Leitbild-Diskussion

Apotheker könnten mehr leisten!

Ein Gespräch zur Leitbild-Diskussion und zur Ausbildung

STUTTGART (du) | Das Tätigkeitsfeld der Apotheker ist im Wandel begriffen. Spätestens mit der Implementierung des Medikationsmanagements als pharmazeutische Tätigkeit in der neuen Apothekenbetriebsordnung wird diskutiert, wie diese Tätigkeit mit Leben zu füllen ist und wie sie honoriert werden muss. Reicht die Ausbildung in Klinischer Pharmazie aus oder muss die Approbationsordnung novelliert werden. In welche Richtung soll sich die Pharmazie entwickeln? Brauchen wir ein neues Leitbild? Im Gespräch mit der DAZ erläutert Dr. Peter Kaiser, Inhaber einer Haupt- und Filialapotheke in Fellbach und Korb am Neckar, seine Sicht vor dem Hintergrund von 30 Jahren Berufserfahrung.
Dr. Peter Kaiser: „Ich persönlich brauche dieses neue Leitbild nicht. Mein selbst gesteckter Ehrenkodex, die Charta Sachsen oder die Berufsordnung drücken so viel aus, dass es keiner Ergänzung bedarf!“

DAZ: Herr Dr. Kaiser, die Diskussion um ein neues Leitbild ist in vollem Gange, was halten Sie davon?

Kaiser: Wenn ich die Charta aus Sachsen sehe, dann muss ich sagen, dass es genau das ist, was ich seit 30 Jahren lebe. Ich persönlich brauche dieses neue Leitbild nicht. Mein selbst gesteckter Ehrenkodex, die Charta Sachsen oder die Berufsordnung drücken so viel aus, dass es keiner Ergänzung bedarf. Leider verpuffen sie genauso, wie der hippokratische Eid. Unter der Spar- und Dokumentationswut, oft getrieben von Kassenfunktionären und selbsternannten Gutachtern (Stichwort Bittere Pillen), Verbraucherschützern und Abmahnjuristen bleibt der Patient auf der Strecke.

DAZ: Was muss geändert werden?

Kaiser: Die Fähigkeiten der Apotheker müssen zum Wohle der Patienten genutzt und angemessen honoriert werden. Vieles ließe sich mit einer vernünftig gestalteten Arzneimittelpreisverordnung und Nutzung der Festbetragsregelung lösen. Auf Normpackungsgrößen, Rabattverträge, Importquote usw. könnte man leicht verzichten. Ich brauche keine tausend Töpfe (Notdienstfonds, Leika, etc.), wenn mir meine kaufmännische Tätigkeit Spielraum für eine ausreichende Mischkalkulation lässt. Jeder zusätzliche Fonds frisst Verwaltungsgebühren, die wir letztlich mit unseren Beiträgen zahlen.

DAZ: Welche Leistungen möchten Sie den Patienten anbieten können?

Kaiser: Ich sehe ein großes ungenutztes apothekerliches Potenzial in der Prävention, der Palliativversorgung, in der Arzneimittelberatung, aber auch als Arzneimittelhändler. In der Prävention ist der Apotheker nicht vorgesehen. Ärzte, Krankenkassen, Heilpraktiker, Internet und Volkshochschulen sind hier aktiv, oft mit zweifelhaftem Ergebnis, ich nenne nur die Impfphobie. In der Hilfsmittel- und Inkontinenzversorgung soll der Apotheker in die billigste Flatrate-Versorgung gezwungen werden oder wird von der GKV ausgegrenzt, zum Schaden der Patienten auf dem Land und in Stadtrandgebieten. Ich habe viele Fortbildungen besucht, ich könnte viel für die Patienten tun, aber Apotheker werden von den Kassen weggemobbt.

DAZ: Sie sehen auch ein ungenutztes Potenzial in der Arzneimittelberatung. Was könnten Sie Ihren Patienten jetzt schon anbieten? Wie bewerten Sie die Diskussion um die neue pharmazeutische Dienstleistung „Medikationsmanagement“? Sind Sie für diese Aufgabe gerüstet, bereitet das Studium darauf ausreichend vor?

Kaiser: Ich hatte das große Glück, in den 80er-Jahren bei Professor Ammon und Professor Verspohl in Tübingen eine solide Ausbildung in Pharmakologie und Klinischer Pharmazie zu erhalten. Davon zehre ich noch heute. Mir ist klar, dass vor allem ältere Kolleginnen und Kollegen an anderen Universitäten nicht in diesen Genuss gekommen sind. Wenn ich aber dann lesen muss, dass nach über zehn Jahren der Implementierung des Faches Klinische Pharmazie in der Approbationsordnung nicht einmal alle Pharmazeutischen Institute einen Lehrstuhl für dieses Fach haben, dann bekomme ich einen dicken Hals, wenn ich meine Steuern bezahle.

Apotheker Dr. Peter Kaiser im Gespräch ...
… mit Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ.

DAZ: Wenn nun alle Institute einen Lehrstuhl für Klinische Pharmazie hätten, reicht das Wissen, das nach heutiger Approbationsordnung in Klinischer Pharmazie vermittelt werden muss für die Anforderungen, die ein Medikationsmanagement heute vor allem bei multimorbiden Patienten erfüllen muss? Oder muss die Approbationsordnung angepasst werden?

Kaiser: Sicher ist eine Verschiebung des Schwerpunktes zur Klinischen Pharmazie wünschenswert. Trotzdem plädiere ich für eine solide Grundausbildung in pharmazeutischer Chemie, Biologie, Technologie und Pharmakologie. Das Studium soll so gestaltet sein, dass auf dieser Grundlage alle Anforderungen im Berufsleben mit entsprechenden Fortbildungen zu meistern sind. Darüber hinaus würde ich es begrüßen, wenn das Studium weniger verschult wäre und den Studenten mehr Wahlmöglichkeiten blieben. 20% freie Wahl und 80% Pflichtveranstaltungen wären schon ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wogegen ich mich strikt wehre ist gegen jede Art von Pflichtweiterbildung und gegen die Zertifizierungsflut. Ich brauche für meine Patienten in der Apotheke nicht eine Wand voller Zertifikate, ich überzeuge durch meine Arbeit.

DAZ: Sie sprachen die Aufgabe des Apothekers als Arzneimittelhändler an, wie sieht die Situation heute aus, was liegt alles im Argen?

Kaiser: Als Apotheker habe ich die Aufgabe, durch ausreichende Lagerhaltung und Herstellerbewertung eine ausreichende und sichere Arzneimittelversorgung sicherzustellen. Durch staatliche geförderte Intransparenz der Lieferwege, Stichwort Versandhandel, und die Herstellung in Billigst-Lohnländern ist die Liefersicherheit und Produktqualität sehr stark gefährdet. Jetzt sollen wir mit Securpharm den Karren aus dem Dreck ziehen. Bei den Rabattverträgen leisten wir die Arbeit und bekommen den Patienten-Unmut ab. Und wenn ich mir meine Defektquote von ganz alltäglichen Arzneimitteln wie Metoprolol, Euthyrox oder Tamoxifen anschaue, dann hat das riesige Ausmaße angenommen. Ganz alltägliche Artikel sind wochenlang nicht lieferbar. Ich darf dann zwar nach Dokumentation der Nichtlieferfähigkeit ein passendes Alternativpräparat abgeben, aber natürlich nur eines der drei billigsten, ohne dabei auf der sicheren Seite zu sein, denn ich kann noch bis zu einem Jahr retaxiert werden.

DAZ: Wo sehen Sie grundlegenden Änderungsbedarf?

Kaiser: Es muss uns gelingen, die Gräben zwischen Leistungserbringern und den Krankenkassen bzw. der Politik zuzuschütten. Diese Feindschaft, die sich sei der Ägide von Ulla Schmid als Gesundheitsministerin etabliert hat, ist kontraproduktiv. Der Leidtragende ist der Patient. In meinen 30 Jahren Berufsleben habe ich mir bei vielen Ärzten und Patienten Vertrauen erworben, das ich wesentlich besser zum Wohle der Patienten nutzen könnte, wenn man mir die Möglichkeit dazu geben würde. Warum darf ich beispielsweise einem Patienten, der seit Jahren eine Dauermedikation erhält, diese nicht aushändigen, wenn der Arzt im Urlaub ist? Ein umfassendes Konzept für Reformen habe ich auch nicht. Aber wenn wir nicht alle Beteiligten ins Boot holen, sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels. Ein bisschen weniger Bevormundung des Bürgers und mehr Eigenverantwortung täten uns gut.

DAZ: Herr Dr. Kaiser, wir danken für das Gespräch! 

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