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Kassen schreiben Grippeimpfstoffe trotz anhaltender Kritik weiter aus

BERLIN (ks). In elf der 17 Kassen-Regionen Deutschlands haben die gesetzlichen Krankenkassen die Versorgung ihrer Mitglieder mit Grippeschutzimpfungen für die kommende Saison ausgeschrieben. In den meisten Fällen sind die Exklusivverträge mit einem Hersteller bereits unter Dach und Fach. Sowohl bei Apothekerorganisationen als auch beim Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa) sieht man das Vorgehen der Krankenkassen überaus kritisch.

In einer Region nach der anderen vermelden die Krankenkassen den erneuten Abschluss von Rabattverträgen über Grippeimpfstoffe für den Sprechstundenbedarf. So erfolgten erst letzte Woche die Zuschläge für Sachsen und Thüringen. Ausgerechnet Novartis Vaccines machte in vier der fünf ausgeschriebenen Gebietslose das Rennen. Nur in der Region Leipzig erhielt Sanofi Pasteur den Zuschlag. Verwunderlich ist dies vor allem vor dem Hintergrund, dass Novartis nach seinen Lieferausfällen der vergangenen Saison zunächst erklärt hatte, sich nicht mehr an Ausschreibungen zu beteiligen. Doch die Gefahr, von der Versorgung weitgehend ausgeschlossen zu sein, ist offenbar zu groß – und so spielte Novartis das Spiel der Kassen nun doch wieder mit. Insgesamt hatten bei der Ausschreibung für Sachsen und Thüringen nur jeweils drei Hersteller pro Gebietslos mitgeboten.

Selbst Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg, die in der vergangenen Saison mit Novartis als Exklusivpartner die schlechtesten Erfahrungen gemacht haben, haben erneut ausgeschrieben. Sie sind überzeugt, dass ein Lieferausfall wie der der vergangenen Saison, eine echte Ausnahme ist. In anderen Regionen setzt man hingegen auf Festpreise statt auf Ausschreibungen. Dies gilt für Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

vfa: Aus für Impfstoff-Weiterentwicklungen

Das Festhalten der meisten Krankenkassen am Ausschreibungsmodell sorgt vielfach für Kopfschütteln. Für Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, ist es unverständlich, dass die Kassen aus dem Schaden nichts gelernt haben: "Sie setzen weiterhin auf Exklusivausschreibungen, um so wenig wie möglich für die Grippeimpfung auszugeben, und nehmen möglicherweise Versorgungsprobleme in Kauf." Doch nicht nur das. Fischer hält den Kassen überdies vor, den Fortschritt bei den Grippeimpfstoffen von ihren Mitgliedern fernzuhalten, nur um Ausgaben zu vermeiden. Beispiel: die Impfung per Nasenspray für Kinder hat bei den Ausschreibungen für Einheitsimpfstoffe kaum eine Chance. Das Gleiche gilt für Impfstoffe, die vor vier statt nur drei aktuellen Virenstämmen schützen können. Sie sollen voraussichtlich ab der nächsten Saison angeboten werden. Die Kassen sendeten mit ihrer Vorgehensweise ein klares Signal an die Hersteller, Impfstoffe nicht mehr weiterzuentwickeln, so Fischer. Ein Umdenken sei daher nötig: "Statt der Exklusivverträge brauchen wir Kooperationsvereinbarungen zwischen Herstellern und Kassen, die die Impfziele in den Vordergrund stellen." Das käme die Krankenkassen am Ende auch günstiger: Denn dann wären weniger Grippekranke in Deutschland ärztlich zu versorgen.

LAK: Ausschreibungen dämpfen Impfquoten

Auch die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg (LAK) übte anlässlich der diese Woche ausgerufenen Europäischen Impfwoche Kritik an den Ausschreibungen: "Man ist von der Lieferfähigkeit eines einzelnen Herstellers abhängig. Gerade bei Impfstoffen ist das ein unverantwortliches Risiko," mahnte Kammerpräsident Dr. Günther Hanke. Die Einsparungen der Krankenkassen, so betonte er, stünden dabei in keinem Verhältnis zur Gefährdung der Bevölkerung. "Zudem verunsichern sie die Menschen, was zu einer geringeren Impfquote führt", so Hanke. Dabei sei Impfen "das schärfste Schwert der Prävention". Gerade deshalb müssten die Krankenkassen auf Ausschreibungen und Rabattverträge bei Impfstoffen verzichten und alles für eine hohe Impfquote tun. Die LAK rief die Bevölkerung dazu auf, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen für Säuglinge, Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene wahrzunehmen.

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