Ernährung aktuell

Neues zu Vitamin D

Viele profitieren von einer Supplementierung

Die Bedeutung von Vitamin D wurde lange Zeit unterschätzt. Während früher nur die Funktion im Knochenstoffwechsel bekannt war, schreiben neue Forschungsergebnisse dem fettlöslichen Vitamin eine immer größere Rolle in der Prophylaxe und Therapie verschiedener chronischer Krankheiten zu.

Heute weiß man, dass die Hauptwirkform des Vitamin D, die stoffwechselaktive Verbindung 1,25-Dihydroxycholecalciferol (Calcitriol) nicht nur der Calcium- und Phosphathomöostase dient, sondern auch wichtige extraskelettäre Effekte besitzt. In mehr als 30 Organen und Geweben trägt Vitamin D dazu bei, etwa 300 verschiedene Gene zu aktivieren. Neben den Zellen der klassischen Zielorgane (Knochen, Nieren, Intestinaltrakt, Nebenschilddrüsen) benötigen auch weitere physiologische Systeme (Immunsystem, Bauchspeicheldrüse, Herz-Kreislaufsystem, Muskeln, Gehirn, Zellzyklus) Vitamin D für ihre volle Funktionstüchtigkeit.

Ein unzureichender Vitamin-D-Status erhöht daher nicht nur das Osteoporoserisiko oder macht sich in den Knochenkrankheiten Rachitis und Osteomalazie bemerkbar. Studien haben beobachtet, dass ein niedriger Vitamin-D-Serumspiegel auch mit einer erhöhten Infektanfälligkeit, verstärkten Müdigkeit und Muskelschwäche assoziiert ist sowie im Zusammenhang mit verschiedenen Krankheiten wie Karzinomen, kardiovaskulären Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes steht.

Vitamin D und Diabetes

Eine aktuelle Metaanalyse legt nahe, dass eine gezielte Verbesserung der Vitamin-D-Versorgung das Diabetesrisiko minimiert. Demnach kann ein Vitamin-D-Status im Blut von > 25 ng/ml das Risiko für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes um 43 Prozent senken [1]. Vitamin D greift dabei direkt in die Entstehungsmechanismen der Erkrankung ein: Es aktiviert zum einen bestimmte Gene, die die Insulinwirkung und -sensitivität fördern, zum anderen schützt es die Insulin-produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Eine weitere klinische Studie [2] zeigt zudem, dass selbst bereits an Diabetes Erkrankte von Vitamin D profitieren können, da es günstige Auswirkung auf den Glukosestoffwechsel hat, wie Professor Stephan Jacob am 26. Januar auf einer von Merck Serono durchgeführten Presseveranstaltung in Hamburg erläuterte.

Endogene Vitamin-D-Synthese


Die körpereigene Vitamin-D-Bildung in der Haut ist abhängig von Breitengrad, Jahres- und Tageszeit, Witterung, Kleidung, Aufenthaltsdauer im Freien sowie dem Hauttyp. Um 10 µg (400 I. E.) Vitamin D zu synthetisieren, muss sich ein Mensch mit dem Hauttyp III (mittelhelle Haut, braunes Haar, helle bis dunkle Augen, bräunt langsam und bekommt nur manchmal einen Sonnenbrand) in den Monaten April bis Oktober auf dem 42. Breitengrad (z. B. Barcelona) zur Mittagszeit mit zu einem Viertel unbedeckter Haut schätzungsweise drei bis acht Minuten der Sonnenbestrahlung aussetzen. In Deutschland reicht die Intensität der Sonneneinstrahlung für eine genügende Vitamin-D-Bildung nur circa sechs Monate im Jahr aus.

Neue Referenzwerte für die Vitamin D-Zufuhr

Die Anerkennung der Bedeutung einer ausreichenden Versorgung mit Vitamin D spiegelt sich in der kürzlich von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erfolgten Erhöhung der Referenzwerte für Vitamin D wieder. Demnach wurden aktuell in der Altersgruppe Säuglinge bis zwölf Monate die Werte auf 10 µg (400 I. E.) und bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf 20 µg (800 I. E.) Vitamin D pro Tag heraufgesetzt [3].

Schwierigkeiten bei der Vitamin-D-Versorgung

Es ist nicht einfach, den menschlichen Organismus mit einer ausreichenden Menge an Vitamin D zu versorgen. Der Mensch ist zwar nicht allein auf die alimentäre Zufuhr angewiesen, da er das fettlösliche Vitamin in der Haut durch Exposition mit UVB-Licht selbst synthetisieren kann, dennoch kommt es häufig zu Engpässen. Zum einen werden gute Vitamin-D-Lieferanten wie fette Fischsorten (z. B. Hering, Makrele) in Deutschland nur selten verzehrt, so dass es nahezu unmöglich ist, über eine normale Ernährung eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung sicherzustellen. Laut Angaben der DGE beträgt die über die üblichen Lebensmittel aufgenommene Menge an Vitamin D bei Jugendlichen und Erwachsenen lediglich 2 bis 4 µg (80 bis 160 I. E.). Zum anderen ist der Beitrag der endogenen Synthese zur Vitamin-D-Versorgung nicht immer gewährleistet. In den sonnenarmen Monaten zwischen Oktober und April reicht in unseren Breitengraden die UVB-Strahlung nicht aus, um die Vitamin-D-Produktion in der Haut ausreichend anzukurbeln. Und auch in den sonnenreichen Monaten zwischen Mai und September kann die körpereigene Produktion von Vitamin D schwierig sein. So minimiert der vermehrte Gebrauch von Pflegeprodukten mit Lichtschutzfaktoren (LSF) die endogene Vitamin-D-Synthese (schon ein LSF von 10 bremst die Vitamin-D-Produktion um 95 Prozent). Darüber hinaus stellt der heute übliche überwiegende Aufenthalt in geschlossenen Räumen ein zusätzliches Risiko dar.

Deutschland – Vitamin-D-Mangel-Land

Ein Vitamin-D-Mangel ist daher in unseren Breitengraden weit verbreitet. Repräsentative Untersuchungen belegen, dass im Zeitraum zwischen November und April 68 Prozent der deutschen Männer und 61 Prozent der deutschen Frauen Vitamin-D-Blutspiegel unterhalb von 20 ng/ml (50 nmol/l) aufweisen [4]. Diese Grenze legen aktuelle Guidelines für einen definitiven Vitamin-D-Mangel zugrunde [5]. Bei Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren haben sogar 73 Prozent eine Mangelversorgung. Noch bedenklicher ist es bei Kindern und Jugendlichen. Bei 80 Prozent der Jungen und 79 Prozent der Mädchen liegt die Konzentration an Vitamin D unter dem gewünschten Wert von 20 ng/ml. Ein Vitamin-D-Mangel wird aber oft nicht bemerkt. "Um das Problembewusstsein zu stärken, sollte eine regelmäßige Vitamin-D-Messung routinemäßig durchgeführt werden. Insbesondere bei Veranlagung zu Diabetes", so Dr. Jens Heidrich.

Vitamin-D-Supplementierung

Kann eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D nicht über die Ernährung oder körpereigene Bildung sichergestellt werden, raten Fachgesellschaften wie die DGE zur Einnahme eines Vitamin-D-Präparates. Besonders wichtig ist die Supplementierung in der Altersgruppe ab 65 Jahren, da im Alter die Vitamin-D-Syntheseleistung deutlich abnimmt.

Vitamin-D-Supplemente auch für Säuglinge


Auch Säuglinge benötigen Vitamin-D-Präparate, da die Muttermilch normalerweise zu geringe Mengen des fettlöslichen Vitamins enthält. Zudem ist die endogene Vitamin-D-Synthese in der Haut noch nicht aktiv, da Säuglinge grundsätzlich nicht direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt werden sollen. Da mit den bislang empfohlenen 5 µg (200 I.E.) Vitamin D keine zuverlässige Rachitisprophylaxe sichergestellt ist, hat die DGE nun auch die Referenzwerte für die Vitamin-D-Zufuhr bei Säuglingen erhöht. Gestillte und ungestillte Säuglinge sollen von der ersten Lebenswoche an bis zum Ende des ersten Lebensjahres, bei im Winter geborenen Kindern auch in den Wintermonaten des zweiten Lebensjahres, täglich 10 µg (400 I. E.) Vitamin D erhalten.

Die Frage der Dosis

Für eine prophylaktische Gabe von Vitamin D gibt es keine allgemeine Empfehlung. Allerdings hat sich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Winterhalbjahr die tägliche Gabe rezeptfreier Vitamin-D-Präparate mit 1000 I. E. (z. B. Vigantoletten®) zur Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit Vitamin D bewährt, so das Fazit der Vitamin-D-Experten. Liegt schon ein Vitamin-D-Mangel vor, raten Fachgesellschaften, entsprechend zu substituieren. Dabei sollte eine Substitution in Abhängigkeit von den tatsächlichen Vitamin-D-Spiegeln erfolgen. Anfangs kann es bei einem vorliegenden Mangel notwendig sein, höhere Dosen von bis zu 4000 Einheiten pro Tag zur Aufsättigung zu geben. Allerdings sollten solch hohe Dosen nur unter ärztlicher Aufsicht und begleitender Labor-Kontrolle erfolgen. Sind die Serumspiegel im therapeutischen Bereich, kann auf eine Erhaltungsdosis reduziert werden. Als Zielwert erscheint eine Konzentration von 30 bis 40 ng/ml sinnvoll. Als sichere obere Grenze wird ein Wert von circa 100 ng/ml betrachtet. Die Gefahr einer Vitamin-D-Intoxikation mit Hypercalciämie ist bei Werten bis 150 ng/ml nicht zu erwarten [6].


Literatur
[1] Mitri J. et al., Vitamin D and type 2 diabetes: a systematic review. Fur J Clin Nutr 2011;65:1005 – 1015

[2] Nikooyeh B et al., Daily consumption of vitamin D– or vitamin D + calcium– fortified yogurt drink improved glycemic control in patients with type 2 diabetes: a randomized controlled trial. Am J Clin Nutr 2011;93:764 – 771

[3] www.dge.de/pdf/ws/Referenzwerte-2012-Vitamin-D.pdf (Stand: Januar 2012); I. E. = Internationale Einheiten; 1 µg = 40 I. E.

[4] Nationale Verzehrsstudie II 2008; Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

[5] Holick et al., Evaluation, Treatment, and Prevention of Vitamin D-Deficiency: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrin Metab. 2011; 96(7):1911 – 1930

[6] Pilz et al., Vitamin D: clinical implications beyound musculoskeletal diseases. J Lab Med 2011; 35(4): 211 – 216


Autorin
Gode Meyer-Chlond, Hamburg


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Unser tägliches Leben findet meist in geschlossenen Räumen statt. Sei es zu Hause oder bei der Arbeit. Aufgrund der geografischen Lage hat Deutschland keinen Platz an der Sonne, die Folge ist eine Unterversorgung mit Vitamin D. Neue wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass mit einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung vielen Krankheiten wie grippalen Infekten und selbst Krebserkrankungen wie Darm- und Brustkrebs vorgebeugt werden kann. Die Ansprechrate von Arzneimitteln bei einer Krebstherapie wird verbessert, Nebenwirkungen werden verringert. Vitamin D senkt den Blutdruck und kann eine Hypertonie-Behandlung sinnvoll unterstützen.

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DAZ 2012, Nr. 8, S. 82

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