Gesundheitspolitik

Und täglich grüßt das Murmeltier

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Es ist guter Brauch und lieb gewonnene Gewohnheit, bisweilen auch notwendige Reflektion, ausgangs des Jahres bzw. zu Beginn des neuen Jahres das Gewesene auf sich wirken zu lassen und zu antizipieren, was vermutlich kommen wird. Hier soll es nun um einen in erster Linie (aber nicht nur) ökonomischen Jahresrückblick gehen.

Zuallererst muss die Honorierung angesprochen werden, die in der 2. Jahreshälfte die Apothekerschaft bewegt hat. Nachdem seit 2004 keine Anpassung des Honorars mehr stattgefunden hatte, aber in all den Jahren auch kaum darüber gesprochen wurde, mithin das Thema fast tabuisiert schien, standen plötzlich Anpassungsvorschläge, oder soll man besser -wünsche sagen, von erheblichem Ausmaß im Raum. Diese Wünsche wurden auch als berechtigte Forderungen vorgetragen und weckten bei den betroffenen Apothekern Erwartungen, die enttäuscht werden mussten. Woran lag es, dass die Forderungen nicht durchgesetzt werden konnten? Sicher am fehlenden Ordnungsrahmen, denn es ist im Gegensatz zum Kassenabschlag nicht geregelt, wer den Anstoß gibt, wer mit wem verhandelt, wie oft und wann genau zu verhandeln ist, was genau Gegenstand der Verhandlung ist usw. Wenn also der Vorwurf im Raum steht, die Politik habe sich acht Jahre – korrekt wären übrigens sechs Jahre, denn das GMG sah eine erste Anpassung nach zwei Jahren vor – nicht gerührt, dann gilt dieser Vorwurf gleichermaßen für die Standesvertretung der Apotheken. Und was ist bei einer Verhandlungsrunde in Summe durchzubringen? Dreimal (nämlich 2006, 2008 und dann 2010) zu schweigen, um dann nachträglich doch auch für diese Jahre eine Anpassung erwirken zu wollen, konnte nicht gut gehen. Will ein Verhandlungspartner sein Gesicht nicht verlieren, dann kann er darauf – zumal in schwierigen Zeiten – nicht eingehen. Nicht dass ich missverstanden werde: Dies hat nichts mit einem faktischen Anspruch zu tun. Aber ein Angestellter, der zehn Jahre schweigt, kann dann auch nicht plötzlich 1000 Euro mehr Gehalt wollen – bzw. kann schon, darf sich aber nicht wundern, wenn diese Forderung nicht durchgeht. Demnach muss in Zukunft auch dann verhandelt werden, wenn man an sich keine erhöhten Forderungen hat, und sei es nur um zu dokumentieren, dass man mit dem bisherigen Honorar auskommt, denn strenggenommen hat man das über viele Jahre implizit nach außen kommuniziert. Denn wer etwas will, muss sich melden. Die jahrelange Defensivstrategie in einen vermeintlichen Blitzangriff umzuwandeln, war falsch. Aber eines muss man auch sehen: Die Politik hat einer Anpassung zugestimmt und damit auch öffentlich gezeigt, dass das bisherige Honorar nicht mehr ausreichend war und ist. Dies hat sie in zweifacher Hinsicht artikuliert, denn nicht nur die Pauschale wurde angefasst, sondern auch Not- und Nachtdienstregelungen angesprochen, die bislang in den 8,10 Euro integriert waren. Muss man also mit dem Ergebnis gänzlich unzufrieden sein? Gemessen an den geschürten Erwartungen mit Sicherheit, gemessen an den gegenwärtigen Rahmenbedingungen, an den Machbarkeiten und der bisherigen Verhandlungsstrategie war das Ergebnis keine Katastrophe. Und was kann man daraus lernen? 2013 muss genutzt werden, um sich auf den nächsten Verhandlungspoker vorzubereiten. In struktureller Hinsicht, in dem ein Ordnungsrahmen für die Verhandlung zu schaffen ist, in inhaltlicher Hinsicht, indem die beklagte mangelnde Validierung der Daten in Angriff genommen wird.

Dass die ABDA den seit 1967 durch das Institut für Handelsforschung durchgeführten Betriebsvergleich aufgekündigt hat, obgleich er bei all seinen Schwächen eine der wenigen validen, neutralen und damit objektiven Datenerhebungen war, zeigt die Kurzatmigkeit der Handelnden. Hier wäre vielmehr angezeigt, gemeinsam mit den Ministerien eine Datenbasis zu schaffen, die beiden Ansprüchen genügt. Auf den bestehenden Betriebsvergleich aufzusetzen, um auch Jahresvergleiche weiter zu ermöglichen, wäre nicht die schlechteste Variante gewesen. Strategie ist anders.

Das Verhalten der Krankenkassen den Apotheken gegenüber muss für 2012 als weiterer unschöner Höhepunkt einer sich schon seit geraumer Zeit verschlechternden Beziehung gewertet werden. Hier müssen den Krankenkassen die Grenzen aufgezeigt werden. Als Körperschaften des öffentlichen Rechts haben die Krankenkassen das Mandat, gesetzliche Regelungen zu exekutieren. Demnach sollte der Gesetzgeber seiner legislativen und exekutiven Pflicht nachkommen, nachgeordnete Instanzen auf ihre Aufgaben hinzuweisen und darauf hinzuwirken, dass Kompromisse überhaupt machbar sind. Es ist eine Posse aus dem Schmierentheater, dass auch nach vier Jahren keine finale Einigung zum Kassenabschlag getroffen werden konnte und dass das sogenannte Schiedsgericht offensichtlich nur eine eingeschränkte Anerkennung erfährt. Die Empfehlungen von Ökonomen, Rückstellungen zu bilden, sind richtig, gleichwohl muss jedem klar sein, dass die Rückstellungsbildung zugleich investitionshemmend ist und dies in Zeiten, in denen andere ökonomische Protagonisten die Apotheken zurecht darauf hinweisen, dass sie sich jetzt im Wettbewerb zu stärken hätten und dies eben auch Investitionen bedingt. Naturwissenschaftlich versierte, an wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten Orientierte muss dies verwirren, aber so ist die Welt.

Die Apothekenbetriebsordnung ist erneuert. In inhaltlicher Hinsicht mag zwar nicht alles Gold sein, was glänzt. Aber eines muss konstatiert werden: die neue Apothekenbetriebsordnung ist ein weiterhin klares Bekenntnis zur Sonderbetriebsform Apotheke. Dies ist das erste und wichtigste Ergebnis. Dass durch die neuen Regelungen zum Teil unnötige administrative Aufgaben hinzukamen, die wieder Geld kosten bzw. Ressourcen vielfach unnötig binden, ist schade und ärgerlich. Dass dies gerade in Zeiten passiert, in denen Politiker von Apotheken mehr Markt einklagen und selbst dazu beitragen, dass mehr Staat oder Korsett dabei rauskommt, mutet grotesk an. Aber bei aller Schwächung darf es auch als Stärkung des Systems Apotheke angesehen werden.

Schließlich hat sich die als Dreigestirn titulierte Standesführung zu zwei Dritteln erneuert. Den bisherigen Amtsführern ist zu danken, es ist nicht leicht zigtausend von Unternehmern zu bändigen und auf einen Weg einzuschwören. Die aber in jüngerer Zeit mehrfach angemahnten Demokratiedefizite aus der Apothekerschaft müssen auch ernst genommen werden, denn diese Stimmen sehen und hören die Verhandlungspartner aus Politik und Kassen auch und schließen daraus, dass offensichtlich die Oberen nicht mehr die Anderen in jedem Punkt repräsentieren. Dies wird die wohl vordringlichste Aufgabe der neuen Führung sein, dieses erlebte Kommunikationsdefizit aufzubrechen. Viele werden diesen Hinweis wieder als unberechtigten Vorwurf abtun, aber dort wo sich Widerstand Raum schafft, ist dieser auch ernst zu nehmen. Auch das Unwort der Kampfkandidatur – auch durch die Journalisten der Branche forciert – als bei der Frage der Neuwahl des ABDA-Vizepräsidenten einem Kandidaten ein anderer gegenübertrat, zeigt das mangelnde Demokratieverständnis. Die Wahl hat gezeigt, dass manchmal die Alternative gewinnt und sich darin auch der Wunsch nach Alternativen Bahn bricht.

Dieser kleine Ausschnitt kann das Jahr nicht gänzlich abbilden, aber auf Wesentliches fokussieren. Und so gilt es als Fazit aus 2012 zu ziehen, dass das Denken in Alternativen von jeher die bessere Alternative war. Mehr Mut fassen bei realistischen Zielen, mehr Demokratie wagen in gewachsenen Strukturen, mehr Selbstbewusstsein leben in Demut vor der Aufgabe, sind dann wohl für die Apothekerinnen und Apotheker auch die Erkenntnisse des Jahres 2012.


Andreas Kaapke


Andreas Kaapke ist Professor für Handels-management und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Standort Stuttgart, und Inhaber des Bera-tungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de



AZ 2013, Nr. 1/2, S. 2