Gesundheitspolitik

Arznei-Fälscher halten Zoll auf Trab

SecurPharm-Initiatoren werben um mehr Projekt-Teilnehmer

Berlin (ks). Kürzlich hat der Zoll seine Jahresstatistik vorgelegt – seitdem präsentiert ein Zollfahndungsamt nach dem anderen eigene Daten. Und in nahezu jedem Bundesland gibt es die Botschaft: Die Zahl der Ermittlungsverfahren, die wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz (AMG) eingeleitet wurden, steigt. Neben Anabolika machen den Zöllnern Arzneimittelfälschungen zu schaffen, die über Internetbestellungen nach Deutschland kommen. Unter anderem der Präsident des baden-württembergischen Landesapothekerverbands (LAV), Fritz Becker, zeigte sich besorgt über die jüngsten Meldungen – und warb zugleich für das SecurPharm-Projekt.

Die Zahl der wegen AMG-Verstößen eingeleiteten Ermittlungsverfahren in Baden-Württemberg ist 2012 nach Auskunft der zuständigen Zollbehörde um knapp 20 Prozent auf 165 angewachsen. Die bayerischen Zollfahnder melden einen Anstieg der Ermittlungsverfahren um das Dreieinhalbfache gegenüber 2011. Fast 500 Strafverfahren seien geführt worden. Beim Zollfahndungsamt Frankfurt/M. zählte man letztes Jahr 644 Verfahren – darunter 462, die Dopingmittel zum Gegenstand hatten. Im Jahr 2011 waren es noch insgesamt 236 Verfahren. Einzig aus Sachsen und Thüringen meldet das Zollfahndungsamt Dresden weniger Verfahren: Sie ermittelten 2012 in 77 Fällen, 2011 waren es noch 148.

Die Essener Zollbehörde berichtete vergangene Woche einen etwas anderen Fall: Nach schwierigen Ermittlungen kam sie einem 46-jährigen Deutschen auf die Spur, der offenbar in großem Stil gefälschte Viagra-Pillen an Privatpersonen in Norwegen verschickt hat. Bei Durchsuchungen Ende März in zwei Häusern in Köln und einem Haus in Erftstadt habe man zahlreiche Beweise finden können – unter anderem 8600 gefälschte Potenzpillen mit einem Handelswert von mindestens 40.000 Euro. Die Fahnder gehen jedoch davon aus, dass sie aus dem asiatischen Raum stammen.

Fritz Becker verwies anlässlich dieser besorgniserregenden Zahlen darauf, dass jüngst auch beim Internistenkongress in Wiesbaden vor Arzneimittelfälschungen gewarnt wurde (siehe DAZ Nr. 15, 2013, S. 18). Schätzungsweise jedes zweite Medikament, das im Internet bestellt wird, sei gefälscht. "Wir teilen als Apothekerschaft die Sorge um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten bereits seit vielen Jahren", betonte Becker. Es sei für Laien kaum zu erkennen, ob ein Arzneimittel gefälscht ist und vielleicht gesundheitsschädliche Stoffe enthält.

securPharm – ein Projekt sucht Mitstreiter

Vor diesem Hintergrund begrüßte Becker in derselben Pressemeldung des LAV das von den Verbänden der Arzneimittelhersteller, Großhändler und Apotheken in Deutschland entwickelte Projekt securPharm. Dieses wird dem schwunghaften Internethandel mit gefälschten Arzneien allerdings nichts entgegensetzen können. Schließlich geht es hier darum, Fälschungen in der legalen Lieferkette aufzuspüren. Dass auch dies seine Berechtigung hat, zeigen die zuletzt aufgetauchten Omeprazol-Fälschungen, die derzeit die Staatsanwaltschaft beschäftigen.

Doch securPharm hat offenbar noch einige Werbung nötig. Das Interesse von Herstellern und Apotheken, die sich an dem Modell beteiligen wollen, hält sich bislang in Grenzen. Nun haben die drei Herstellerverbände BPI, vfa und BAH ihre Mitgliedsfirmen aufgefordert, mit der Einführung der neuen securPharm-Technik nicht zu lange zu zögern. Erste Erfahrungen zeigten unter anderem, dass Zeit nötig sei, die IT-Umgebung im Bereich der Herstellung und Verpackung der Arzneimittel sowie weitere Prozesse in den Unternehmen (Qualifizierung der Mitarbeiter, QS etc.) anzupassen. Teilweise müsse dies sogar in Zusammenarbeit mit externen Anbietern geschehen – doch von denen gebe es nur wenige und ihre Kapazität sei "sehr beschränkt", so die Verbände. Das lasse ab 2015 einen enormen Andrang mit "entsprechenden Wartezeiten und Lieferengpässen" aufseiten der Systemlieferanten erwarten. Wer also zu lange zögere, müsse mit Wartezeiten und Lieferengpässen rechnen, die die ordnungsgemäße Kennzeichnung nach EU-Fälschungsrichtlinie ab 2017 gefährden könnten.

Bislang haben 24 Pharmahersteller drei Millionen Packungen mit dem Sicherheitsmerkmal ausgestattet, die derzeit vom Großhandel und 150 Apotheken getestet werden.



AZ 2013, Nr. 16, S. 1

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