Management

Von Anarchisten und stillen Schweigern

Sie gelten beide nicht als die idealen Mitarbeiter: der ewige Querdenker und Nörgler, der grundsätzlich eine andere Meinung vertreten muss als der Rest des Teams. Und der in sich gekehrte stille Beobachter, dem man in der Teamsitzung jedes Wort "aus der Nase ziehen" muss. Allerdings: Wenn er etwas von sich gibt, hat dies meistens Hand und Fuß. Wie kann der Apotheker das Kreativitätspotenzial auch dieser Charaktere nutzen?

"Zapfen Sie die Energie eines Anarchisten an, und er wird derjenige sein, der Ihr Unternehmen nach vorne bringt." Dieser Ausspruch von Anita Roddick, der Gründerin und langjährigen Leiterin des britischen Kosmetikhandelsunternehmens The Body Shop, zeigt exemplarisch, dass häufig gerade die nonkonformistischen Mitarbeiter, die sich nicht anpassen können oder wollen, zur Weiterentwicklung eines Unternehmens beitragen.

Natürlich: Die meisten Chefs und Führungskräfte lieben die pflegeleichten Mitarbeiter, die ihren Job so gut wie möglich ausüben, mit denen es keine großartigen Diskussionen gibt und die ohne Widerworte in der Mitarbeitersitzung Ideen zur Weiterentwicklung der Apotheke einbringen.

Allerdings – und ohne dies verallgemeinern zu wollen: Es sind selten die pflegeleichten Mitarbeiter, die vor kreativen Ideen nur so übersprudeln. Ihre Stärken liegen auf anderen Gebieten.

Beim Querdenker sieht das oft anders aus: Er ist in der Lage, die Perspektive zu wechseln, einen Sachverhalt auch einmal aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten und so auf ein Problem ein ganz neues Licht zu werfen. Der Apotheker muss dies nur zulassen und darf Querdenkertum nicht als etwas ansehen, das hemmt, einschränkt oder einfach nur mühsam und lästig ist.

Von Introvertierten und Alphatierchen

Im August letzten Jahres hat der "Spiegel" in seiner Titelstory "Die Kraft der Stillen" das Hohelied der Introvertierten, der Leisen und Unscheinbaren gesungen. Aufgrund ihres Auftretens traut man es ihnen nicht zu, dasselbe zu leisten wie das selbstdarstellerische Alphatierchen. Doch wer die Geduld und Zeit aufbringt, ihnen zuzuhören, und ihnen die Möglichkeit gibt, einen Gedanken eine Zeit lang umherzuwälzen, darf sich oft über äußerst kreative Denkergebnisse freuen.

Es wäre mithin kontraproduktiv und geradezu fahrlässig, wenn der Apotheker das kreative Potenzial der komplexen und schwierigen Mitarbeitertypen nicht nutzen würde. Damit dies gelingt, sollte er die folgenden Hinweise beachten.

Einstellung überprüfen

Wie so oft bei der Mitarbeiterführung: Die Einstellung der Führungskraft muss stimmen. Der Apotheker sollte überlegen, welche innere Einstellung er zu den genannten Mitarbeitertypen hat und ob er Vorbehalte gegenüber den eher schwierigen Charakteren hegt. Denn es kann durchaus sein, dass es genau diese Vorbehalte sind, die den Querdenker und den Stillen daran hindern, ihre Kreativität in den Prozess der Weiterentwicklung der Apotheke einzubringen.

Der Apotheker fragt sich mithin, welche Chancen und Möglichkeiten sich der Apotheke, den anderen Mitarbeitern und ihm persönlich durch die Stärken jener als schwierig eingestuften Charaktere eröffnen könnten. Es geht darum, ganz bewusst die positiven Aspekte des anarchistischen und querdenkerischen Charakters auf der einen Seite und des stillen und in sich gekehrten Charakters auf der anderen Seite in den Fokus zu rücken.

Spezielle Verhaltensweisen in der Mitarbeitersitzung

Der Ort, an dem kreative Ideen geboren werden, ist meistens die Mitarbeitersitzung. Die Herausforderung für den Apotheker besteht darin, auch die schwierigen Mitarbeitercharaktere so in die Sitzung einzubinden, dass sie ihr Kreativitätspotenzial entfalten können – und vor allem wollen.

Den stillen Beobachter sollte der Apotheker darum nicht zwingen, an einer Gruppenarbeit teilzunehmen. Der introvertierte Mitarbeiter fühlt sich oft gehemmt, wenn er im Verbund arbeiten muss. Er ist wenig motiviert und traut sich nicht zu, sich im Mitarbeiterkreis zu äußern. Warum ihm also nicht die Gelegenheit geben, in der Einzelarbeit vor sich hin zu denken und sich in Ruhe Problemlösungsmöglichkeiten zu überlegen? Er muss seine Ideen auch nicht mündlich präsentieren, sondern schriftlich. Denn das fällt dem stillen Beobachter leichter.

Das heißt: Der Apotheker sorgt für ideale "Denkbedingungen" für den introvertierten Mitarbeiter. Dazu überlegt er, welche Stolpersteine er aus dem Weg räumen muss, damit der Stille motiviert ist, seine Kreativität sprudeln zu lassen.

Querdenker in produktive Bahnen lenken

Kommen wir zum anarchistischen Querdenker. Bei diesem ist eine ganz andere Vorgehensweise gefragt. Der Apotheker sollte grundsätzlich offen dafür sein, sich auch ungewöhnliche Gedanken anzuhören und auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen. So kann er diesen Mitarbeiter fragen: "Das ist wirklich eine ungewöhnliche Sichtweise. Was bedeutet das konkret für unsere Apotheke? Wie lassen sich Ihre Überlegungen umsetzen?"

Hinzu kommt: Ein nicht so angenehmer Charakterzug des Querdenkers ist es, immer die andere Meinung infrage zu stellen, überkritisch zu reagieren und grundsätzlich "dagegen" zu sein. Der Apotheker muss versuchen, diese Energie in konstruktive und produktive Bahnen zu lenken. Wenn der anarchistische Zug im Querdenker eindeutig die Oberhand gewinnt und dieser herumnörgelt, fordert der Apotheker ihn auf, Gegenvorschläge zu unterbreiten: "Wer immer den Finger in die Wunde legt, muss auch mal Farbe bekennen und zeigen, wie er es anders und vor allem besser machen würde."

So manche Querdenker betrachten ihr Arbeitsumfeld als Spielwiese. Sie wollen neue Dinge ausprobieren, Neues wagen. Nicht nur für die Mitarbeitersitzung gilt, dass der Apotheker überlegen muss, in welchem Rahmen er dem Querdenker diese Spielwiese zur Verfügung stellen will.

Wohlfühl-Bedingungen schaffen

Menschen sind eher dann kreativ, wenn sie sich in ihrer Umgebung wohlfühlen. Darum ist es zielführend, wenn der Apotheker bei den schwierigen Mitarbeitern mit Lob und Anerkennung arbeitet, um sie auf diese Weise dazu zu bewegen, ihren Denkapparat auf Hochtouren zu bringen. Der Apotheker verdeutlicht zudem: Bei der Weiterentwicklung der Apotheke sind das Team und er selbst darauf angewiesen, dass sich alle in den Kreativitätsprozess einbringen, auch und insbesondere der Querdenker und der stille Beobachter.

Wichtig für ein angenehmes Wohlfühlklima ist überdies, dass nicht nur der Apotheker Verständnis für die Besonderheiten der Charaktere des Beobachters und des Querdenkers aufbringt. Darum weist er in der Mitarbeitersitzung darauf hin, dass die Vielfalt in der Zusammensetzung der Belegschaft für die Apotheke und die Mitarbeiter nur von Vorteil sein kann. Und er betont: Gute Ideen werden oft gerade dann geboren, wenn sich unterschiedliche Mentalitäten gegenseitig befeuern und unterstützen. Zugleich ist die Sitzung der Ort, Toleranz für die extremeren Charaktere einzufordern.


Dr. Michael Madel, freier Autor und Kommunikationsberater



AZ 2013, Nr. 5, S. 6

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