Praxis

Wie der Meditimer hilft, den Überblick zu behalten

Peter Ditzel | Wenn Patienten mit der Einnahme von vier und mehr Arzneimitteln täglich zurecht kommen müssen, stellt sie dies meist vor Herausforderungen – nicht nur vor dem Hintergrund möglicher Neben- und Wechselwirkungen, sondern vor allem auch im Hinblick auf ihre Einnahmetreue, die Compliance. Apothekerin Angelika Schulten, Dortmund, sieht darin sogar eines der größten Probleme bei der Polymedikation. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Patienten allzu oft vergessen, ihre Arzneimittel laut Therapieplan einzunehmen – zum Teil mit gravierenden Folgen für den Krankheitsverlauf. Um hier Abhilfe zu schaffen, entwickelte sie den Meditimer, ein einfaches, aber durchdachtes System, mit dem der Patient den Überblick über seine Arzneimittelanwendungen behält.
Der Meditimer – einfach, effizient, übersichtlich. Der Patient behält mit diesem System immer den Überblick über seine Arzneimitteleinnahme.

Drei Rezepte mit je drei Arzneimitteln in verschiedenen Darreichungsformen wie Tabletten, Dragees, Retardformen, Tropfen und Salben – da heißt es für den Patienten erst einmal, den Überblick zu behalten. Für einen multimorbiden Patienten ist diese Menge an Arzneimitteln nichts Ungewöhnliches; in seiner Apotheke bekommt er professionelle Hilfe, wie er die Arzneimittel einzunehmen hat. Die Apotheke berät ausführlich, klärt über die richtigen Einnahmezeitpunkte auf, checkt Neben- und Wechselwirkungen, packt alles in eine Tüte und übergibt sie dem Patienten.

Apothekerin Angelika Schulten war mit dieser Vorgehensweise allerdings nicht mehr zufrieden. Es plagten sie Zweifel, ob der Patient die Medikationsanweisungen, die er vom seinem Arzt und in der Apotheke erhält, auch wirklich verstanden hat, ob er bei neun Arzneimitteln, die er täglich anwenden und einnehmen muss, noch den Überblick behält. Kurzum: wie sieht es bei diesen Patienten mit der Compliance aus? Können die Patienten die Einnahmezeitpunkte überhaupt noch überschauen? Untersuchungen zeigen, dass bei manchen Indikationen über die Hälfte der Patienten ihre Arzneimittel nicht, nicht richtig (falsche Dosierung, falscher Zeitpunkt) oder nur zum Teil einnehmen – mit allen negativen Folgen für den Heilungserfolg. Mitunter führen Falscheinnahmen und Noncompliance sogar zu Krankenhauseinweisungen.

Um dem Patienten eine praktikable Hilfestellung an die Hand zu geben, entwickelte Apothekerin Schulten zunächst einen übersichtlichen Medikationsplan, in den sie alle Arzneimittel des Patienten (auch die für die Selbstmedikation gekauften), die Dosierung und die Einnahmezeitpunkte einträgt. Das Original des Medikationsplans erhält der Patient, eine Kopie, auf dem auch Notizen zu Neben- und Wechselwirkungen, zu stattgefundenen Arztgesprächen über Arzneimittel der Priscusliste vermerkt werden, verbleibt zur Dokumentation in der Apotheke.

Doch damit nicht genug. Um die Therapietreue zu fördern, verblisterte die Apothekerin anfangs die Medikation für ihre Stammpatienten – mit ernüchterndem Ergebnis. Neben den relativ hohen Zusatzkosten brachte das Verblistern keine Verbesserung bei der Therapietreue, insbesondere bei Darreichungsformen, die sich dem Verblistern entziehen wie beispielsweise Tropfen, Pflaster, Salben, Sprays oder eine Notfallmedikation. Außerdem: änderte der Arzt die Medikation, musste ein bereits angefertigter Wochenblister verworfen werden. Viele ihrer Patientinnen und Patienten fühlten sich zudem durch den Blister entmündigt, sie lehnten die Verblisterung ab.

Die Idee: der Meditimer

Vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen entwickelte Apothekerin Schulten ein System, das den Patienten bei der täglichen Einnahme mehrerer Arzneimittel, auch unterschiedlichster Darreichungsformen, unterstützt, ihn nicht überfordert und nicht verunsichert – entstanden ist der Meditimer.

Die "Hardware" des Meditimers besteht aus einem Karton mit elf Fächern. Fünf dieser Fächer dienen zur Aufnahme der Tagesmedikation zu verschiedenen Einnahmezeitpunkten, fünf weitere gleich große Fächer dienen zur Kontrolle, ob das Arzneimittel eingenommen wurde. Das dahinter liegende größere Fach dient dem Übervorrat oder zur Aufnahme von sperrigen Arzneimittelpackungen.

So wird der Meditimer eingerichtet: Zunächst erstellt der Apotheker, die Apothekerin in einem Beratungsgespräch zusammen mit dem Patienten einen Medikationsplan, in den jedes Arzneimittel eingetragen wird sowie Dosierung und Einnahmezeitpunkt vermerkt werden. Aus diesem Plan lassen sich übersichtlich die täglichen Einnahmezeitpunkte ersehen, gekennzeichnet durch einen Farbcode.

Dann wird jedem der fünf Fächer des Meditimers ein Einnahmezeitpunkt zugeordnet, individuell der jeweiligen Medikation entsprechend (z. B. morgens vor der Mahlzeit, morgens zur Mahlzeit, mittags vor der Mahlzeit, zur Nacht, Notfallmedikation). Jedes der fünf Fächer wird mit einem farblich codierten Aufkleber versehen, ebenso erhalten die Arzneipackungen selbst den gleichen Farbcode, wie er bereits im Medikationsplan vorgegeben ist.

Danach erfolgt die Bestückung des Meditimers: jeweils ein Blisterstreifen der Arzneimittel, die beispielsweise morgens vor der Mahlzeit eingenommen werden sollen, wird den Packungen entnommen und ins erste vordere Fach gestellt. Die Packungen selbst werden im großen hinteren Fach untergebracht. Genauso verfährt man mit den Arzneimitteln zu den anderen Einnahmezeitpunkten.

Sollen an einem bestimmten Einnahmezeitpunkt beispielsweise Tropfen eingenommen werden, wird die Tropfflasche selbst in das Fach des entsprechenden Einnahmezeitpunkts gestellt. Müssen Salben, Säfte oder andere Darreichungsformen angewandt werden, die in den vorderen Fächern keinen Platz finden oder finden dürfen (z. B. Kühlartikel), wird ein Erinnerungsstick im Fach platziert, ein per Hand beschrifteter Kartonstreifen mit dem Hinweis auf dieses Arzneimittel und den Aufbewahrungsort. Die Packung selbst kann dann im großen Fach oder außerhalb des Meditimers (z. B. Kühlschrank) aufbewahrt werden.

Farbcode-System Die Arzneipackungen werden mit Farbpunkten beklebt, die der Farbe des Einnahmezeitpunktes entsprechen.

Der Patient behält den Überblick

Und so wird der Meditimer benutzt: Der Patient entnimmt zum ersten Einnahmezeitpunkt aus dem entsprechenden Fach den Blister (oder andere Darreichungsform), wendet sein Arzneimittel in der im Medikationsplan festgelegten Menge an und stellt es zurück – aber in das leere dahinter liegende Fach. Dies ist für ihn die Kontrolle, dass er das Arzneimittel eingenommen hat. Ist der zweite Einnahmezeitpunkt gekommen, verfährt er ebenso. Am Ende des Tages befinden sich dann alle Darreichungsformen (Blister, Fläschchen oder Kartonstreifen) in der zweiten Reihe der fünf Fächer. Am nächsten Tag wandern die Arzneimittelblister nach der jeweiligen Einnahme zurück in die vordere Reihe. Durch das Versetzen in das jeweils leere Fach des Einnahmezeitpunkts behält der Patient immer den Überblick, ob er sein Arzneimittel bereits eingenommen bzw. angewandt hat.

Die Vorteile des Systems liegen auf der Hand. Ist es vom Apotheker anhand des Medikationsplans einmal eingerichtet, kann es der Patient zu Hause alleine weiterführen. Der Meditimer lässt sich individuell für den Patienten maßschneidern. Die Arzneimittel bleiben in ihren Primärverpackungen (z. B. Blistern). Auch die angebrochenen Packungen finden im Meditimer ihren Platz. Das hat den Vorteil, dass Chargennummer, Verfalldatum und Beipackzettel immer greifbar sind und nachgesehen werden können. Ein weiterer Vorteil: Der Meditimer kann nahezu alle Darreichungsformen integrieren. Auch Tropfen, Salben, Sprays, Pflaster, Pens, Blutzuckermessstreifen werden in das System aufgenommen. Und: Dadurch, dass die Arzneimittel vom vorderen ins hintere Fach umgestellt werden und umgekehrt (Erinnerungsfunktion des Meditimers), behält der Patient immer den Überblick, ob er ein Arzneimittel schon eingenommen hat. Nicht-, Doppel- oder Falscheinnahmen und Verwechslungen werden so verhindert. Mithilfe des Farbcodes, der in der Apotheke auf die Arzneimittelpackung aufgebracht wird, kann der Patient sein Arzneimittel selbst richtig in den Meditimer einordnen.

Erste Erfahrungen

Apothekerin Angelika Schulten hat zurzeit bereits für viele ihrer Patienten, die vier und mehr Arzneimittel einnehmen müssen, einen Medikationsplan erstellt. Er hilft ihnen, die Übersicht zu behalten. Für die meisten von ihnen hat sie zusätzlich einen Meditimer für zu Hause eingerichtet. Der Meditimer unterstützt die Patienten und macht sie sicherer, bei der täglichen Arzneimitteleinnahme nichts vergessen zu haben. Wie die Apothekerin berichtet, sind die Patienten mit dem System sehr zufrieden. Sie schätzen die qualifizierte Beratung zum Medikationsplan und Meditimer, mit denen die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöht wird.

Bezahlen die Kassen den Meditimer?

Seit geraumer Zeit interessieren sich bereits einige Krankenkassen für den Meditimer. Sie können sich vorstellen, bestimmten Patienten, die auf vier oder mehr Arzneimittel angewiesen sind, dieses Organisationsmittel zur Verfügung zu stellen, damit diese dadurch eine größere Therapietreue erreichen, was sich wiederum günstig auf den Krankheitsverlauf (und damit auf die Kosten) auswirken könnte.

Apothekerin Angelika Schulten hat zu diesem Zweck die Firma "AnyCare GmbH", eine Tochter der Thieme-Verlagsgruppe, die verschiedenste Dienstleistungen im Gesundheits- und Krankheitsmanagement erbringt, gewinnen können, den Meditimer bei den Krankenkassen bekannt zu machen. Das Modell: Krankenkassen filtern durch Daten-analysen geeignete multimorbide Patienten heraus, denen ein Meditimer helfen könnte. Die AnyCare GmbH schickt dann diesen Patienten einen Medi-timer zu und begleitet die Patienten mit einem maßgeschneiderten Telefonservice. Die Patienten werden daraufhin gebeten, mit dem Meditimer in ihre Stammapotheke zu gehen, um zusammen mit dem Apotheker den Medikationsplan zu erstellen und den Meditimer einzurichten. "Vor dem Apotheker steht dann sein Patient mit dem Meditimer unterm Arm, den ihm seine Krankenkasse bezahlt hat", so Frau Schulten. Der Apotheker könne dann anhand der Arzneimitteldaten des Patienten den Medikationsplan ausfüllen und den Meditimer bestücken.

Eine Dienstleistung der Apotheke

Gerade in der heutigen Zeit, in der das Medikationsmanagement mehr und mehr Einzug in die Apotheken hält, kann das Meditimer-System diese Dienstleistung der Apotheke unterstützen.

Eine große Apothekenkooperation hat bereits Interesse am Meditimer gezeigt. Sie sieht viele Chancen für die Mitgliedsapotheken, über den Einsatz von Medikationsplan und Meditimer Kompetenz auf dem Gebiet des Medikationsmanagements zu zeigen und so Stammkunden zu gewinnen und zu binden.

Eine Apotheke, die Interesse hat, ihren Patienten mit einem Medikationsplan und Meditimer einen besonderen Service anzubieten und Kompetenz in Sachen Medikationsmanagement zu zeigen, kann das Meditimer-System über den Großhandel beziehen (EK o. MwSt. 27,30 Euro, VK inkl. MwSt. 38,50 Euro). Das Meditimer System enthält

a) den Medikationsplan mit Durchschreibefunktion (zwecks Dokumentation in der Apotheke) und Farbcode-Punkten, um die Arzneimittelpackungen entsprechend den Einnahmezeitpunkten kennzeichnen zu können,

b) den Meditimer-Karton mit zwölf möglichen Einnahmezeitpunkten (Farbcode-Aufkleber), aus denen dann die für den Patienten individuell passenden gemäß Medikationsplan herausgesucht werden können.

Der Meditimer kann auch in Pflegeheimen eingesetzt werden, um das Stellen zu erleichtern. Ein geeigneter Trolley ("Meditrolley"), der die Medi-timer für sechs Patienten aufnehmen kann, wurde bereits entwickelt. Das Stellen erfolgt durch das Pflegepersonal unmittelbar aus dem Meditimer heraus beim Patienten, ohne dass die Arzneimittel vorher in die heute zum Teil üblichen Töpfchen umgefüllt werden. Das Bestücken der Meditimer im Trolley und das Erstellen der Medikationspläne übernimmt die Apotheke. Wie Apothekerin Schulten mitteilt, hat der Meditrolley seine Bewährungsprobe in einem neuen Heim bereits bestanden.

Präventionspreis für den Meditimer


Der Meditimer wurde 2011 bereits mit dem Präventionspreis, den das Wissenschaftliche Institut für Prävention im Gesundheitswesen (WIPIG) und die DAZ ausgeschrieben hatten, ausgezeichnet in der Kategorie "beste Idee".



DAZ 2013, Nr. 14, S. 68

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