Arzneimittel und Therapie

Neue Wirkstoffe gegen Krebs

Neue Zytostatika in der Entwicklung

Derzeit sind zahlreiche neue Wirkstoffe gegen Krebs im Zulassungsverfahren oder stehen vor der Markteinführung. Das berichtete der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Die neuen Präparate sind zur Behandlung von Tumoren der Brust, Lunge, Schilddrüse, Haut, Niere und Knochen sowie gegen verschiedene Leukämien und Lymphome entwickelt worden.

Mehrere davon werden ganz neue Wirkprinzipien in die Krebstherapie einführen. So hemmt Crizotinib das nur bei bestimmten Tumoren auftretende Enzym EML4-ALK (Echinoderm microtubule-associated protein-like 4 anaplastic lymphoma kinase).

Einsatz im Sinne der personalisierten Medizin

Bei vier der kommenden Präparate (Vemurafenib, Crizotinib, Bosutinib, Pertuzumab) ist ein Einsatz im Sinne der personalisierten Medizin vorgesehen. Personalisierte Medizin bedeutet, dass nicht allein die Krankheitsdiagnose bestimmt, wie behandelt wird, sondern noch weitere Informationen über genetische oder andere Eigenheiten des einzelnen Patienten in die Entscheidung einfließen. Im Falle der vier Wirkstoffe heißt es, dass der Arzt bei seinen Patienten erst einen Vortest durchführt: Ist er positiv, dann wird der betreffende Wirkstoff mit hoher Wahrscheinlichkeit bei diesem Patienten anschlagen und von ihm vertragen. Zeigt der Test das nicht, kann der Arzt auf ein anderes Medikament ausweichen. Unwirksame Therapieversuche werden vermieden und die richtige Dosierung angepasst. Dieses moderne Therapieprinzip ist nicht auf die Krebsmedizin beschränkt, wird von dieser aber schon am längsten und am umfassendsten eingesetzt.

Die neuen Wirkstoffe

Ein neues Präparat gegen Magenkrebs enthält die Wirkstoffe Tegafur, Gimeracil und Oteracil Kalium im Verhältnis 1:0,4:1. Dabei dienen die neuen Wirkstoffe Gimeracil und Oteracil Kalium als Wirkverstärker für Tegafur. Tegafur ähnelt dem Vorstufenmolekül Desoxyuridylat, einem Schlüsselmolekül in der DNA-Synthese; es hemmt das Enzym Thymidylatsynthase und damit das Zellwachstum des Tumors. Tegafur erhielt die EU-Zulassung am 14. März 2011 und ist noch nicht auf dem Markt.

Vandetanib ist ein neuer Wirkstoff gegen medullären Schilddrüsenkrebs. Er wirkt als oraler Kinasehemmer an mehreren Angriffspunkten (VEGF-, EGF-Rezeptoren und RET-Signalwege). Die US- und EU-Zulassung wurden im September 2010 beantragt, die US-Zulassung am 6. April 2011 erteilt.

Vemurafenib soll bei einem metastasierenden Melanom eingesetzt werden. Es wird personalisiert eingesetzt, nämlich erst nach einem vorgeschalteten Test auf die BRAF-Mutation V600E, die bei etwa 50% der Melanompatienten vorkommt. Bei diesen Patienten erhöht Vemurafenib die Überlebenszeit und hemmt die Progression. Die Zulassung in der EU und den USA wurde im Mai 2011 beantragt, die US-Zulassung am 17. August 2011 erteilt.

Pasiretoid ist ein neues Somatostatin-Analogon zur Behandlung des M. Cushing aufgrund eines Hypophysentumors. Der Wirkstoff wird derzeit in weiteren Studien zur Behandlung anderer Krebsarten geprüft. In der EU hat es den Orphan Drug-Status, die Zulassung in der EU wurde im April 2011 beantragt, eine "Positive Opinion" des CHMP im Januar 2012 ausgesprochen.

Tivozanib ist ein neuer Wirkstoff zur Behandlung von Nierenkrebs. Der VEGFR-1-Tyrosinkinase-Hemmer besitzt in der EU den Orphan-Drug-Status, die Zulassung in der EU wurde im Juni 2010 beantragt.

Pixantron ist ein neues Zytostatikum gegen Non-Hodgkin-Lymphome. In der EU hat es den Orphan Drug-Status für die Behandlung von diffusen großzelligen B-Zell-Lymphomen (die zu den Non-Hodgkin-Lymphomen gezählt werden). Die EU-Zulassung wurde im November 2010 beantragt.

Pomidepsin soll zur Behandlung von peripheren T-Zell-Lymphomen (nodal, extra-nodal und leukämisch/disseminiert) eingesetzt werden. Es besitzt den Orphan-Drug-Status in der EU und den USA, die Zulassung in der EU wurde im Februar/März 2011 beantragt.

Zur Behandlung der akuten myeloischen Leukämie wird Decitabin entwickelt. Der neue Wirkstoff ist ein Derivat von Desoxycytidin und wirkt als DNA-Methyltransferase-Inhibitor. In der EU besitzt es den Orphan-Drug-Status, in den USA ist es seit 2006 als Orphan Drug gegen myelodysplastische Syndrome zugelassen. Die Zulassung in der EU wurde im Juni 2011 beantragt.

Zur Behandlung des Nierenzellkarzinoms wird Axitinib entwickelt. Der neue Wirkstoff hemmt als VEGF-Rezeptor-Inhibitor die Angiogenese. In der EU besitzt es den Orphan-Drug-Status, hier wurde die Zulassung im Juni 2011 beantragt.

Brentuximab vedotin ist ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat, das bei Hodgkin-Lymphomen eingesetzt wird. Es besteht aus dem monoklonalen Anti-CD30-Antikörper, der an das zelltoxische Monomethyl-Auristatin E gebunden ist. Brentuximab wurde bei Patienten mit bestimmten Hodgkin-Lymphomen geprüft, bei denen die bisherige Therapie nicht mehr wirkte, und zeigte hohe komplette oder partielle Ansprechraten. Es besitzt den Orphan-Drug-Status in der EU, die US-Zulassung wurde am 19. August 2011 erteilt, die Zulassung in der EU Ende Juni 2011 beantragt.

Ein neuer Wirkstoff gegen fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) ist Crizotinib. Es wird zweimal täglich eingenommen. Crizotinib ist der erste Vertreter der neuen Wirkstoffklasse der ALK-Hemmer: Es hemmt ein nur in Tumoren auftretendes Enzym, das durch das Fusionsgen Echinoderm microtubule-associated protein-like 4 anaplastic lymphoma kinase (EML4-ALK) gebildet wird. Das Fusionsgen findet sich nur bei drei bis fünf Prozent der Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkrebs. Daher wird es personalisiert erst nach einem Vortest angewendet, der dieses Fusionsgen nachweist. Die US-Zulassung wurde im Mai 2011 beantragt und wird bei der FDA im beschleunigten Zulassungsverfahren geprüft. Die EU-Zulassung wurde im August 2011 beantragt; die US-Zulassung für Crizotinib plus Test am 26. August 2011 erteilt.

Bosutinib ist ein neuer oral einsetzbarer Wirkstoff gegen chronische myeloische Leukämie. Es wird personalisiert bei Philadelphia-Chromosom positiver CML eingesetzt. In der EU besitzt es den Orphan-Drug-Status, die EU-Zulassung wurde im August 2011 beantragt.

Ridaforolimus ist ein neuer Wirkstoff gegen Knochen- und Weichteilsarkome. Das semisynthetisch hergestellte Derivat des aus Bakterien gewonnenen Sirolimus kann oral eingenommen werden. Es wirkt als mTOR-Kinasehemmer und VEGF-Rezeptor-Antagonist. Die EU-Zulassung wurde im August 2011 beantragt.

Der neue monoklonale Antikörper Pertuzumab wird zusammen mit Trastuzumab personalisiert bei HER2-positivem Brustkrebs eingesetzt. Er ist der erste Wirkstoff der neuen Klasse der HER2-Dimerisations-Inhibitoren. Die EU- und US-Zulassung wurden im Dezember 2011 beantragt.


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DAZ 2012, Nr. 6, S. 54