Arzneimittel und Therapie

Panenzephalitis häufiger als angenommen

Masern treten in Deutschland wieder vermehrt auf. So wurde die Zahl der 2012 gemeldeten Masernfälle von 166 in diesem Jahr bisher bereits um ein Mehrfaches übertroffen. Noch Jahre nach einer Maserninfektion kann mit der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) eine Spätkomplikation auftreten, die durch Veränderungen der Persönlichkeit bis hin zu massiven und häufigen Myoklonien und Krampfanfällen charakterisiert ist.

Mit Stand 17. Juli 2013 sind in Deutschland 1095 Masernfälle dem Robert Koch-Institut gemeldet worden. Die Zahl der tatsächlichen Erkrankungen wird wesentlich höher geschätzt, da ein großer Teil der Erkrankten nicht vom Arzt behandelt und auch nicht jede behandelte Erkrankung gemeldet wird. Erschreckende Zahlen, denn die Erkrankung ist bei weitem keine so harmlose Kinderkrankheit, wie gern postuliert wird. Durch die Masernvirus-Infektion wird das Immunsystem vorübergehend für etwa sechs Wochen geschwächt. Es kann zur bakteriellen Superinfektion wie Otitis media, Bronchitis, Pneumonie und Diarrhöen kommen. Eine besonders gefürchtete Komplikation ist die akute postinfektiöse Enzephalitis, zu der es in 0,1% der Fälle kommt. Sie tritt etwa vier bis sieben Tage nach Auftreten des Exanthems mit Kopfschmerzen, Fieber und Bewusstseinsstörungen bis zum Koma auf. Eine sehr seltene Spätkomplikation ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die sich nach durchschnittlich sechs bis zehn Jahren manifestiert. Sie führt zu einem schleichenden Verlust von geistigen Fähigkeiten, repetitiven und häufigen Myoklonien, Krampfanfällen und kann im Wachkoma enden. Durch die lange Latenzzeit ist es schwer, Zahlen zur Häufigkeit anzugeben. Bisher ging man davon aus, dass es zu 1 bis 10 SSPE-Fällen pro 10.000 bis 100.000 Masernerkrankungen kommt. Doch eine aktuelle Veröffentlichung zeigt, dass die SSPE möglicherweise häufiger ist: Es kam bei einem von 3300 Kindern im Alter unter fünf Jahren nach der Maserninfektion zu einer SSPE. Die Autoren recherchierten insgesamt 31 Kinder, die zwischen 2003 und 2009 in deutschen Kliniken mit entsprechenden Symptomen behandelt wurden. Bei 13 Kindern konnte eine Maserninfektion im Zeitraum von 1994 bis 2001 ermittelt werden. Alle Kinder waren zum Zeitpunkt der Maserninfektion jünger als fünf Jahre alt. Die Autoren diskutieren, dass das Risiko um so mehr steigt, je früher die Kinder an Masern erkrankten. Sie appellieren an alle Eltern, die Kinder gegen Masern impfen zu lassen, denn ein Schutz vor der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis sei nur durch die Eliminierung der Masern möglich!

Masernimpfung


Der Mensch ist der einzige Wirt des Masernvirus. Und da ein geeigneter Impfstoff zur Verfügung steht, ist eine Prävention bis hin zur weltweiten Elimination möglich. 1984 wurde die Elimination der Masern als ein wesentliches Ziel der WHO benannt. Zwar wurden in Europa Morbidität und Mortalität drastisch reduziert, ausgerottet sind die Masern aber noch lange nicht. Der vorgegebene Indikator für die Masernelimination liegt bei einer Inzidenz von < 0,1 Erkrankung pro 100.000 und wurde in Deutschland bisher nicht erreicht. Zur Impfung steht ein Lebendvirusimpfstoff zur Verfügung, der aus abgeschwächten Masernviren hergestellt wird. Die Erstimpfung sollte im Alter vom vollendeten 11. bis zum 14. Monat erfolgen, d.h. nach dem Verschwinden der maternalen Antikörper. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe bewirken bei über 90% der einmal Geimpften eine Serokonversion. Bis zu 5% der Impflinge zeigen die sogenannten "Impfmasern" mit mäßigem Fieber, flüchtigem Exanthem und respiratorischen Symptomen, meist in der 2. Woche nach der Impfung. Die Zweitimpfung wird im Alter von 15 bis 23 Monaten empfohlen. Sie soll bei den Kindern, die nach der Erstimpfung keine Impfimmunität entwickelt haben, diese ermöglichen.


Quelle

Schönberger K, Ludwig M-S et al. Weissbrich B. Epidemiology of Subacute Sclerosing Panencephalitis in Germany from 2003 to 2009: A Risk Estimation. PLoS ONE 2013; 8(7).

Informationen für Medien zu Masern und Impfung, Robert Koch-Institut vom 19. Juli 2013.

Masern. Merkblatt für Ärzte vom Robert Koch-Institut.


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