Arzneimittel und Therapie

Konkurrenz für Exenatide mit nur einmal täglicher Injektion

Ein HbA1c -Wert unter 7% ist einer der Zielparameter bei der Therapie des Diabetes mellitus. Wird dieser trotz Basalinsulin nicht mehr erreicht, kann eine Ursache die unzureichende Kontrolle der postprandialen Blutzucker sein. Vor Einführung der GLP-1-Agonisten waren Mischinsuline oder kurzwirksame Insuline Mittel der Wahl, diese Blutzuckerspitzen abzufangen. Der Preis: Gewichtszunahme und erhöhtes Hypoglykämierisiko. Nun steht zur postprandialen Blutzuckerkontrolle mit Lyxumia® neben Exenatide ein weiterer, sogenannter prandialer GLP-1-Agonist zur Verfügung.

GLP-1-Agonisten (GLP = Glucagon-like-peptide) stehen für ein neues Wirkprinzip in der Diabetes-Therapie (siehe Pharmako-logisch! Neue Antidiabetika, DAZ 2013, Nr. 10, S. 44 – 57). Über den GLP-1-Rezeptor der β-Zellen des Pankreas stimulieren sie Glucose-abhängig die Insulin-Freisetzung. Grundsätzlich ist innerhalb der Wirkstoffklasse zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden:

  • prandiale GLP-1-Agonisten
  • nicht-prandiale GLP-1-Agonisten

Lixisenatid Durch Modifikation am N-terminalen Ende von Exenatide wurde die Affinität zum GLP-1-Rezeptor erhöht.

Prandial oder nicht-prandial

Die Bezeichnung prandial und nicht-prandial rührt daher, dass die jeweiligen Wirkstoffe entweder primär den Blutzucker nach einer Mahlzeit (post-prandial) oder den Nüchternblutzucker (nicht-prandial) beeinflussen.

Zu den nicht-prandialen GLP-1-Agonisten zählen die Wirkstoffe mit längerer Halbwertszeit wie Liraglutid (Victoza®, HWZ zwölf Stunden) und Exenatide (Bydureon®) zur einmal wöchentlichen Injektion. Die Kontrolle der Blutzuckerspiegel erreichen sie vor allem durch ihre Glucose-abhängige insulinotrope Wirkung. Die Herabsetzung der Magenmotilität und die damit verbundene langsamere Resorption der Nahrung ist bei den langwirksamen weniger ausgeprägt. Dadurch tritt Übelkeit als Nebenwirkung seltener auf. Nicht-prandiale GLP-1-Agonisten haben vor allem Einfluss auf die Nüchternblutzuckerwerte.

Die prandialen, kurzwirksamen GLP-1-Agonisten verzögern massiv die Magenentleerung. Durch die verlangsamte Resorption der Nahrung werden starke postprandiale Anstiege des Blutzuckerspiegels verhindert. Auf diesem Insulin-unabhängigen Effekt scheint ein großer Teil der Wirkung der prandialen GLP-1-Agonisten zu beruhen. Denn sie wirken auch noch in der Spätphase des Diabetes mellitus Typ 2, wo die Erschöpfung der β-Zellen in der Regel weit fortgeschritten ist. Positive Effekte auf Insulin- und Glucagonsekretion kommen additiv hinzu.

Zum bisher einzigen Präparat dieser Gruppe, Byetta® (Exenatide), ist nun ein weiteres gekommen: Lyxumia® mit dem Wirkstoff Lixisenatid. Es ist zugelassen bei Erwachsenen zur Behandlung des Typ-2-Diabetes in Kombination mit oralen Antidiabetika und/oder Basalinsulin, wenn diese zusammen mit Diät und Bewegung den Blutzucker nicht ausreichend senken können. Die Halbwertszeit ist mit drei bis vier Stunden nur geringfügig länger als bei Exenatide. Allerdings ist die Affinität zum GLP-1-Rezeptor viermal so hoch. Daher reicht die einmal tägliche subkutane Injektion. Die initiale Dosierung beträgt 10 µg. Nach 14 Tagen wird auf die Erhaltungsdosis von 20 µg umgestellt. Verabreicht wird eine Stunde vor der ersten Mahlzeit des Tages oder eine Stunde vor dem Abendessen. Der Hersteller empfiehlt die Gabe vor dem Frühstück. Zumindest bei Frühstücksgewohnheiten, wie sie in Deutschland üblich sind, soll so das Blutzuckertagesprofil positiv beeinflusst werden. Das Nebenwirkungsprofil entspricht dem von Exenatide. So wird ebenfalls vor dem Risiko einer Pankreatitis gewarnt, ein Gruppeneffekt der GLP-1-Agonisten (siehe Kasten). Dazu treten vor allem gastrointestinale Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf. Das ist der verzögerten Magenentleerung geschuldet und lässt meist im Laufe der Therapie nach. Des Weiteren wurden sehr häufig Kopfschmerzen beobachtet. Hypoglykämien traten nur in Kombination mit anderen Antidiabetika oder Insulin auf.


Gut für den Blutzucker, schlecht für den Pankreas


Die sogenannten GLP-1 basierten Therapien, zu denen neben den Gliptinen die GLP-1-Agonisten gezählt werden, stehen im Verdacht den Pankreas zu schädigen. So brachte eine vor einigen Wochen veröffentlichte JAMA-Studie den Einsatz der neuen Wirkstoffe mit einer Verdopplung des Auftretens schwerer Pankreatiden in Verbindung. Ein anderes Forscherteam stellet nun bei Verstorbenen Diabetikern, die zu Lebzeiten GLP-1-basierte Antidiabetika erhalten hatten, eine um 40% erhöhte Pankreasmasse fest. Ähnliche Auswirkungen auf exokrines Drüsengewebe waren auch schon in tierexperimentellen Studien zutage getreten. FDA und EMA haben deshalb Untersuchungen eingeleitet. Sie warnen aber gleichzeitig vor einer Vorverurteilung und sehen angesichts des aktuellen Kenntnisstandes keinen Anlass, die Verordnung einzuschränken.

Ergänzung zum Basalinsulin

Der Hersteller Sanofi zielt in seiner Marketingstrategie vor allem auf die Senkung der postprandialen Blutzuckerspiegel ab. Erlangt ein Diabetiker mit oralen Antidiabetika keine ausreichende Kontrolle des HbA1c -Wertes, wird die Therapie in der Regel um Basalinsulin ergänzt. Basalinsuline sind unumstritten ein wichtiger Pfeiler der Therapie des Typ-2-Diabetes. Aber sie beeinflussen vor allem die Nüchternglucose-Werte. Vor allem bei gut eingestellten Diabetikern hat der postprandiale Blutzucker erheblichen Einfluss auf den HbA1c. Erst bei höheren HbA1c-Werten überwiegt der Einfluss der Nüchternwerte. Zur Kontrolle postprandialer Blutzuckerspitzen standen bisher kurzwirksame oder Mischinsuline zur Verfügung. Da ihre Wirkung nicht Glucose-abhängig ist, ist das Risiko für Hypoglykämien groß. Außerdem führen sie zu Gewichtszunahme, die bei Typ-2-Diabetikern in der Regel unerwünscht ist. Diese Lücke soll Lixisenatid laut Sanofi nun ausfüllen: gute Kontrolle der postprandialen Blutzuckerspiegel als Ergänzung zum Basalinsulin. Die Botschaft: Einfluss auf den Blutzucker wie kurzwirksames Exenatide, aber nur einmal tägliche Injektion – (kurzwirksames Exenatide muss zweimal täglich injiziert werden). Gemäß dieser Strategie wurden auch die meisten Studien gegen Basalinsulin mit oder ohne orales Antidiabetikum durchgeführt. So konnte beispielsweise in der placebokontrollierten GetGoal-L-Asia-Studie Lixisenatid additiv zu einem Basalinsulin bei einer asiatischen Patientenpopulation mit Typ-2-Diabetes den HbA1c -Wert von Initial 8,5% im Schnitt um 0,8 Prozentpunkte gesenkt werden, unter Placebo plus Basalinsulin nur um 0,11 Prozentpunkte. Dabei erreichten 35,6% der Patienten HbA1c -Werte unter 7, im Gegensatz zu nur 5,2% unter Placebo.


Steckbrief: Lixisenatid


Handelsname: Lyxumia


Hersteller: Sanofi, Frankfurt/M.


Einführungsdatum: 15. März 2013


Zusammensetzung: Jede Dosis (0,2 ml) enthält 10 bzw. 20 μg Lixisenatid (50 bzw. 100 μg pro ml). Sonstige Bestandteile: Glycerol 85%, Natriumacetat-Trihydrat, Methionin, Metacresol, Salzsäure (zur Einstellung des pH-Wertes), Natriumhydroxid-Lösung (zur Einstellung des pH-Wertes), Wasser für Injektionszwecke.


Packungsgrößen, Preise und PZN: Lyxumia 10 µg: 3 ml, 63,01 Euro, PZN 09940555; Lyxumia 20 µg: 2 x 3 ml, 115,23 Euro, PZN 09940578; 6 x 3 ml, 256,31 Euro, PZN 09940584.


Stoffklasse: Antidiabetika; GLP-1-Analogon


Indikation: Zur Behandlung des Typ-2-Diabetes mellitus bei erwachsenen Patienten in Kombination mit oralen blutzuckersenkenden Arzneimittel und/oder Basalinsulin, wenn diese zusammen mit Diät und Bewegung den Blutzucker nicht ausreichend senken.


Dosierung: Anfangsdosis: 10 μg Lixisenatid einmal täglich über 14 Tage; Erhaltungsdosis: ab dem 15. Tag 20 μg Lixisenatid einmal täglich; in der Stunde vor der ersten Mahlzeit des Tages oder in der Stunde vor dem Abendessen.


Gegenanzeigen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile.


Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall; bei der Anwendung von Lixisenatid in Kombination mit einem Sulfonylharnstoff und/oder einem Basalinsulin: Hypoglykämien, Kopfschmerzen.


Wechselwirkungen: Lixisenatid verzögert die Magenentleerung; dadurch kann die Resorptionsrate oral angewendeter Arzneimittel sinken. Patienten, die Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite einnehmen, sollten insbesondere zu Beginn der Behandlung mit Lixisenatid engmaschig überwacht werden. Bei oralen Arzneimitteln, deren Wirksamkeit in besonderem Maße von einer Mindestkonzentration abhängt, wie Antibiotika, sollten die Patienten diese Arzneimittel mindestens eine Stunde vor oder vier Stunden nach der Lixisenatid-Injektion einnehmen; das gilt auch für magensaftresistente Zubereitungen, die Substanzen enthalten, die leicht im Magen abgebaut werden können.


Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen: Die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten ist mit einem Risiko für die Entwicklung einer akuten Pankreatitis assoziiert; bei Patienten mit Pankreatitis in der Vorgeschichte ist Vorsicht geboten; wird eine Pankreatitis vermutet, ist Lixisenatid abzusetzen. Die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten kann mit gastrointestinalen Nebenwirkungen einhergehen. Bei Patienten mit schweren Magen-Darm-Erkrankungen wird die Anwendung von Lixisenatid nicht empfohlen. Bei Patienten mit mittelschwerer Einschränkung der Nierenfunktion sollte Lixisenatid mit Vorsicht angewendet werden; die Anwendung bei Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung oder terminaler Niereninsuffizienz wird nicht empfohlen.

Nicht besser als Exenatide

Im direkten Vergleich zum Konkurrenzprodukt Exenatide war es lediglich das Ziel, Nichtunterlegenheit zu zeigen (GetGoal-X-Studie), was auch gelang. So brachte die einmal tägliche Injektion von 20 µg Lixisenatid eine durchschnittliche Reduktion der HbA1c -Werte um 0,79 Prozentpunkte, im Vergleich zur zweimal täglichen Injektion von Exenatid, die die HbA1c Werte im Durchschnitt um 0,96 Prozentpunkte senkte. Etwa gleich viele Patienten erreichten einen HbA1c -Wert unter 7% (Exenatide: 49,8%, Lixisenatid: 48,5%). Die Abbruchraten waren unter Lixisenatid etwas niedriger und Gewichtsabnahme minimal höher. Um hier tatsächliche Vorteile bescheinigen zu können, sind weitere vergleichende Studien notwendig.

Pluspunkt einmal täglich

Ein Vorteil von Lixisenatid gegenüber kurzwirksamem Exenatide, der sich allerdings nicht in harten Endpunkten belegen lässt, ist die nur einmal tägliche Injektion. Insbesondere für Patienten, die GLP-1-Agonisten als Ergänzung zu ihrer Therapie mit Basalinsulin erhalten, das ebenfalls injiziert werden muss.

Damoklesschwert frühe Nutzenbewertung

Noch abzuwarten bleibt die Bewertung des IQWiG im Rahmen der frühen Nutzenbewertung. Die Beispiele der jüngsten Vergangenheit, Linagliptin (Boehringer Ingelheim) und Dapagliflozin (BMS/Astra Zeneca) zeigen, dass in den neuen Wirkprinzipien zur Behandlung des Typ-2-Diabetes kein ausreichender Zusatznutzen gesehen wird. GLP-1-Agonisten sind bisher nicht bewertet worden. Nach Meinung von Experten werden sie aber alle durchfallen, inklusive Lixisenatid.


Quelle

Fachinformation Lyxumia® , Stand Februar 2013.

European Medicines Agency investigates findings on pancreatic risks with GLP-1-based therapies for type-2 diabetes. Pressemeldung der EMA vom 26. März 2013.


jb



DAZ 2013, Nr. 14, S. 24

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