Deutscher Apothekertag 2013

„100 Milliarden Vertrauensbeweise“

wes | In einer streckenweise kämpferischen Rede, in der Friedemann Schmidt vor allem die Freiberuflichkeit der Apotheker betonte, erstattete der ABDA-Präsident dem Apothekertag seinen Lagebericht. Er beklagte die zunehmende Fremdbestimmung der Apotheker und die massive Dominanz der Krankenkassen. Die neue Bundesregierung forderte er auf, das bestehende Apothekensystem zu stärken und die darin angelegten Lösungsmöglichkeiten für viele Versorgungsprobleme zu nutzen.
Foto: DAZ/Chris Hartlmaier und Alex Schelbert

Schmidt betonte das große Vertrauen der Bevölkerung in die Apotheke und den Apotheker. Über 100 Milliarden Arzneimittel-Einnahmen pro Jahr seien dafür 100 Milliarden Beweise. Dieses Vertrauen finde seinen Ausdruck in der Freiberuflichkeit der Apotheker, denn diese verpflichte die Apotheker, ihr Handeln „konsequent und konsistent am Wohl der Patientinnen und Patienten und der ganzen Gesellschaft auszurichten.“ Die Apothekerschaft stehe in voller Verantwortung und Haftung für die Arzneimittelversorgung. Im Gegenzug habe die Gesellschaft – und die Politik – die Pflicht, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unabdingbar für die Rolle der Apotheker sei die fachliche Unabhängigkeit. Schmidt: „Wer sein berufliches Handeln wesentlich am individuellen Gegenüber ausrichtet, muss von fremden Interessen freigestellt sein.“ Diese Unabhängigkeit sieht der ABDA-Präsident gefährdet durch eine massive Dominanz der Interessen der Krankenversicherung. Es sei eine Aufgabe der neuen Bundesregierung, „wieder für einen angemessenen Ausgleich zwischen dem Interesse der Versicherten nach niedrigen Beiträgen und den Interessen der Patienten nach guter Qualität der Versorgung zu sorgen.“ In den letzten Jahren seien die Patienteninteressen unter die Räder der ökonomischen Zielstellungen der Kassen gekommen.

Schmidt stellte klar, dass es nirgendwo in Deutschland „pharmazeutischen Notstand“ gebe. Das bewusst kleinteilige, bürger- und wohnortnahe Gesundheitssystem biete beste Voraussetzungen, auch in immer dünner besiedelten Gebieten die Versorgung aufrechtzuerhalten. In diesem Zusammenhang stellte er klar, dass die Apotheken auch in Zukunft die Versorgung mit Arzneimitteln sicherstellen werden: „der Apothekenbus ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.“ Genauso gut könne man vorschlagen, dass die Bundeswehr Arzneimittelpakete über den uckermärkischen Wäldern abwerfe. Wer alten Menschen, die unter Immobilität und Krankheit leiden, „eine Art Pillen-Peepshow aus der Videobox“ in den Dorfladen stelle, nehme die Menschen auf den Arm. Sie bräuchten keine technikverliebten Computer-Nerds aus der Großstadt-Apotheke, sondern persönlichen Kontakt und jemanden, der sich um ihre Probleme kümmere.

Foto: DAZ/Chris Hartlmaier und Alex Schelbert

Neue Honorierung

Schmidt forderte nachdrücklich, die im heutigen System bereits angelegten Lösungsmöglichkeiten auch zu nutzen. Es gelte das wohnortnahe System zu stärken und vor „rosinenpickenden Pseudoversorgern“ zu schützen, die zur ökonomischen Erosion beitragen. Denn nicht nur fachliche, auch ökonomische Unabhängigkeit sei notwendig. Das erfordere ein „modernes, zukunftssicheres und differenziertes freiberufliches Vergütungssystem.“ Schmidt kündigte an, dem neuen Bundesgesundheitsminister ein ausgearbeitetes Honorierungsmodell zu übergeben. In diesem sollen auch „qualifizierte, wissensbasierte pharmazeutische Dienstleistungen“ abgebildet sein. Schmidt betonte, dass es bei der Honorierung der Apotheker nicht um technische Kosten gehe, sondern um Löhne und Gehälter vieler Familien. „Wer Apothekerhonorare pauschal und undifferenziert kürzt, wie zuletzt in den AMNOG-Jahren 2011 und 2012, der senkt nicht die Dividende von Aktionären oder die Erfolgsprämie von Vorständen, der ruiniert Existenzen und zerstört Zukunftsperspektiven junger Menschen. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Apothekerhonoraren und Arzneimittelpreisen.“Nachdem in den letzten Monaten eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation der Apotheke eingetreten sei und auch der ordnungspolitische Rahmen durch europäische wie deutsche Gerichte gestärkt wurde, sei der Apothekertag der Anlass, über die zukünftige Rolle und Funktion der Apotheker zu diskutieren. Mit der öffentlichen Debatte darüber, welche Aufgaben die Apotheke in Zukunft ausbauen oder übernehmen wolle, schaffe man bewusst eine Erwartungshaltung der Gesellschaft. Diese zwinge die Apotheker, sich der Diskussion zu stellen. Man wolle handeln, nicht behandelt werden, gab sich Schmidt kämpferisch.

Der ABDA-Präsident beklagte eine zunehmende Trivialisierung des Arzneimittels und die „damit leider einhergehende Selbsttrivialisierung eines Teils unserer Kollegenschaft.“ Das schwäche das Legitimationsfundament der Apotheker. Wissenschaft, praktische Fachkompetenz und Zuwendung zum Menschen machten den Apothekerberuf einzigartig und unersetzlich.

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