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Wie Wirkstoffe unter die Haut gelangen

Auf die Galenik kommt es an!

Damit ein Arzneistoff wirken kann, muss er in ausreichender Konzentration am Wirkort eintreffen – also in der Subcutis, Muskulatur oder an der Sehne, Gelenkkapsel und Synovia. Prof. Dr. Christel Müller-Goymann vom Institut für Pharmazeutische Technologie der Uni Braunschweig stellte optimierte Formulierungen vor, die Ausmaß und Geschwindigkeit, mit der ein Arzneistoff im Zielgewebe anflutet, verbessern.

Für folgende Indikationen stehen topische Zubereitungen nicht-steroidaler Antirheumatika zur Verfügung:

  • Muskel- und Gelenkbeschwerden
  • Arthrose
  • Arthritis
  • Sportverletzungen, Prellungen
Prof. Dr. Christel Müller-Goymann Foto: DAZ/ck

Vor allem für periphere Gelenke ist der lokale Einsatz geeigneter und optimal formulierter Arzneistoffe besonders sinnvoll. Bei der lokalen Applikation ist die Gewebekonzentration höher als bei oraler Applikation des Wirkstoff, die Plasmaspiegelkonzentration erheblich niedriger. So können unerwünschte Wirkungen zum Beispiel am Gastrointestinaltrakt minimiert werden. In allen Fällen ist die eigentliche Barriere der Haut für den Arzneistofftransport die Hornhaut, das Stratum corneum. Durch geschickte Wahl der Formulierung wird die dermale Verfügbarkeit des Arzneistoffs maßgeblich beeinflusst. Diese macht den weiteren Transport in tiefer gelegene Gewebe dem resultierenden Konzentrationsgefälle folgend erst möglich. Für die genannten Indikationen gilt: der Arzneistoff muss am Wirkort also in der Subcutis, Muskulatur oder an der Sehne, Gelenkkapsel und Synovia ankommen.

2010 erschien ein Cochrane-Review, in dem Studiendaten zur Wirksamkeit topischer NSAR zusammenfassend bewertet wurden. Das Ergebnis: Diclofenac, Ibuprofen, Ketoprofen und Piroxicam wirkten in topischen Formulierungen bei akuten muskelo-skeletalen Schmerzen besser als Placebo, Indometacin hingegen nicht. Vergleichende Studien zwischen den topischen NSAR untereinander liegen aber nicht vor.

Kühl lagern und viel auftragen

Das Ausmaß der perkutanen Verfügbarkeit hängt auch von der eingesetzten Konzentration in der Formulierung ab. Ist diese hoch, so kann ein höherer Wirkstoffspiegel im Zielgewebe und ein schnelleres Anfluten die Folge sein. Als Beispiel nannte Müller-Goymann Diclofenac-haltige Zubereitungen. Vergleicht man ein Diclofenac-haltiges Emulsionsgel mit einem Diclofenac-haltigen Spray, so enthält das Emulsionsgel 1,16% Diclofenac-Diethylamin, während das Spray 4% Diclofenac-Natriumsalz in phospholipidhaltigen Mizellen enthält, der Wirkstoffspiegel im Zielgewebe ist entsprechend höher. Aber auch halbfeste Diclofenac-haltige Fertigarzneimittel, die die gleiche Wirkstoffmenge (1% Diclofenac-Na) enthalten, unterscheiden sich hinsichtlich strukturellem Aufbau und Rezepturgrundlage, die zum einen dafür verantwortlich sind, wie schnell der Wirkstoff durch die Haut permeiert und anflutet. Zum anderen entscheidet die Formulierung auch über die kosmetische Akzeptanz der Zubereitung.

In Untersuchungen konnte zudem gezeigt werden, dass neben dem Arzneistofftransport in die Tiefe auch die laterale Diffusion eine große Rolle für die dermale Verfügbarkeit spielt. Daher sollte den Patienten für die Applikation zu einem flächig verteilten Auftragen anstelle einem punktuellen Auftragen geraten werden: Es sollte ein mindestens 5 cm langer Gel- oder Cremestrang des Schmerzmittels am Applikationsort aufgetragen und eingerieben werden, denn so wird ein großes Depot geschaffen, aus dem kontinuierlich Wirkstoff freigesetzt werden kann.

Topische Gelformulierungen haben zusätzlich zum Wirkstoff noch einen Kühleffekt auf der Haut, da flüchtige Inhaltsstoffe verdunsten. Zwar verbessert eine Aufbewahrung der Zubereitung im Kühlschrank den Kühleffekt und wirkt synergistisch zum NSAR. Doch vorsichtig müsse man bei der Kühlschranklagerung von Ketoprofen-haltigen Topika sein, betonte Müller-Goymann. Bei diesen Carbomer-Gelen mit 2,5% Ketoprofen (z. B. Dolorman® Schmerzgel, Effekton® Gel mit Ketoprofen oder Phardol® Schmerz-Gel) kann es zur Rekristallisation kommen. In Studien war dies innerhalb von sieben Tagen der Fall. Auch bei Indomet-ratiopharm® Gel wurde nach sieben Tagen eine Rekristallisation beobachtet.


ck



DAZ 2012, Nr. 7, S. 77

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