Prisma

Erstmals Histon-Mutation bei Glioblastomen entdeckt

Glioblastome gelten als besonders aggressive Hirntumoren. Bei Kindern mit dieser Erkrankung entdeckten Heidelberger Wissenschaftler nun Genveränderungen, die sich auf die Funktion der DNA-Verpackungsproteine auswirken.

Glioblastome wachsen äußerst aggressiv in gesundes Hirngewebe ein und sind darüber hinaus hochgradig resistent gegenüber Strahlen- und Chemotherapie. Daher gelten sie als die bösartigsten aller Hirntumoren. Die heute verfügbaren Behandlungsverfahren können oft nur wenig gegen die Erkrankung ausrichten.

Um die molekularen Vorgänge bei der Entstehung dieser Tumoren besser zu verstehen und dadurch neue Therapieansätze zu entwickeln, entzifferte ein internationales Forscherteam nun das Erbgut von 48 Glioblastomen bei Kindern. In beinahe jedem zweiten Fall entdeckten die Forscher Genveränderungen, die sich auf Histone auswirken. Diese Eiweiße dienen der Zelle als Spulen, auf die der meterlange DNA-Faden gewickelt wird. Teils wiesen die Histon-Gene selbst die Veränderung auf, teils waren Gene für zwei weitere Eiweiße betroffen, die dabei mithelfen, die DNA auf die Histon-Spulen aufzuwickeln. Die Histon-Mutationen sind charakteristisch für die Tumoren im Kindesalter (36 Prozent), bei Glioblastomen erwachsener Patienten treten sie dagegen nur vereinzelt auf (3 Prozent), bei weniger aggressiven Hirntumoren gar nicht. Histone sind entwicklungsgeschichtlich gesehen uralte Proteine, die sich bei Mensch, Maus oder Fadenwurm kaum voneinander unterscheiden. Bis vor wenigen Jahren hielt man sie für reines Verpackungsmaterial der DNA: Inzwischen ist aber bekannt, dass sie darüber hinaus entscheiden, welche Gene abgelesen werden und welche nicht; und damit in die Steuerung der Zellfunktion eingreifen.

Die hier beschriebenen Studiendaten sind die ersten, die eine Histon-Mutation im Zusammenhang mit einer Erkrankung gezeigt haben. Sogenannte epigenetische Therapien, die chemische Markierungen der Histone beeinflussen, werden bereits bei anderen Krebsarten erprobt. Die Heidelberger Wissenschaftler wollen nun prüfen, ob diese Medikamente auch gegen Glioblastome mit Histon-Defekten wirksam sind.


hel


Quelle: Schwartzentruber, J. et al.: Nature, Online-Vorabpublikation, DOI:10.1038/nature10833



DAZ 2012, Nr. 6, S. 8