sich allerdings an das Etikett gewöhnt hat, möchte nicht mehr darauf verzichten“, so Bagli. Die meisten Patienten nehmen das Etikett sehr gerne an.

Eine positive Rückmeldung kommt in aller Regel auch von Angehörigen der Patienten. Sie finden die Idee mit dem Etikett in den meisten Fällen sehr gut, da sie nun mit einem Blick sehen, wogegen das Arzneimittel wirkt und wie es eingesetzt wird. So können sie hier leichter helfen und unterstützend wirken.

Gesundheitspreis für Apotheker Bagli

Für die Entwicklung von Etiketten mit Arzneimittel-Anwendungshinweisen in türkischer Sprache erhält Apotheker Metin Bagli den mit 2000 Euro dotierten 3. Preis beim diesjährigen „Gesundheitspreis Nordrhein-Westfalen“. Die Medikationsetiketten tragen dazu bei, den im Kölner Stadtteil Kalk zahlreichen Patientinnen und Patienten mit türkischer Muttersprache die notwendigen Informationen zur richtigen Anwendung von Arzneimitteln verständlich zu machen, heißt es in der Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Barbara Steffens, die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin: „Der Abbau von Sprachbarrieren erhöht die Sicherheit beim Gebrauch von Medikamenten. Das Projekt der ‚Kalker Apotheke‘ ist äußerst kreativ und zeugt von hohem Innovationspotenzial. Durch die Beratung und die Aushändigung von Anwendungsinformationen in der türkischen Muttersprache können Anwendungsfehler vermieden und eine erhöhte Compliance erreicht werden.“

Ein weiterer Vorteil der individuellen Etikettierung: Sie bietet eine Gelegenheit, mit dem Patienten ins Gespräch zu kommen und sich über die Medikation und Einnahmemodalitäten zu unterhalten. Allein bei diesen Gesprächen konnte Bagli schon zahlreiche unnötige Doppelverordnungen von Arzneimitteln entdecken und Patienten darauf hinweisen, mit dem Arzt Rücksprache zu halten. Oder es können Probleme mit der Verträglichkeit entdeckt und Compliancefragen geklärt werden.

Zurzeit befindet sich das Programm leider noch nicht in dem Zustand der Marktreife, da es noch nicht auf allen Systemen läuft und mit allen Etikettendruckern harmoniert. Hier möchte Bagli aber schnell eine Lösung finden, um es Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stellen zu können. Er ist noch auf der Suche nach einem Partner aus der IT-Welt, der das Programm professionell umsetzt.

Die neue Idee von Apotheker Metin Bagli: ein Medikamenten-Pass, in den alle Arzneimittel, Hilfsmittel, aber auch Einnahmehinweise, Unverträglichkeiten eingetragen werden.

Der Medikamenten-Pass mit Bildern

Neben dem individuellen Etikett für die Packung hat Apotheker Bagli mit seinem Kollegen Apotheker Gence Polat eine weitere Idee entwickelt, wie die Therapietreue der Patienten gefördert werden kann. Die Ausgangssituation: Immer wieder kommen Patienten in die Apotheke, die aufgrund neuer Rabattverträge ein anderes Rabattarzneimittel verordnet bekommen haben als das bisherige und gegenüber einer Umstellung skeptisch sind, da sie das früher verordnete Präparat sehr gut vertragen haben. „Die Rabattverträge machen uns da sehr zu schaffen“, klagt Bagli, „die Patienten wollen das aktuell ausgewählte Arzneimittel oft nicht akzeptieren. Und wir müssen große Überzeugungsarbeit leisten, ihnen zu erklären, dass die Wirkstoffe identisch sind – doch das gelingt nicht immer.“ Die Namen der früher verordneten Arzneimittel können sich Patienten meist nicht merken. Manche bringen den abgerissenen Teil einer Arzneiverpackung mit, andere einen Zettel, auf den sie den Namen, Teile des Namens oder den Hersteller des Arzneimittels notiert haben. Aber nicht nur bei der Abgabe von Rabattarzneimitteln in der Apotheke gibt es Probleme. Manche Patienten möchten ihrem Arzt zeigen, welches Rx-Rabattarzneimittel sie in der Apotheke beim letzten Mal erhalten haben. Oder sie möchten ein OTC-Arzneimittel nachkaufen und wissen nicht mehr genau, wie es heißt. Für alle diese Fälle und um hier zu helfen, dachte sich Apotheker Bagli den Medikamenten-Pass aus. Er entwarf ein kleines Büchlein im Format des Reisepasses. Auf den beiden ersten Seiten des Passes werden Name und Anschrift der Apotheke und des Hausarztes eingetragen, die persönlichen Daten des Patienten und wer im Notfall zu benachrichtigen ist. Wie es sich für einen Pass gehört, ist auch ein Feld vorgesehen, in das ein Porträtfoto des Patienten geklebt werden kann. Dieses Foto kann beispielsweise in der Apotheke mithilfe einer einfachen Digitalkamera erstellt und am Farbdrucker der Apotheke in der passenden Größe ausgedruckt, ausgeschnitten und in den Pass geklebt werden, wenn es der Patient möchte.In die weiteren Seiten des Passes werden die verordneten und in der Selbstmedikation gekauften Präparate übersichtlich eingetragen, jeweils drei Arzneimittel pro Seite mit der dazugehörigen Indikation und den individuellen Einnahmehinweisen. Außerdem – und das ist das Besondere an diesem Pass – ist ein Feld vorgesehen, in das eine Abbildung der Arzneimittelpackung (Packshot) eingefügt werden kann. Diese Abbildungen können zum Teil aus den Internetseiten der Hersteller abgerufen werden. Oder die Apotheke scannt selbst die Packungen vor der Abgabe an Patienten ein und erstellt sich so eine kleine Datenbank mit Packshots, um sie dann bei Bedarf im passenden Format für den Pass auszudrucken, auszuschneiden und in den Medikamenten-Pass zu kleben. Unterteilt ist der Pass dabei in die Rubriken „Meine Medikamente (dauerhaft)“, „Meine Medikamente (zeitlich begrenzt)“ und „Hilfsmittel“. Die beiden letzten Seiten des Passes sind für besondere Hinweise vorgesehen wie „bekannte Allergien“, „unverträgliche Arzneimittel“ und „Notizen“.

Auf den ersten Seiten des Passes werden die persönlichen Daten des Patienten, die Anschriften von Apotheke und Hausarzt eingetragen. Zusätzlich kann ein in der Apotheke angefertigtes Porträtbild des Patienten aufgenommen und eingefügt werden.

Das Besondere des Medikamenten-Passes: Zu den eingetragenen Arzneimitteln wird eine verkleinerte Abbildung der abgegebenen Arzneimittelpackung geklebt. So können Apotheker und Arzt immer feststellen, welches Präparat der Patient erhalten hat.

Auch wenn die meisten der Arzneimittel, die ein Patient erhält, über die Kundendatei abrufbar sind, so kann der Medikamenten-Pass eine größere Transparenz für den Patienten selbst schaffen. Und er kann selbst nachsehen, wie er sein Arzneimittel anwenden muss. Oder er hat eine Dokumentation seiner Arzneimittel bei sich, wenn er beispielsweise auf die Reise geht.

Mit dem Medikamenten-Pass hat der Patient, der bei verschiedenen Ärzten in Behandlung ist, darüber hinaus die Möglichkeit, den Ärzten zu zeigen, was er von anderen (Fach-)Ärzten verordnet bekommen hat.

Foto: Katharinen-Apotheke
Apotheker Metin Bagli (re.) entwickelte Medikationsetiketten in türkischer Sprache. Die Etiketten, die auf die Packungen geklebt werden, helfen, Anwendungsfehler zu vermeiden und tragen zu einer besseren Compliance bei. Zusammen mit seinem Kollegen Gence Polat (li.) treibt er zurzeit eine weitere Idee zur Complianceverbesserung voran: die Entwicklung eines Medikamenten-Passes mit Abbildungen der abgegebenen Packungen.

Was auch machbar ist: Für die Anwendung bestimmter Hilfsmittel und besonderer Devices wie beispielsweise Asthmasprays finden sich im Internet Schulungsvideos. Die Internetadresse (URL) lässt sich über ein einfaches Programm in einen QR-Code verwandeln, der ausgedruckt und ebenfalls in den Medikamentenpass geklebt werden kann. So hat der Patient oder Angehörige des Patienten die Möglichkeit, den QR-Code mit seinem Smartphone zu scannen, die Internetseite aufzurufen, sich das Video anzusehen und sich ins Gedächtnis zu rufen, wie das Produkt genau angewandt wird.

Die nächste Stufe wäre, den Medikamentenpass auch als digitale Version anzulegen, zu pflegen und auszudrucken. Das hätte den Vorteil, dass bei Verlust des Passes immer die aktuelle Version zur Verfügung steht und neu ausgedruckt werden kann. Apotheker Metin Bagli arbeitet bereits daran.

Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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