Aus den Ländern

In Hamburg 1,75 Euro Abschlag

Apothekerverein beendet Sonderopfer ab 2013

Der Vorsitzende Dr. Jörn Graue forderte in der Mitgliederversammlung des Hamburger Apothekervereins am 4. Dezember "mehr Ertrag und weniger Bürokratie für die inhabergeführte Apotheke". Er sieht die Apotheke "im Zangengriff von wachsendem Leistungsdruck und zunehmenden Kosten bei abnehmendem Einkommen".

Mit der vollständigen Anrechnung des Rohgewinnzuwachses werde das Einkommen der selbstständigen Apotheker auf dem Niveau von 2004 eingefroren und nehme durch die Inflation sogar effektiv ab. Es könne nur noch wachsen, wenn wirtschaftlich nicht leistungsfähige Apotheken schließen. Genau dahin scheint das Kalkül der Politik zu gehen, so Graue. Doch die Apotheker sollten nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern sich regelmäßiger um Honoraranpassungen bemühen.

Zudem könnten die Bevölkerungszunahme im Ballungsraum Hamburg und das steigende Durchschnittsalter der Patienten die Umsätze erhöhen.

Kassenabschlag

Graue führte aus, dass der Kassenabschlag zwei wichtige Funktionen hat: Er sichert die pünktliche Zahlung und ist eine zweite Stellschraube für die Anpassung des Apothekenhonorars.

Graue betonte, dass der erhöhte Kassenabschlag als Sonderopfer gedacht war und dass die Politiker bis hin zur Kanzlerin diese Position unterstützen, während der GKV-Spitzenverband mit seiner Verzögerungstaktik auf ein Schiedsverfahren und einen jahrelangen Rechtsstreit abziele. Deshalb hat Graue das zuständige Rechenzentrum schon frühzeitig angewiesen, ab Januar 2013 nur noch einen Abschlag von 1,75 Euro zu gewähren.

Es sei für die Apotheker aber sicher nicht richtig, alle Verträge zu kündigen. "Eine solche Maßnahme würde es den Kassen allzu leicht machen, den Berufsstand zu spalten, weil ethische Zwänge und für viele auch der wirtschaftliche Druck zu groß werden", so Graue. Auch eine Verweigerung der Erfüllung der Rabattverträge oder die vollständige Einbehaltung des Kassenabschlags seien keine probaten Mittel, denn im letzteren Fall würden die Kassen voraussichtlich nicht pünktlich zahlen.

Graue erinnerte an ein vom Hamburger Apothekerverein über eine Prozessfolge von neun Jahren erstrittenes Urteil, das besagt, dass der Anspruch der Kassen auf den Abschlag bei nicht pünktlicher Zahlung zur Gänze entfällt, auch wenn eine Teilzahlung geleistet wurde.


"Die Politik darf nicht zulassen, dass die finanziellen Risiken für die Apotheke durch ein weiteres Jahr mit Rechtsunsicherheit noch mehr anwachsen."


Dr. Jörn Graue

Impfchaos behoben

Wegen der Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Grippeimpfstoff hatte Graue bei den Krankenkassen und dem Hersteller GSK vielfach und letztlich erfolgreich interveniert. Dank der Hilfe der Apotheker sei es zudem möglich gewesen, alle Beteiligten ständig über die aktuelle Lage zu unterrichten. Dies habe die Management- und Logistikleistungen der Apotheken deutlich gemacht. Graue zog das Fazit: "Die Impfstoffversorgung in Hamburg ist gesichert." Um nach diesem Chaos eine Impfmüdigkeit zu verhindern, habe die städtische Behörde nun eine Werbekampagne mit dem Aufruf zur Grippeimpfung gestartet.

Hilfsmittelmarkt und ApBetrO

Graue erläuterte, dass gemeinsame Aktivitäten mit den Apotheken den Krankenkassen hohe zweistellige Millioneneinsparungen bei Blutzuckerteststreifen ermöglicht haben. Doch kritisierte er die allgemeinen Bedingungen des Hilfsmittelmarktes. Die veränderte Machtgeometrie und der Sparwillen der GKV führten in der Regel zu "Preisen am Rande der Wirtschaftlichkeit". Komfortable Leistungen für die Patienten seien nur noch mit Aufzahlung möglich. Als Alternative propagierte Graue Festzuschüsse, die auch in einem Beschluss des Deutschen Apothekertages 2012 gefordert wurden.

Versandhandel und Pick up sieht Graue hingegen inzwischen als weniger bedrohlich für die Apotheken an, weil "rechtswidrige Wettbewerbsvorteile dieser Vertriebskanäle schrittweise beseitigt werden konnten".

Positiv an der neuen Apothekenbetriebsordnung wertete Graue die Aufnahme der apothekenüblichen Dienstleistungen und des Medikationsmanagements. Dem stehe jedoch der deutlich gestiegene bürokratische Aufwand mit neuen Dokumentationspflichten und einem umfassenden QMS gegenüber. Für alle, die sich erstmals mit einem QMS auseinandersetzen, gelte es, "aus der Not die Tugend zu machen" und die Verbesserungsmöglichkeiten zu nutzen.

Im nächsten Jahr werde es spannend, wenn der Europäische Gerichtshof die Unternehmertätigkeit der gesetzlichen Krankenkassen prüft. Dies könne zu weitreichenden Konsequenzen führen, so Graue. Trotz der vielen aufgezeigten Probleme für die Apotheken schloss Graue seine Rede mit einem optimistischen Ausblick.


tmb



DAZ 2012, Nr. 50, S. 76

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