Gesundheitspolitik

Falsche Sicherheit

Dr. Benjamin Wessinger, DAZ-Chefredakteur

Der Zoll meldet wachsende Probleme mit dem illegalen Arzneimittelhandel aus dem Ausland, in deutschen Apotheken tauchen massenhaft gefälschte Omeprazol-Kapseln namhafter Hersteller auf, die wohl über die legale Vertriebskette bezogen wurden – eindrucksvolle Beweise, dass SecurPharm dringend nötig ist. Oder?

Jede einzelne Packung bekommt eine individuelle Identifikationsnummer, die in einer Datenbank hinterlegt wird. Bei der Abgabe in der Apotheke wird jede einzelne Packung live per Internet überprüft, ob diese individuelle Nummer zum Arzneimittel passt – und ob diese Nummer nicht schon einmal verwendet wurde, was auf eine gefälschte Charge hinweisen würde.

Tatsächlich wären die Omeprazol-Fälschungen nach allem, was man bisher weiß, durch SecurPharm sofort aufgefallen und aus dem Verkehr gezogen worden. Denn eine Packung nachzumachen ist deutlich einfacher, als einzigartige individuelle Identifikationsnummern aufzudrucken und vor allem in die Datenbank einzuschleusen.

Sollte es den Fälschern, die ein gehöriges Maß an krimineller Energie, Branchenkenntnis und "Professionalität" an den Tag gelegt haben, allerdings gelingen, ihre gefälschte Ware eine Handelsstufe vorher in die Vertriebskette einzuschleusen, wäre SecurPharm "blind". Wer jetzt spontan ausruft, es sei völlig unmöglich, dass der echte Hersteller gefälschte Ware verpacke ohne es zu merken, der sollte kurz überlegen, ob er es bisher für möglich hielt, dass der Pharmagroßhandel in großem Maße gefälschte Generika einkauft und an Apotheken liefert.

Der Omeprazol-Fall hat eindrucksvoll gezeigt, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann – auch nicht bei Arzneimitteln. Und auch nicht mit SecurPharm.

Selbst wenn SecurPharm die legale Vertriebskette für Arzneimittel zuverlässig sichern könnte – das viel größere Problem der illegalen Arzneimittel, die bei illegalen Internet-"Apotheken" bestellt werden und dann illegal nach Deutschland geliefert werden, beseitigt SecurPharm überhaupt nicht. Auch der Handel mit Anabolika, der unter der Hand in einschlägigen Fitnessstudios und Sportclubs abläuft, wird nicht erfasst.

So wird mit viel Aufwand ein kompliziertes System aufgebaut, das viel Geld kosten wird und den Apothekern in der täglichen Umsetzung noch einige Probleme bereiten dürfte – bei nicht funktionierender Internetverbindung ist keine Arzneimittelabgabe mehr möglich – aber das Hauptproblem der illegalen Internet-"Apotheken" völlig außen vor lässt.


Benjamin Wessinger



AZ 2013, Nr. 16, S. 1

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