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Apotheker – Schlüsselfigur in der Selbstmedikation

LISSABON (diz). Nach Ansicht der europäischen Hersteller von Arzneimitteln für die Selbstmedikation ist es notwendig, der Politik, aber insbesondere auch der Bevölkerung noch stärker als bisher den Wert der Selbstmedikation nahezubringen. Eine Schlüsselfigur für diese Aufgabe dürfte der Apotheker sein, der mehr als bisher diese Rolle annehmen und ausfüllen sollte. Die 59. Jahrestagung des europäischen Verbandes der Selbstmedikationsindustrie (AESGP) vom 5. bis 7. Juni in Lissabon versuchte das Potenzial für die Selbstmedikation auszuloten, das in diesem Markt noch vorhanden sein dürfte.
Auf dem portugiesischen Arzneimittelmarkt gibt es seit wenigen Jahren drei Kategorien von Arzneimitteln: die verschreibungspflichtigen Arzneimittel, die OTCs, die es nur in der Apotheke gibt, und die OTCs, die auch in Supermärkten und bestimmten OTC-Shops verkauft werden dürfen. Im Bild: Eine der mehreren kleinen Apotheken in der Fußgängerzone von Lissabon.
Fotos: DAZ/diz

Mit großer Freude schauen die europäischen Arzneihersteller auf die Märkte der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China). Dort zeichnet sich auf dem Markt der Selbstmedikationsarzneimittel ein deutlicher Wachstumsschub ab. In europäischen Märkten dagegen ist Umsatzwachstum bei Selbstmedikationsarzneimitteln verhalten oder nur in geringem Umfang festzustellen, wie beispielsweise auch in Deutschland. Und so suchen die Arzneihersteller nach Möglichkeiten, wie auch in Europa die Selbstmedikation dauerhafte Wachstumsimpulse bekommen kann. Notwendig dafür sind Innovationen, ein sicherer Gebrauch der Arzneimittel, hohe Qualität, ein leichter Zugang zu diesen Arzneimitteln und eine klare Kommunikation mit dem Verbraucher. Dass der Apotheker dabei eine Schlüsselrolle spielt, zeigen immer wieder Umfragen, wonach beispielsweise 69 Prozent der Bevölkerung den Apotheker um Rat fragen, wenn es um OTC-Präparate geht.

Switches beleben die Selbstmedikation

Neue Impulse für die Selbstmedikation gehen in vielen Fällen von Switches aus, d. h., wenn Rx-Arzneimittel aus der Verschreibungspflicht entlassen und für die Selbstmedikation verfügbar werden. Der Wermutstropfen dabei: So manche Verbraucher glauben, dass durch einen Switch das Arzneimittel an Wert verliert – ähnlich wie viele Verbraucher in Deutschland glaubten, dass OTC-Arzneimittel weniger oder schlecht wirken, weil sie nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden.

Dennoch, die Selbstmedikationshersteller freuen sich im Allgemeinen darüber, wenn Wirkstoffe aus der Verschreibungspflicht entlassen werden. Zum Beispiel hat sich bei den Präparaten zur Raucherentwöhnung der Umsatz verdoppelt, nachdem sie ohne Rezept erhältlich wurden.

Aber, nicht jeder Switch war und ist für die Industrie eine Erfolgsgeschichte. So gibt es auf dem Markt auch Beispiele dafür, dass die Entlassung aus der Verschreibungspflicht nicht den gewünschten Erfolg brachte, insbesondere, wenn die Präparate sehr erklärungsbedürftig sind und mit weiteren Auflagen für die Apotheke verbunden sind, z. B. mit einer besonderen Beratung der Kunden. Ein Beispiel für einen eher schwierigeren Switch in Großbritannien ist der Arzneistoff Tamsulosin gegen die benigne Prostatahyperplasie. Das Präparat wurde unter dem Namen Flomax unter bestimmten Auflagen aus der Verschreibungspflicht entlassen. Der Patient muss allerdings in der Apotheke mit dem Apotheker einen Fragebogen ausfüllen. Und der Apotheker muss den Patienten dann, abhängig von den Antworten, an den Arzt verweisen.

Besser scheint dagegen ein Switch in den USA anzulaufen: Seit Ende Januar ist dort der Wirkstoff Oxybutinin (Handelsname Oxytrol) als transdermales System (Hautpflaster) für die überaktive Blase der Frau auf dem Markt frei erhältlich.

Der Umsatz im europäischen Selbstmedikationsmarkt geht nicht steil nach oben. Im Bild: der berühmte Elevador de Santa Justa in Lissabon, der die Baixa (die Unterstadt) mit der Chiado und Bairro Alto (Oberstadt) verbindet. Der Aufzug wurde 1902 von Gustave Eiffels Schüler Raoul Mesnier de Ponsard gebaut.

Vertrauen im Mittelpunkt

Wichtig sei es dabei, so die Industrie, dem Verbraucher den Wert des Arzneimittels in der Selbstmedikation nahezubringen und der Politik die Einsparpotenziale für die Krankenversicherung aufzuzeigen. Immer wieder war dabei auf dem Kongress die Rede vom Vertrauen: Der Hersteller müsse dem Verbraucher vermitteln, dass er dem Arzneimittel vertrauen könne im Hinblick auf die versprochene Wirkung und einer sicheren Anwendung. Die Werbung für Selbstmedikationsarzneimittel, so die Hersteller selbstkritisch, dürfe daher nicht überziehen und keine falschen oder irreführenden Versprechungen abgeben.

Wie eine Untersuchung zeigte, stehen viele Verbraucher der Pharmaindustrie und den Arzneimitteln ambivalent gegenüber. Während der Patient sein Arzneimittel, zu dem er Vertrauen aufgebaut hat, akzeptiert und schätzt, sieht er andere Arzneimittel, aber auch die Pharmahersteller selbst nicht selten mit skeptischen Augen: Arzneimittel werden irrational als "fremde Mächte" eingestuft, von denen man nicht weiß, was sie mit dem eigenen Körper machen, wie die Studie des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) gezeigt hatte (siehe hierzu auch die Vorstellung der Studie in DAZ 2013, Nr. 22, S. 56).

Eine Forderung, die von der Europäischen Verbraucherorganisation erhoben wurde, lautet: bessere Beipackzettel! Es sei zwar bekannt, dass viele rechtliche Anforderungen in den Ländern die Beipackzettel verkomplizierten, aber dennoch sollten sich die Hersteller bemühen, weniger medizinische Fachausdrücke zu verwenden, eine übersichtlichere Aufteilung des Textes mit größeren Buchstaben zu realisieren sowie deutliche Hinweise auf die sachgerechte Lagerung und das Verfallsdatum aufzunehmen. Auch die Namensgebung von Arzneimitteln sei zum Teil grenzwertig. Es dürfe nicht sein, so die Kritiker, dass aus Marketinggründen unter einer Dachmarke Arzneistoffe für verschiedene Anwendungsgebiete geführt werden. Dies führe zu Verwirrung und möglichen Falschanwendungen von Arzneimitteln.

Eher kritisch gesehen wurde auf der AESGP-Veranstaltung die Präsentation eines spanischen Herstellers, dem es mit behördlicher Genehmigung gelungen war, ein ehemals verschreibungspflichtiges Präparat mit nur kleinen Veränderungen in der Formulierung umzuswitchen in ein Kosmetikum. Während nach wie vor Suppositorien nur in der Apotheke erhältlich sind, wird die Creme gegen Cellulite nun als Kosmetikum (Thiomucase) vermarktet.

Selbstmedikation – auch ein wirtschaftliches Standbein

Wie der Vorsitzende des BAH, Hans-Georg-Hoffmann, am Rande der AESGP-Tagung zum Thema Switches erläuterte, liegt Deutschland bei der Anzahl der Entlassungen aus der Verschreibungspflicht in einem guten Mittelfeld. Voraussichtlich werden in Deutschland bald weitere Triptane aus der Verschreibungspflicht entlassen werden. Mehr Switches gibt es dagegen in England. Die Behörde dort sei Switches gegenüber aufgeschlossener als das deutsche Amt. So dürften hierzulande Industrievertreter lediglich Vorschläge in den zuständigen Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht einbringen, sie seien aber nicht stimmberechtigt.

Auch Hoffmann sieht im Apotheker eine Schlüsselfigur für die Selbstmedikation. Da Selbstmedikation beim Patienten ein Grundwissen über seine Erkrankung und Befindlichkeitsstörung voraussetze, komme dem Apotheker die Aufgabe zu, solches Wissen dem Patienten zu vermitteln.

Darüber hinaus stelle die Selbstmedikation gerade in der heutigen Zeit ein wirtschaftliches Standbein für die Apotheke dar, das nicht unterschätzt werden dürfe. Hoffmann sieht es daher als kritisch an, wenn sich Berufspolitiker als Hardliner gegen die Selbstmedikation in der Apotheke aufspielen nach dem Motto: "Nur ein nicht verkauftes Arzneimittel ist ein gutes Arzneimittel." Der Kunde, der für die Linderung seiner Beschwerden ein Arzneimittel erwerben möchte, werde enttäuscht und wandere ins Internet ab. Hier allerdings fände nicht die notwendige Wissensvermittlung für die Selbstmedikation statt.

Generell sieht Hoffmann die Informationsmöglichkeiten über Arzneimittel in Deutschland als begrenzt an. Es gebe hier ein Dilemma zwischen seriöser Information und Werbung. So sollte man auch darüber nachdenken, ob der gesetzlich vorgeschriebene Abspann bei Rundfunk- und TV-Werbung ("Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren ...") in dieser Form noch zeitgemäß ist oder ob er die Risiken des Arzneimittels überbetont und den Nutzen außer Betracht lässt.

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