Arzneimittel und Therapie

Add-on-Therapie der Epilepsie

Lacosamid im Praxistest

Lacosamid (Vimpat®) ist auf der Basis von drei Zulassungsstudien für die Add-on-Therapie der fokalen Epilepsie mit und ohne sekundäre Generalisierung zugelassen. In einer nicht-interventionellen Beobachtungsstudie wird das Antiepileptikum nun unter Praxisbedingungen geprüft. Eine Interimsanalyse weist darauf hin, dass die zusätzliche Gabe von Lacosamid die Anfallsfrequenz auch im klinischen Alltag sicher und verträglich reduziert. Am meisten scheinen Patienten zu profitieren, die Lacosamid schon früh, idealerweise bereits nach der ersten Monotherapie, erhalten.

Die Therapie der Epilepsie ist ein schwieriges Terrain. Das gilt vor allem dann, wenn, wie bei etwa der Hälfte der Patienten, die erste Monotherapie nicht greift und eine Umsetzung auf eine zweite Monotherapie oder eine Kombinationstherapie in Erwägung gezogen werden muss. Denn: "Die Auswahl der Antiepileptika für die Add-on-Therapie ist beträchtlich", so Dr. Günter Krämer, Zürich, auf einem Pressegespräch der Firma UCB in München. Wegen der guten Verträglichkeit und des geringen Interaktionspotenzials gilt Lacosamid als geeigneter Kandidat für die Add-on-Therapie bei fokalen Epilepsien mit und ohne sekundäre Generalisierung. Denn laut Leitlinienempfehlung sollten Antiepileptika ohne oder mit nur geringem Interaktionspotenzial bevorzugt eingesetzt werden.

Eine Post-hoc-Analyse aus gepoolten Daten der drei Zulassungsstudien belegt die gute Kombinierbarkeit von Lacosamid sowohl mit den klassischen Natriumkanalblockern (NKB) als auch mit Nicht-Natriumkanalblockern. Eine besonders hohe Responderrate (Anfallsreduktion ≥ 50%) von 62% wurde in Kombination mit Nicht-Natriumkanalblockern erreicht. "Die Wirksamkeit ist besser, wenn als Kombinationspartner kein klassischer Natriumkanalblocker gewählt wird", resümierte Dr. Thomas Mayer vom Sächsischen Epilepsiezentrum Radeberg. Auch Erbrechen und Schwindel, die hauptsächlichen Nebenwirkungen von Lacosamid, waren bei Kombinationen mit Nicht-Natriumkanalblockern seltener.

VITOBA macht den Praxistest

Um den Nutzen von Lacosamid im Praxisalltag, jenseits kontrollierter Titrationsschemata und Dosierungsregimes, zu prüfen, wurde nun mit VITOBA (Vimpat Added to One Baseline AED) eine sechsmonatige, prospektive, nicht-interventionelle Beobachtungsstudie aufgelegt. Sie soll Anfallskontrolle und Verträglichkeit einer Add-on-Therapie mit Lacosamid in Kombination mit nur einem Basisantiepileptikum bei 500 Epilepsiepatienten mit fokal beginnenden Anfällen untersuchen. Als Wirksamkeitsvariablen werden zu Beginn sowie nach drei und sechs Monaten neben der Anfallsfrequenz auch der CGI (clinical global impression; allgemeiner ärztlicher Eindruck) erhoben, ebenso die Inzidenz unerwünschter Ereignisse. Mayer stellte nun eine erste Interimsanalyse vor, durchgeführt auf der Datenbasis von etwa 100 Patienten. Die mediane Anfallsfrequenz zu Beginn der Studie lag bei zwei pro 28 Tagen, die mediane Dauer der Epilepsie bei 13 Jahren. 68% litten seit mehr als fünf Jahren unter der Epilepsie. Jeweils etwa 20% der Patienten nahmen als antiepileptische Basismedikation Levetiracetam, Lamotrigin oder Valproat ein, etwa 15% Carbamazepin oder Oxcarbazepin. Der Anteil der Patienten, die einen klassischen Natriumkanalblocker erhielten, lag bei 54%. Dies spiegelt die klassische Verordnungspraxis in Deutschland wider. Im Rahmen der Beobachtungsstudie wurden sie zusätzlich mit Lacosamid behandelt mit einer medianen Erhaltungsdosis von 200 mg pro Tag.


Europäischer Epilepsietag


Am 14. Februar 2012 findet der erste "Europäische Tag der Epilepsie" statt. Grund genug, einen Blick darauf zu werfen, was sich für die europaweit geschätzten sechs Millionen Menschen mit Epilepsie verbessert hat. Tatsache ist, dass die Auswahl für Add-on-Antiepileptika mit neuen Wirkmechanismen inzwischen beträchtlich ist. Die Chancen, auch bei bislang pharmakoresistenten Patienten die Anfallsfrequenz zu reduzieren oder Anfallsfreiheit zu erreichen, sind dadurch gestiegen, insbesondere wenn früh kombiniert wird. Fehlanzeige allerdings bei der Suche nach nationalen oder internationalen Leitlinien für die Add-on-Therapie der Epilepsie. "Solche Leitlinien gibt es von keiner Fachgesellschaft", so Dr. Günter Krämer, vom Schweizerischen Epilepsie-Zentrum Zürich. Und er lieferte auch gleich die Begründung: Was fehlt, sind belastbare Daten aus evidenzbasierten Vergleichsstudien. Und die werde es in absehbarer Zeit auch nicht geben.

Verträgliche Reduktion der Anfallsfrequenz

Der allgemeine ärztliche Eindruck verbesserte sich durch die zusätzliche Gabe von Lacosamid bei 63% der Patienten stark oder sehr stark, bei 11% minimal, und bei 19% blieb er unverändert. Anfallsfreiheit bei Studienende, bezogen auf den Zeitraum zwischen der 3-Monats- und 6-Monatsvisite (im Mittel 84,5 Tage), wurde bei 43% der Patienten erreicht. Bei 64% kam es zu einer Anfallsreduktion um mindestens 75%, bei 77,8% um mindestens 50%. Besonders profitierten Patienten mit einer Epilepsiedauer unter fünf Jahren (Anfallsfreiheit: 66%) und Patienten jenseits des 65. Lebensjahres (Anfallsfreiheit: 61%) sowie Patienten, die Lacosamid bereits nach der ersten Monotherapie als Zusatztherapie erhalten hatten (Anfallsfreiheit: 67%). Insgesamt war die Chance, anfallsfrei zu werden, umso höher, je geringer die Anzahl der bislang eingenommenen Antiepileptika (Lebenszeit-Antiepileptika) war. Wie in der Post-hoc-Analyse zeigte Lacosamid eine bessere Wirksamkeit in Kombination mit einem nicht-klassischen Natriumkanalblocker, allerdings weniger stark ausgeprägt (Anfallsfreiheit: 40% versus 47%). Das Verträglichkeitsprofil von Lacosamid umfasst vor allem Schwindel, Nausea und Mattigkeit. 84% der auftretenden Nebenwirkungen waren in der Interimsanalyse mild bis moderat ausgeprägt.

Add-on-Therapie früh beginnen

Bei der Interpretation der Daten ist zu berücksichtigen, dass es sich bislang um eine Interimsanalyse handelt, die einen Trend wiedergibt. Die endgültigen Daten mit Auswertung von dann 500 Patienten sind in etwa zwei Jahren zu erwarten. Laut Dr. Stephan Arnold vom Neurozentrum Nymphenburg lässt sich aber schon jetzt an den Ergebnissen ablesen, dass sich mit der frühen Add-on-Therapie das Therapieziel oft besser erreichen lässt. Dies decke sich auch mit seinen eigenen Praxiserfahrungen.


Zum Weiterlesen


Gewitter im Gehirn: trotz Epilepsie gut leben

DAZ 2011, Nr. 6, S. 80– 86.



Apothekerin Dr. Beate Fessler



DAZ 2012, Nr. 6, S. 47