DAZ aktuell

Die schweigende Mehrheit

Gerhard Schulze

Vor Kurzem hielt der neue ABDA-Präsident Friedemann Schmidt eine Rede auf dem Sächsischen Apothekertag. Darin entwickelte er Gedanken zum anstehenden Wandel des Apothekerberufs. Er sprach über die Herausforderungen, vor denen nicht nur der Apotheker, sondern das Gesundheitssystem insgesamt steht, und wie man ihnen begegnen könnte. Darüber geredet wird schon lange, getan hat sich bislang wenig. Weder gibt es neue Ausbildungsinhalte, noch wird pharmazeutische Beratung honoriert, noch wird die Fachkompetenz des Apothekers als das wahrgenommen, was sie ist und sein könnte. Bleibt alles beim Alten, so muss man nach Lage der Dinge befürchten, könnte der Heilberuf Apotheker im schlimmsten Fall über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden.

Einige Apotheker haben auf Schmidts Rede im Internet via Fachpresseportalen reagiert. In ihren Kommentaren spürt man Ablehnung und Wut, vieles davon zielt unter die Gürtellinie. Hauptargument, sofern erkennbar: Es sei eben so, wie es ist, der Apotheker leiste schon genug, man verschone ihn bitte mit Zukunftsgeschwätz und elitären Anwürfen.

Sprechen diese Apotheker aus, was die meisten Apotheker denken? Oder sind jene, die gegen Schmidt wettern, nur eine besonders lautstarke Gruppe, während jene, die sich nicht zu Wort melden, ganz anders denken?

Diese Frage markiert ein Problem der Empirie und eine systematische Fehlerquelle von Meinungsumfragen: Was denken Befragte, die für ihre Interviewer entweder nicht erreichbar sind oder ihre Mitarbeit verweigern? Die Publizistin und Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann prägte in diesem Zusammenhang Begriffe wie "Schweigespirale" und "schweigende Mehrheit". Ihrer Theorie nach äußern sich Menschen nur dann, wenn sie das, was sie zu sagen haben, für die Mehrheitsmeinung halten. Wenn sie dagegen glauben, mit ihren Ansichten alleine dazustehen, halten sie sich lieber zurück.

Als Noelle-Neumann die Theorie der Schweigespirale in den 1970er Jahren entwickelte, war das, was die Menschen für die Mehrheitsmeinung hielten, von den Massenmedien geprägt. Was im Fernsehen gezeigt wurde oder in den Tageszeitungen und Wochenblättern stand, war tonangebend. Nun sind aber durch das Internet neue Mitspieler dazugekommen. Sie posten, twittern, chatten und liken. Jeder scheint etwas zu sagen zu haben. Ist das nun endlich die Stimme der schweigenden Mehrheit? Ist sie am Werk, wenn sich "Schwarmintelligenz" zeigt oder ein "Shitstorm" losbricht?

Ja und Nein. Die Idee der schweigenden Mehrheit stammt aus einer Zeit, in der die Rollen noch klar verteilt waren. Hier die Zuschauer, Zuhörer und Leser, dort all jene, die ihre Meinung äußerten. Diese Trennlinie verblasst, und immer mehr Menschen sind beides zugleich: Rezipient und Produzent von Meinungen. Also ja: die schweigende Mehrheit ist sichtbarer geworden.

Trotzdem dürfte es Schweigespiralen nach wie vor geben. Was im Internet an Meinungen zirkuliert, ist sich oft sehr ähnlich, zu vielen Themen scheint eine Art Grundkonsens zu herrschen. Sobald sich zu einem kontroversen Thema der erste Schwarm gebildet hat, sei er auch noch so klein, hat sich eine öffentliche Meinung konstituiert und wer davon abweicht, steht alleine da.

Was denkt die Mehrheit der Apotheker über die ABDA und ihren Präsidenten? Halten sie – im Gegensatz zu den paar Apothekern, die ihre Kritik lautstark und polternd zum Ausdruck bringen – die ABDA für eine tolle Standesvertretung, die effizient und engagiert arbeitet, immer an den Sorgen und Nöten der Basis dran, mit einem neuen Präsidenten, der all das verkörpert? Wohl kaum. Selbst ich als Außenstehender verstehe die schäumende Wut über die jüngsten Pleiten und Pannen, die Erbitterung über die Ineffizienz von Spitzenfunktionären und die Selbstherrlichkeit von Berufsorganisationen, die teilweise nichts anderes im Sinn zu haben scheinen, als sich gegenseitig zu bekämpfen. Das kann man doch gar nicht gut finden, selbst wenn man noch so konstruktiv und wohlmeinend ist.

Mir ist keine Standesvertretung bekannt, die bei ihren Mitgliedern so verhasst zu sein scheint wie die ABDA. Und dass sich die ABDA-Führung mit Figuren wie Thomas Bellartz, Florian Martius oder Sven Winkler blamiert, bestätigt den eingespielten Unmut jener, die sich in der Fachpresse zu Wort melden.

Dennoch sind hier Reflexe am Werk, die dem, was Friedemann Schmidt in Dresden gesagt hat, nicht gerecht werden. Bei allen Fehlern der ABDA – hier ist einmal jemand angetreten, der wirklich etwas bewegen könnte und der etwas Ermunterung brauchen könnte. Ob die schweigende Mehrheit das auch so sieht? Ich werde es wohl nicht erfahren, aber glauben kann ich es schon.


Gerhard Schulze

Gerhard Schulze, geb. 1944, ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg. Seine Arbeiten untersuchen den kulturellen Wandel der Gegenwart.

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