Interpharm 2013

"Die Zukunft wird am Patienten entschieden"

(tmb). "Wo geht‘s lang, Herr Schmidt" – dieser Frage stellte sich ABDA-Präsident Friedemann Schmidt im Gespräch mit den DAZ-Herausgebern Dr. Klaus G. Brauer und Peter Ditzel bei der Interpharm. Die vielfältigen Themen reichten von der aktuellen Notdiensthonorierung bis zur langfristigen Umgestaltung des Berufsbildes der Apotheker. Schmidt präsentierte sich nicht nur als Präsident mit stets klarer Position, sondern auch als Mensch mit persönlichen Erfahrungen und Vorlieben, aber auch als Medienprofi mit 15 Jahren Erfahrung beim MDR-Fernsehen.

Als Fernsehmoderator bearbeitet Schmidt besonders Gesundheitsthemen und freut sich, auch bei der zehnten Sendung zum Bluthochdruck neue Aspekte zu präsentieren. In seiner inzwischen beendeten Tätigkeit bei N24 hat Schmidt aber auch ein Gespür für fachfremde Themen bis zu Internet-Partnerbörsen gezeigt.

Honorierung nicht auf Menge konzentrieren

Zum neuen Notdiensthonorar erklärte der ABDA-Präsident, der geplante Weg sei extrem aufwendig, "aber nicht unlösbar". Nach seiner Einschätzung sei der Weg nicht gewählt worden, um das Gesetz scheitern zu lassen. Er wünsche sich, dass im Vollzug Lösungen gefunden werden, die das Ganze gestaltbar machen. Mit Blick auf den Zeitplan gestand er ein: "Das erste halbe Jahr haben wir verloren." Das neue Honorar sei kein Vorbild für die Honorierung der Rezeptur, aber zweckbezogene Honorare seien geeignet für Leistungsbereiche, die nicht jede Apotheke bietet.


ABDA-Präsident Friedemann Schmidt (Mitte) stellte sich den Fragen der DAZ-Herausgeber Peter Ditzel (links) und Dr. Klaus G. Brauer (rechts).

Mit Blick auf den Kassenabschlag würdigte Schmidt den neuen Schiedsstellenvorsitzenden Dr. Rainer Hess als "erfahrenen und weitsichtigen Schiedsrichter" und begrüßte dessen Vorhaben, 2009, 2010 und 2013 zusammen zu betrachten. Schmidt betonte die belastende Unsicherheit durch die Rückstellungen für die Vergangenheit und folgerte: "Wir sollten versuchen mit dem Schiedsspruch zu leben." Entsprechendes sollten die Apotheker von den Krankenkassen erwarten. Ein Ergebnis von 1,75 Euro halte er für "erträglich".

Für die langfristige Zukunft der Honorierung verwies Schmidt auf die Erfahrungen der Ärzte. Diese seien sehr erfolgreich in der Ausweitung des Leistungsvolumens, aber sehr unzufrieden mit dem Preis für die geleistete Arbeit. Für die Apotheker werde es ebenfalls leichter sein, mehr Geld für zusätzliche oder auch nur besser beschriebene Leistungen zu erhalten. Neue differenzierte Leistungen müssten zu den demografischen Herausforderungen passen, um bei der Politik Erfolg zu haben. "Mit der Konzentration auf den Anreiz durch die Menge gehen wir in die falsche Richtung", so Schmidt.

Beratung im Vordergrund

"Die neue Apothekenbetriebsordnung ist Fortschritt und Problem zugleich", erklärte Schmidt. Sie werte den Beruf durch die Apothekerpflichten auf und stärke die Beratung. Dies gibt für ihn die Richtung vor: "Ich sehe den Apotheker schon heute primär als ratgebenden Beruf." Aus den unterschiedlichen Anforderungen an die Beratung vor Ort und beim Versand folgerte Schmidt, der Versand sei eine "qualitätsgeminderte Versorgungsform", auch wenn die Versender dies anders sähen. "Ich muss ihn sehen, hören, riechen", sagte Schmidt zum Kontakt mit dem Kunden. Jeder andere Ansatz entferne sich von diesem Ideal. Doch Schmidt hält es für eine Illusion, den Versand ganz vom Markt zu drängen. Stattdessen müssten die Vor-Ort-Apotheken jeden Tag verdeutlichen, dass sie die Alternative sind. "Das setzt eine gewisse Leidensfähigkeit voraus", räumte Schmidt ein.

Zukunft der ABDA

Zwischen der ABDA und der Politik sieht Schmidt keine "Eiszeit", auch wenn das Verhältnis durch die Datenaffäre belastet gewesen sei. Dabei sprach er konsequent in der Vergangenheitsform und deutete damit an, die Belastungen seien beendet. Zu Verdächtigungen gegen die ABDA erklärte Schmidt: "An den Vorwürfen ist nichts dran." Doch die Vorwürfe an sich hätten die ABDA in ein schlechtes Licht gestellt, und dies sei der Grund für die Aufarbeitung. Nach innen untersuche ein Wirtschaftsprüfer die Geldflüsse der ABDA und prüfe auch die Angemessenheit der gezahlten Preise. Der Bericht darüber sei nicht vor Ostern zu erwarten. Außerdem betrachte ein Complianceberater die Schnittstellen der ABDA nach außen, auch in finanzieller Hinsicht. Das Ergebnis sei nicht vor dem Sommer zu erwarten. Hier sehe er eine sehr große Aufgabe für die ABDA, denn ein Teil der Verdächtigungen sei entstanden, weil die Öffentlichkeit zu wenig über die ABDA wisse. Daraufhin solle die Mitgliederversammlung wie beispielsweise bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in einen geschlossenen und einen öffentlichen Teil gegliedert werden.

Zum Umgangsstil in Internetforen erklärte Schmidt: "Da sind wir ein bisschen souveräner geworden", doch er habe darunter gelitten. Inzwischen könne er besser damit umgehen und verstehe die Kommentare als Ausdruck von persönlicher Frustration. Das Gefühl, ohnmächtig gegenüber einer Macht zu sein und von einem Apparat keine Antwort zu erhalten, sei unerträglich. Er kenne dies aus seiner Vergangenheit. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Kritikern war Schmidt deutlich anzumerken, doch die Struktur der ABDA steht für ihn außer Frage: "Die ABDA soll keine basisdemokratische, gruppendynamische Selbsterfahrungsgruppe werden", so Schmidt.

Zukunft der Apotheker

Mehr als die Zukunft der ABDA wurde die Zukunft der Apotheker zum Gegenstand des Gesprächs. Nach Einschätzung von Schmidt ist die Arzneimittelherstellung nicht mehr als Fundament für den Beruf geeignet, aber die Beratung biete diese Grundlage. Dies ergäbe sich auch aus der neuen Apothekenbetriebsordnung und aus etlichen Gerichtsurteilen, nach denen die Beratungsbedürftigkeit von Arzneimitteln diverse Eingriffe rechtfertigt. Das alte Berufsbild verglich Schmidt mit einem löchrig gewordenen Haus. Das neue Haus sei bereits fertig, aber die Apotheker würden nicht umziehen, weil sie nicht wüssten, wie es dort sei. Apotheker würden beklagen, dass Personal und Ressourcen für die neuen Aufgaben fehlen und die Patienten diese Leistungen nicht oder allenfalls umsonst haben wollten. "Ich kann nur versuchen, dafür zu werben", folgerte Schmidt. Bis Ende des Jahres solle ein neues patientenorientiertes Leitbild entstehen, das langfristig auch eine Novellierung der Approbationsordnung anstoßen solle. "Die Zukunft wird nicht nur pharmazeutisch, sondern am Patienten entschieden", knüpfte Schmidt an eine Formulierung seines Amtsvorgängers Wolf an. Bei der Umsetzung werde es verschiedene Geschwindigkeiten in den Apotheken geben. Auch wenn dies für einen Verband schwer zu ertragen sei, müssten die vorausgehenden "Leuchttürme" gefördert werden.

Die Beschreibung des alten Berufsbildes als löchriges Haus lieferte die Überleitung zum realen ABDA-Haus, das durch eine Senkung des Baugrundes Risse aufweist. Schmidt gestand ein, dass er dem Haus ursprünglich kritisch gegenüberstand, es nun aber nutzen wolle, um dort moderne Pharmazie zu präsentieren. Das passt zur Zukunftsorientierung und Zuversicht, die Schmidt bei dem ganzen Gespräch ausstrahlte, und die er auch in seinem Fazit ausdrückte: "Die Apotheke geht nicht unter, sie ist ein Bestandteil der Lebenswirklichkeit aller Menschen." Doch Schmidt ergänzte: "Bewegen muss sich jeder Apotheker vor Ort."


Dr. Benjamin Wessinger Chefredakteur der DAZ

Kommentar

Leuchttürme


Friedemann Schmidt stellte sich den kritischen Fragen der DAZ-Herausgeber – und er präsentierte sich als nachdenklicher Präsident, der sich Kritik zu Herzen nimmt.

Da musste man schon genau hinhören, um die Sprengkraft einiger Aussagen zu bemerken. Die Zukunft der Apotheke werde nicht nur pharmazeutisch, sondern am Patienten entschieden, sagte Schmidt. Schon am nächsten Abend bei der Podiumsdiskussion über die Klinische Pharmazie kam dazu Gegenwind vom Vorsitzenden des Verbands der pharmazeutischen Hochschullehrer, Prof. Bernd Clement (der sich übrigens auch vehement gegen die von Schmidt geforderte Erneuerung der Apothekerausbildung aussprach).

Aber auch in seiner eigenen Organisation dürfte Schmidt auf Widerstand stoßen mit der Aussage, dass bei der Entwicklung einer neuen Rolle für die Apotheker einige Kollegen vorausgehen müssen und andere später nachfolgen werden. Impliziert eine solche Formulierung doch, dass es Apotheker und Apotheken geben wird, die abgehängt werden. Und bisher galt die eherne Regel, dass alle Vorschläge der ABDA von allen Kollegen umgesetzt werden können müssen, wie Schmidt selbst einräumte. Ob die Apotheker, die nicht zu den Leuchttürmen gehören, die Schmidt fördern will, seinen Kurs unterstützen werden?

Welche Aufgaben die Apotheke im Gesundheitswesen der Zukunft übernehmen und wie ein neues Leitbild für den Apotheker aussehen könnte, hat der Samstagnachmittag auf der Interpharm gezeigt, der ganz im Zeichen der patientenorientierten Pharmazie stand. Es wird höchste Zeit, dass sich der Berufsstand mit dieser Zukunft auseinandersetzt!


Dr. Benjamin Wessinger
Chefredakteur der DAZ



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