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Eröffnung Pharmacon Davos: Vom Vertrauens- zum Legitimationsverlust

Warum Apotheker ihre Freiberuflichkeit erlebbar machen müssen

DAVOS (du). Die berufliche Situation ist für viele Apotheker nicht zufriedenstellend. Viele verschaffen sich in Internetforen Luft, Anlass für die Präsidentin der Bundesapothekerkammer, Erika Fink, in ihrer Eröffnungsansprache zum Pharmacon Davos 2012 in Analogie zum "Wutbürger" den Begriff "Wutapotheker" ins Spiel zu bringen und nach Antworten auf folgende Fragen zu suchen: Was läuft schief? Wie konnte es so weit kommen? Ist der Prozess umkehrbar? Und wollen wir das überhaupt?

Warum werden immer mehr Apotheker zu "Wutapothekern"? Dieser Frage ging BAK-Präsidentin Erika Fink in ihrer Eröffnungsrede zum Pharmacon Davos nach und gab auch gleich Antworten. Foto: DAZ/du

Für die Unzufriedenheit der Apotheker machte Fink mehrere Gründe aus. Da ist zum einen die immer schlechter werdende finanzielle Situation, aber auch die zunehmende Fremdbestimmung, der Dokumentationsaufwand – Stichwort Rabattverträge – kleinliche Retaxationen und vor allem das Gefühl, dass die Leistung der Apotheker insbesondere von Politik und Medien nicht gewürdigt wird.

Freie Berufe unter Beobachtung

Apotheker stehen nach Meinung Finks schon immer unter scharfer Beobachtung und in öffentlicher Kritik, weil sie Angehörige eines freien Berufes sind. Angehörige freier Berufe, so Fink, vermitteln Expertenwissen und ermöglichen auf diese Weise ihren Klienten Zugang zu öffentlichen Gütern, der Apotheker beispielsweise zur Gesundheit. Freiberufler würden eine Leistung erbringen, die weder der Staat noch die freien Märkte optimal erbringen könnten, weil dazu die Belange der Klienten über die wirtschaftlichen Interessen des Berufsstandes gestellt werden müssten. Der Staat gewähre dazu in der Regel einen mit Auflagen verbundenen Ausgleich – Stichworte Arzneimittelmonopol, Kontrahierungszwang, Arzneimittelpreisverordnung.

Expertenwissen plus Anwendungswissen sind nach Ansicht Finks die Existenzberechtigung der Apotheker. Um dieses Wissen entsprechend zu vermitteln, seien Respekt und Vertrauen zwischen Apotheker und Patient, aber auch zwischen Arzt und Apotheker und Apotheker und Krankenkasse notwendig. Dass dieses Vertrauensverhältnis nicht durchgängig vorhanden ist, wirkt sich nach Fink auf vielen Ebenen negativ aus. Fink ist davon überzeugt, dass Respekt, Vertrauen und Anerkennung verloren gehen, wenn Schlauheit an die Stelle von Klugheit tritt, Kontrolle an die von Vertrauen, Eigennutz über das Gemeinwohl gestellt wird und die persönliche Profilierung zur Maxime des beruflichen Handelns wird. Leistungen würden trivialisiert, der Vertrauensverlust werde noch größer, letztlich würde die Legitimation des Berufsstandes infrage gestellt. Für die Apotheker sei es überlebenswichtig, die Merkmale der Freiberuflichkeit auch nach außen hin ständig aufzuzeigen. Das wichtigste Merkmal sei dabei, Verantwortung zu übernehmen.

Neue Strukturen

Fink verwies zudem darauf, dass sich die Wahrnehmung des Freiberuflers geändert habe. Denjenigen, die ihren Beruf selbstständig ausüben, würden zunehmend mehr abhängig beschäftigte Berufsangehörige gegenüberstehen und es stelle sich die Frage, ob für jede Person in jeder Organisation Freiberuflichkeit im Sinn beruflicher Handlungsautonomie immer gegeben ist.

Auf der anderen Seite hat nach Ansicht Finks das Expertenwissen einen Umfang erreicht, der von einem Einzelnen nicht mehr zu bewältigen ist. Spezialisierung sei gefordert, doch für einen einzelnen selbstständigen Apotheker würde das die Verweigerung eines Teils von Leistungen bedeuten. Als Lösung schlug Fink den Aufbau von Strukturen vor, in denen spezialisierte Experten zusammenarbeiten, Apotheken müssten dazu den Weg zu größeren Einheiten beschreiten, allerdings dürften das keine Ketten sein. Für den Patienten müsse diese Organisation erlebbar werden, er müsse ein Angebot erwarten können, dass über die reine Informationsübermittlung oder ein Verkaufsgespräch hinausgeht.

Diskussionsbedarf bei Apothekenbetriebsordnung

Im Hinblick auf die vom Bundeskabinett schon verabschiedete Novelle der Apothekenbetriebsordnung freute sich Fink zwar, dass der Gesundheitsminister von seinem ursprünglichen Plan abgesehen habe, ein Zweiklassensystem von Vollapotheken und "Apotheke light" zu etablieren. Sie begrüßte auch qualitätssichernde Maßnahmen, sieht aber immer noch in vielen Punkten Diskussionsbedarf. Als Beispiel führte sie die Regelungen zur Herstellung von Defekturen an, bei denen sich der Verordnungsgeber wohl zu sehr von der industriellen Großproduktion habe leiten lassen. In dem Verzicht auf die Auflistung der Ausstattung, die für die Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln benötigt werde, sieht Fink ein weiteres Problem, das zu vielen Diskussionen insbesondere mit der Aufsicht führen werde.

Was die Zukunft bringen kann

Für die nahe Zukunft hegt Fink die Hoffnung, dass der Deutsche Apothekerverband in einem intensiven Dialog mit der Politik die Schräglage zwischen steigenden Leistungsanforderungen und der Verschlechterung der Honorierung korrigieren kann. "Wir haben ersten positive Signale aus der Politik, dass sie Handlungsbedarf sieht", so Fink. Große Hoffnung setzt Fink auch auf das ABDA/KBV-Konzept, das jetzt in einer Modellregion umgesetzt und evaluiert werden kann. Es habe das Potenzial, das Modell der Zukunft zu werden. Fink forderte jeden Apotheker dazu auf, seinen Beruf verantwortungsvoll auszuüben und zwar so, dass das nach außen hin sichtbar ist und die Legitimation nicht schon beim geringsten Anlass infrage gestellt wird. Das sei eine große Aufgabe, die vor dem Hintergrund des schon eingetretenen Vertrauensverlustes nicht in wenigen Jahren zu bewältigen sein werde. Und damit kam sie auf die Frage zurück: "Wollen wir das?", die sie um die Frage ergänzte "oder wollen wir Geld verdienen, koste es, was es wolle?"

Fink ist für ihren Teil davon überzeugt, dass der Beruf des Apothekers als freier Heilberuf in Zukunft für die Menschen immer wichtiger werden wird. Apotheker würden in Zukunft gebraucht, als Hersteller, Versorger, Berater und ganz oft auch als Abrater. Als Achillesferse sieht sie die Abhängigkeit von der Politik. Hier müsse der richtige Ton getroffen werden, kein Jammerton, sondern der Kammerton und zwar der Kammerton A.



DAZ 2012, Nr. 6, S. 30