Klinische Pharmazie - POP

Medikationsmanagement in der Apotheke - So geht man vor

Von Ina Richling | Das patientenbezogene Medikationsmanagement beinhaltet das direkte Einbringen des Apothekers in die Arzneimitteltherapie des Patienten unabhängig von der Arzneimittelabgabe. Somit besteht die Möglichkeit, dass der Apotheker verstärkt patientenorientiert arbeiten kann. Doch wie kann man die Patienten für das Angebot „Medikationsmanagement“ in der Apotheke begeistern? Wie bereitet man sich darauf vor? Und wie kommuniziert man aufgedeckte Arzneimittelprobleme mit dem behandelnden Arzt?

Schon die Patientenansprache ist nicht ganz einfach für den Apotheker, da es eine eher ungewohnte Tätigkeit ist. Patienten mit mehr als fünf Arzneimitteln in der Dauertherapie (Polymedikation) oder Patienten, die ein spezielles Problem mit ihrer Medikation haben, können offensiv auf das Angebot, ein Medikationsmanagement durchzuführen, angesprochen werden (siehe Kasten). Es bietet sich an, bei Patienten anzufangen, die man schon gut kennt. Das senkt zusätzlich die Hemmschwelle. Ein allgemein sichtbares Serviceangebot zum Beispiel mit Flyern führt dazu, dass auch die Kunden nachfragen.

Formulierungshilfen für die Patientenansprache

Individuelle Einstiegsfragen:

„Wie kommen Sie klar mit der Einnahme Ihrer Medikation?“

„Haben Sie zu Hause Medikamente, bei denen Sie sich nicht mehr sicher sind, wofür Sie sie eingenommen haben?“

„Gibt es Unklarheiten bei der Einnahme Ihrer Medikamente? Wie machen Sie das?“

„Haben Sie das Gefühl, ein Medikament nicht so gut zu vertragen? “

Angebot:

„Da Sie ja einige Medikamente einnehmen, kann ich Ihnen einen neuen Service unserer Apotheke anbieten. Wir würden einmal Ihre ganzen Medikamente zusammen mit Ihnen gründlich überprüfen. Bringen Sie doch einfach alles, was sie zu Hause an Medikamenten haben, mit in die Apotheke.“

(modifiziert nach „ATHINA = Arzneimittel-THerapiesicherheit IN Apotheken” der Apothekerkammer Nordrhein)

Terminvereinbarung

Sobald der Patient Interesse zeigt und einwilligt, einen Medikationscheck in der Apotheke durchführen zu lassen, wird ein Termin vereinbart. Das gibt dem Apotheker Zeit, sich auf den Check vorzubereiten, und dem Patienten wird damit verdeutlicht, dass der Apotheker sich für den Patienten Zeit nimmt und dieser Termin vergleichbar ist mit einem Arzttermin. Festgelegt werden sollten ein zeitlicher Rahmen und die beteiligten Personen. Eine Visitenkarte der Apotheke zur Terminübermittlung hat den Vorteil, dass der Patient bei Absage direkt die Telefonnummer der Apotheke zur Verfügung hat. Als Grundlage für das Medikationsmanagement werden alle Medikamente des Patienten (von verschiedenen Ärzten verordnete sowie Selbstmedikation) als „Brown-Bag“ verwendet. Hier ist es wichtig, auf alle Packungen zu verweisen, die an verschiedenen Aufbewahrungsorten in der Wohnung gelagert werden. Zusätzlich sollten auch die Arzneimittel der letzten zwei Quartale aus der Kundenkarte dazugenommen werden. Sofern vorhanden, sollte der Patient seinen Medikationsplan (selbst geschriebenen oder von der Arztpraxis ausgestellten) mit zum Termin bringen.

Räumliche Voraussetzungen

Die notwendige Diskretion erreicht man durch eine räumliche Trennung vom üblichen Apothekenbetrieb. Benötigte Materialien für den Medikationscheck sind neben einem PC-Zugang mit Internet auch Fachliteratur (ggf. mit Leitlinien) und Infomaterialien für den Patienten.

Kommunikation mit dem Arzt

Bevor ein Medikationsmanagement in der Apotheke gestartet wird, sollten vorab die Ärzte über das Serviceangebot für den Patienten informiert werden. Ärzte aus der unmittelbaren Umgebung, die auch schon in der Vergangenheit kooperativ mit der Apotheke zusammengearbeitet haben, sind gute Ansprechpartner. Die neue Tätigkeit kann in einem persönlichen Gespräch vorgestellt werden oder als Anschreiben (siehe Kasten Arztanschreiben). Im Gespräch mit dem Arzt sollte geklärt werden, in welcher Art der Arzt mit eingebunden werden kann, ob und inwieweit die Praxis Informationen an die Apotheke übermitteln kann, und auf welche Art und Weise mit dem Arzt am besten Kontakt aufgenommen werden kann. Als Kommunikationsweg hat sich das Fax als eine gute und schnelle Klärungsoption erwiesen.

Arztanschreiben

Datum

Sehr geehrte Frau Dr. ....... bzw. Sehr geehrter Herr Dr. .......

Unsere Apotheke bietet unseren Kunden einen Service zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit an. Patienten sollen besser über ihre Arzneimittel und deren korrekte Anwendung informiert werden. Wir bieten den Patienten Gespräche über deren gesamte Arzneitherapie an, um deren Verständnis für die Arzneitherapie zu verbessern.

Wir hoffen damit, die Adhärenz der Patienten für die von Ihnen verordnete Arzneitherapie erhöhen zu können.

Hierzu soll die komplette Medikation der Patienten, einschließlich apothekenpflichtige Arzneimittel, erfasst werden. Dies wird von Apothekern durchgeführt und dient der:

  • Einnahme vor/zu den Mahlzeiten
  • korrekten Handhabung erklärungsbedürftiger Arzneiformen (z.B. Inhalativa)
  • Wechselwirkungen, z.B. gleichzeitige Einnahme von Schilddrüsenhormonen mit Mineralstoffpräparaten, welche die Resorption beeinträchtigen
  • Identifikation von Wissenslücken über die Indikationen, für die die Medikamente verordnet wurden
  • Detektion arzneimittelbezogener Probleme
  • Herausfiltern von abgesetzten Arzneimitteln und/oder Doppelverordnungen
  • Erkennung von Problemen mit der Selbstmedikation.

Um dies durchführen zu können, müssen wir uns mit Ihnen über die verordneten Arzneimittel austauschen, um Unklarheiten bei der Arzneitherapie abklären zu können. Bitte teilen Sie uns mit, wie wir mit Ihnen am besten in Kontakt treten können, ohne Ihren Praxisablauf zu stören (Telefon, Fax oder E-Mail).

Nach dem Gespräch sollen die Patienten mit einem neuen Medikationsplan ausgestattet werden, der dann alle Arzneimittel einschließlich Selbstmedikation enthält. Diesen Plan werden wir Ihnen dann umgehend zukommen lassen, so dass wir damit auch Ihre Informationen zu den vom Patienten verwendeten Arzneimitteln ergänzen können. Sollten aus Ihrer Sicht hierzu Korrekturen nötig sein, bitten wir Sie, uns darüber zu informieren.

Wir würden uns freuen, wenn wir zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit Ihrer Patienten zusammenarbeiten können!

Mit freundlichen Grüßen

Modifiziert nach dem Apo-AMTS-Modell, Ausbildungsapotheke und AMTS-qualifizierte Apotheke der Apothekerkammer Westfalen-Lippe

Am vereinbarten Termin

Der Patient bringt seine gesamten Medikamente (von verschiedenen Ärzten verordnete sowie Selbstmedikation) mit in die Apotheke. Während des Gesprächs mit dem Apotheker kann eine PTA oder auch PKA die einzelnen Packungen einscannen, einen ersten Interaktionscheck machen, gegebenenfalls unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Dosierungen heraussuchen und einen Packzettel ausdrucken.

Um die behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden, sollte am Beginn des Gespräches eine Einverständniserklärung zur Teilnahme an der Medikationsüberprüfung vom Patienten unterschrieben werden.

Entbindung von der Schweigepflicht – Beispieltext

„Hiermit entbinde ich meinen Arzt ....... und meinen Apotheker ....... von der Schweigepflicht, damit beide miteinander ggf. Informationen zur Optimierung meiner Medikation austauschen können.“

Name, Datum, Unterschrift

Narratives Interview

Am Anfang des Gesprächs ist es sinnvoll, den Patienten über seine Arzneimittel berichten zu lassen. Der Apotheker stellt wenige offene Fragen und macht sich während des gesamten Gesprächs Notizen. Fragen wie:

- Wie kommen Sie mit Ihrer Medikation zurecht?

- Wie wenden Sie jedes einzelne Medikament an?

- Haben Sie ein Problem mit Ihrer Medikation oder Bedenken, diese einzunehmen?

- Finden Sie, dass Ihre Medikamente wirken?

- Helfen Ihnen Ihre Medikamente?

- Vertragen Sie alle Medikamente gut?

geben erste Hinweise auf mögliche Arzneimittel-bezogene Probleme.

Der Patient teilt dem Apotheker mit, wie und wann er seine Arzneimittel einnimmt (Dosierung) und gegebenenfalls, ob subjektive Nebenwirkungen bemerkt werden. Fragen zur Adhärenz sind eine Herausforderung. Trotzdem sollten sie gestellt werden. Formulierungen wie:

- Man vergisst ja aus vielerlei Gründen auch schon mal, seine Medikamente einzunehmen. Ist Ihnen das auch schon mal passiert? Wie häufig kommt das vor?

- Haben Sie dann das Dosierschema verändert?

- Setzen Sie Tabletten/Sprays ab, wenn Sie sich besser fühlen?

können Adhärenzprobleme aufdecken.

Der Apotheker erfasst die Gesamtmedikation einschließlich Dosierung sowie subjektive Eindrücke und analysiert nach dem Gespräch die Medikation, indem er sie auf pharmazeutische Probleme hin untersucht, also zum Beispiel Doppelverordnungen, Interaktionen und Kontraindikationen. Hilfreich für die Analyse sind aktuelle Leitlinien (z.B. awmf.org), Fachinformationen und Literatur zur Pharmakotherapie (siehe Artikel: „Arzneimittelbezogene Probleme identifizieren – Ein Leitfaden“ siehe S. 65).

Je nach Ergebnis der Analyse entscheidet er über die weitere Vorgehensweise, also die Art der Intervention. Kleinere Fehler, zum Beispiel Einnahmefehler oder falsche Anwendung, können in einem direkten Gespräch mit dem Patienten geklärt werden. In anderen Fällen wie relevanten Interaktionen oder Kontraindikationen muss eine Rücksprache mit dem Arzt beziehungsweise den Ärzten erfolgen, gegebenenfalls mit einem Optimierungsvorschlag, der in einem sogenannten SOAP-Schema per Fax in die Arztpraxis geschickt wird.

SOAP-Schema

S Kurzbeschreibung des Patienten und seiner Hauptbeschwerden

O Diagnosen, Medikation, Vitalparameter und vorhandene Laborwerte

A Befund (Diskussion und Rationale)

P Medikationsplan („Absetzen:“, „Gabe von:“), Monitoring, Schulung

Medikationsplan und Follow-up

Sobald alle Unklarheiten beseitigt sind, kann man mit dem Patienten einen Termin zu einem Abschlussgespräch vereinbaren, um die Ergebnisse des Medikationsmanagements zu besprechen und um dem Patienten seinen neuen Medikationsplan auszuhändigen. Der neu erstellte Medikationsplan muss vom behandelnden Arzt mit seinen Therapieanordnungen abgeglichen werden, indem der Patient den neuen Plan beim nächsten Arztbesuch vorlegt oder indem er von der Apotheke an die Praxis übermittelt wurde.

Manchmal ist es sinnvoll, nach einigen Wochen ein weiteres Gespräch mit dem Patienten zu führen. Daher kann ein Follow-up-Termin vereinbart werden, um zu sehen, wie der Patient mit seiner neuen Medikation zurechtkommt. 

Autorin

Ina Richling, Apothekerin und PharmD, ist als Filialleitung der Kant-Apotheke in Iserlohn tätig. Außerdem ist sie Referentin für die Apothekerkammern Nordrhein und Westfalen-Lippe im Bereich Fort- und Weiterbildung, Tutorin des Pilotprojekts ATHINA und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WestGem-Studie (MTM und sektorübergreifende Versorgungsforschung bei multimorbiden Patienten) beteiligt.

Kant Apotheke, Hagener Str. 117 a, 58642 Iserlohn

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