DAZ aktuell

"Reserven sind aufgebraucht"

KÖLN (wes). Der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, möchte am 6. Dezember ABDA-Vize werden. Preis ist Inhaber und Leiter einer Apotheke in Köln und steht dem Verband Nordrhein seit 14 Jahren vor. Er ist mit einer Ärztin verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Mit der DAZ sprach er über seine Pläne als ABDA-Vize, seine Vorstellungen für die Weiterentwicklung des Apothekerberufs und natürlich auch über die Verhandlungen über den Kassenabschlag.
Dr. Thomas Preis: "Es besteht immer die Gefahr, dass sich die Politik an der Honorierung der Apotheker vergreift." Foto: AV Nordrhein

DAZ: Herr Preis, Sie kandidieren für das Amt des ABDA-Vize. Wenn Sie gewählt werden, was ist das wichtigste Ziel, das Sie für die Apotheker erreichen wollen?

Preis: Wir haben aktuell und in der Zukunft eine ganz prioritäre Herausforderung, und das ist das Erreichen einer leistungsgerechten Vergütung der Apotheker! Wir haben in den letzten Jahren das System, in dem sich die öffentliche Apotheke bewegt, stabilisiert und relativ sicher gemacht. Ich nenne hier große Gefahren wie drohende Abschaffung des Fremd- und Mehrbesitzverbots und das Infragestellen einer einheitlichen Arzneimittelpreisverordnung. Auch die jüngsten Urteile zum Verbot der Selbstbedienung mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln und das zuletzt ergangene Urteil zur Erreichbarkeit von krankenhausversorgenden Apotheken bestätigen die Positionen unseres Berufsstandes.

Mittlerweile haben Politik und Gesellschaft also verstanden, dass Arzneimittel besondere Güter sind, die von einem Fachmann abgegeben werden müssen, der beraten kann – und das ist der Apotheker. Dieses System haben wir stabilisiert. Jetzt gilt es für diese wichtige Tätigkeit des Apothekers auch eine angemessene Honorierung zu erzielen.

Neun Jahre hat sich unsere Honorierung nicht verbessert. Gleichzeitig sind die Kosten enorm gestiegen und auch die Anforderungen an die Apotheker und das Apothekenpersonal sind gestiegen. Wir haben heute aufgeklärtere Patienten, wir haben kompliziertere Medikamente, wir haben mehr Patienten mit Polymedikation, dadurch haben und werden sich die Aufgaben für Apotheken verändern und dafür brauchen wir auch eine leistungsgerechte Vergütung.


DAZ: Nun hat es ja mit der angekündigten Notdienstpauschale einen "Zuschlag" von 120 Millionen Euro gegeben.

Preis: Mit der angekündigten Honorierung oder besser gesagt Subventionierung des Notdienstes ist sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht worden. Wir brauchen aber weitere Unterstützung, denn wir sehen ja, dass die Apothekenzahl kontinuierlich abnimmt, das heißt die Belastungen durch die Notdienste werden für die anderen Apotheken eher steigen. Deshalb ist das ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht ausreichend.


DAZ: Glauben Sie, dass in der Honorarfrage noch Spielraum da ist in den nächsten Jahren oder werden sich die Apotheker – nach Honorarerhöhung und Notdienstpauschale – bescheiden müssen?

Preis: Im Gesundheitswesen gibt es große Herausforderungen, Stichwort demografischer Wandel. Klar ist auch, dass die finanziellen Ressourcen weiterhin knapp bleiben werden. Deshalb besteht immer die Gefahr, dass sich die Politik an der Honorierung der Apotheker vergreift. Das ändert aber nichts an dem Grundbedarf, den wir haben. Um es klar zu sagen: Es führt kein Weg daran vorbei, dass auch in naher Zukunft das Honorar erhöht werden muss und dass wir individueller honoriert werden müssen. Da gibt es ja auch ganz klare Signale aus der Politik.

Nach dem Einstieg in eine Subventionierung des Notdienstes müssen wir jetzt z. B. die Gebühren für BtM und die Rezepturen aktiv angehen. Dabei sollten wir auch ganz konsequent darüber nachdenken, warum wir nur für die BtM eine Gebühr bekommen sollen. Im Grunde ist es ja eine Gebühr für die Dokumentation, warum sollten also andere Dokumentationspflichten nicht auch honoriert werden? Als Erstes würden mir da Blutprodukte einfallen. Aber auch Kühlartikel wären ein Thema – in diesem Bereich wird durch europäische Regelungen einiges auf uns zukommen. Es steht zu befürchten, dass die Kosten der uns beliefernden Händler und Hersteller am Ende bei uns Apothekern landen.


DAZ: Wenn wir gerade bei der Honorierung sind: Die Gespräche über den Kassenabschlag wurden ergebnislos abgebrochen. Sehen Sie noch eine Chance auf Einigung?

Preis: Es liegt jetzt in der Hand des GKV-Spitzenverbandes, ob wir zu einer gütlichen Einigung kommen. Ansonsten wird die Schiedsstelle entscheiden. Was wir ganz klar nicht akzeptieren ist eine Verhandlungsbasis von 2,05 Euro! Die Politik hat immer gesagt, dass die Erhöhung des Rabattes ein zeitlich befristetes Sonderopfer war. Wenn die Krankenkassen das nicht anerkennen wollen, dann verhalten sie sich nicht korrekt! Dann müssen wir mit dem Anrufen der Schiedsstelle reagieren. Was die Krankenkassen damit nach außen signalisieren, ist die Bankrotterklärung der subsidiären Lösungen der Selbstverwaltung! Dass die Politik die Blockadepolitik der Krankenkassen nicht akzeptiert, ist auch für das nachfolgende Schiedsverfahren wichtig.


"Was die Krankenkassen damit signalisieren, ist die Bankrotterklärung der Selbstverwaltung."


Aber auch wenn wir ganz konsequent den Weg mit der Schiedsstelle weiterverfolgen: Wir sind natürlich weiterhin bereit, mit den Kassen eine Verhandlungslösung zu finden.


DAZ: Es gibt aus der Apothekerschaft die Forderung, den Abschlag auf null zu senken, ihn also abzuschaffen. Andere warnen davor. Welche Höhe halten Sie für angemessen?

Preis: Wir haben die gesetzliche Vorgabe, den gesetzlichen Krankenversicherungen einen Rabatt zu geben. Früher war das eine prozentuale Komponente, seitdem wir die neue Honorierung mit Fixzuschlägen haben ist daraus ein fixer Abschlag geworden, was auch systematisch und rechnerisch richtig ist. Ein prozentualer Abschlag würde die Apotheker erheblich benachteiligen. Natürlich muss ein möglichst niedriger Rabatt das Ziel sein. Aber ein Rabatt, der gegen Null tendiert, wird uns nichts nützen.


"Ein Rabatt, der gegen Null tendiert, wird uns nichts nützen."


Erstens wird das die Politik nicht akzeptieren, denn momentan geben wir der GKV jedes Jahr über eine Milliarde Euro Rabatt. Das Geld würde nicht unangetastet bei den Apotheken verbleiben. Der zweite Punkt ist, dass die Krankenkassen heute über eine Milliarde – in Zukunft vielleicht auch nur etwa eine halbe Milliarde, um mal eine Zahl zu nennen – aufs Spiel setzen würden, wenn sie die Rechnung der Apotheker nicht pünktlich und vollständig bezahlen. Dass bisher die korrekte Bezahlung immer gut funktioniert hat, liegt eben auch am Kassenrabatt. Deshalb muss der Abschlag so niedrig wie möglich sein, aber auch genügend hoch, damit die Krankenkassen pünktlich zahlen.


DAZ: Geht es jetzt nach dem Scheitern der Gespräche mit den Kassen mit den Protestaktionen richtig los?

Preis: Man muss eines ganz klar sehen: Sobald die Schiedsstelle tagt, werden uns Proteste nicht mehr groß weiterhelfen. Bis dahin kann man aber noch einiges bewegen. Es ist wichtig, die Entrüstung und Protesthaltung der Apotheker mit den Aktionen auszudrücken. Aber auch die Information von Öffentlichkeit und Politik darf dabei nicht zu kurz kommen. Ich bin der Auffassung, dass alle Verbände, Kammern und die ABDA gut gerüstet sind.


DAZ: Die ABDA, deren Vize Sie ja werden wollen, wurde in den vergangenen Monaten von den sogenannten Protestapothekern massiv angegriffen. War diese Kritik gerechtfertigt oder eher Ausdruck des Unmuts über die wirtschaftliche Situation?

Preis: Ich glaube, dass Apothekerinnen und Apotheker zu Recht gefrustet sind bezüglich der Honorierung, der Vorschläge der Politik und des Verhaltens der Krankenkassen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass die Kolleginnen und Kollegen ausreichend Raum haben, in Diskussionen einzutreten. Aus meiner Sicht ist das gelungen auf dem Deutschen Apothekertag und mit der vorgezogenen Kommunikationsveranstaltung in München. Wir müssen darüber hinaus weiter den intensiven Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort führen. Wir in Nordrhein pflegen das, indem wir über die Bezirksverbände in regelmäßigem Kontakt stehen. Auch bei regionalen Informationsveranstaltungen, die immer im Herbst stattfinden, wird die berufspolitische Situation diskutiert.

Apothekerinnen und Apotheker sehen sich tagtäglich einer Vielzahl hochkomplexer Vorgänge gegenübergestellt: Die Honorierung der Apotheker ist hochkomplex, die Abrechnung mit den Krankenkassen ist hochkomplex, die neue Apothekenbetriebsordnung ist hochkomplex, das sind alles Dinge, die wir mit unseren Mitgliedern in internen Veranstaltungen durchsprechen und diskutieren müssen. Natürlich erwartet man Lösungen von der Berufsvertretung. Und das zu Recht! Und wenn diese Lösungen dann nicht kommen, aus was für Gründen auch immer, dann versucht man, sich Luft zu machen. Das ist normal.


DAZ: Höre ich hier eine versteckte Kritik heraus, die ABDA sei in der Vergangenheit zu abgehoben gewesen und habe sich nicht genügend den Nöten des "kleinen Apothekers" angenommen?

Preis: Die ABDA sind wir ja alle! Das sind die Kammern und Verbände und die vertreten die Kolleginnen und Kollegen, die haben sie ja gewählt. Ich habe aber auch Verständnis für Forderungen, dass bei diesen hochkomplexen Verhandlungen für zusätzliche Transparenz gesorgt werden muss. Das ist enorm wichtig. Wir befinden uns in einem neuen Medienzeitalter mit dem Internet. Hier erscheint oft eine Wirklichkeit, die nicht mit der übereinstimmt, die sich in den persönlichen Gesprächen darstellt. Wir konnten ja auch auf dem Apothekertag und auf anderen Veranstaltungen sehen, dass die Kolleginnen und Kollegen mit den Erklärungen der Verantwortlichen das nötige Verständnis erreichen – vielleicht sogar Einsicht – , um die komplexen Vorgänge zu verstehen.


"Die ABDA sind wir ja alle!"

Ich wünsche mir aber auch, dass diese Kolleginnen und Kollegen auch zu den Veranstaltungen der regionalen Berufsvertretungen kommen. Ich habe das jetzt mehrmals erlebt und begrüße das sehr. Es ist gut, wenn viele Kolleginnen und Kollegen zum Apothekertag kommen, auch wenn sie keine Delegierten sind. Es ist gut, wenn sie zu den Kammerversammlungen kommen. Diese sind öffentlich! Auch zu den Sitzungen und Veranstaltungen der Apothekerverbände sollten diese Kollegen kommen. Dort wird Politik gemacht und dort können wir auch in Diskussion treten.

Aber ich will betonen, dass die Berufsvertretung in Berlin auch durchaus erfolgreich war. Auch wenn 25 Cent nicht reichen, ist es zum ersten Mal gelungen, die Arzneimittelpreisverordnung anzufassen und es ging nach oben und nicht nach unten! Ich bin überzeugt, dass wir dahin kommen können – wie das bei anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen üblich ist – kontinuierlich über jährliche Anpassungen der Honorierung zu verhandeln. Die Wirtschaftlichkeitsreserven der Apotheken sind nachweislich aufgebraucht, wie man an den Apothekenschließungen sieht! Deshalb wird das Thema weiter ganz oben auf der Agenda bleiben müssen.


DAZ: Wie wird sich in Ihren Augen der Apothekerberuf entwickeln? Werden die Apotheker, gezwungen durch die wirtschaftliche Lage, immer stärker zu Kaufleuten und Unternehmern oder liegt die Zukunft im Heilberuf?

Preis: Apotheker müssen heute unternehmerisch handeln und werden auch in Zukunft immer unternehmerisch handeln müssen. Wir sind Unternehmer! Das ist so und wird weiterhin so sein. Aber unser Beruf ist eindeutig heilberuflich geprägt. Deshalb muss das Thema Heilberufler eindeutig gleichzeitig im Vordergrund stehen. Natürlich müssen wir unseren Beruf und unsere Tätigkeiten weiter entwickeln. Wir müssen uns neuen Herausforderungen stellen. Ein ganz wichtiges Thema, das ja mit dem ABDA-KBV-Modell quasi bereits gestartet ist, ist die Steigerung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Das findet sich auch in der neuen Apothekenbetriebsordnung. Die Gesellschaft erwartet von uns Apothekern, dass wir diese Herausforderungen annehmen und in Vertretung für die Gesellschaft müssen die Krankenkassen das dann auch leistungsgerecht honorieren.

"Wir sind Unternehmer! Das ist so und wird weiterhin so sein."


DAZ: Also eher eine Entwicklung hin zum Gesundheitsmanager mit einer Abkoppelung der Honorierung von der konkreten Arzneimittelabgabe?

Preis: Wir werden heute für die Abgabe und gleichzeitige Beratung honoriert – das ist wichtig und ist unsere Honorierungsbasis. In Zukunft werden wir zusätzliche Finanzierungsinstrumente brauchen, weil wir neue Aufgabenfelder übernehmen werden müssen. So wie jetzt z. B. das Medikationsmanagement, das wir in die Konzepte der Arzneimitteltherapiesicherheit integrieren werden müssen und das auch entsprechend honoriert werden muss. Bis jetzt ist nur die Distribution honoriert worden, die Beratung nur in unmittelbarem Zusammenhang mit der Abgabe. In Zukunft muss die komplexe Beratung der Komplettmedikation bezahlt werden. Denn das ist eine ganz neue Aufgabe.


DAZ: Von der Krankenkassenseite kann man hören, diese Leistung sei bereits honoriert, denn beraten müsse der Apotheker schon heute.

Preis: Es ist eben nicht honoriert! Die Beratungsleistung der Apotheker ist in den Fällen honoriert, wo wir das am Handverkaufstisch machen können. Das ist bei einem Patienten der Fall, der ein verschreibungspflichtiges Medikament bekommt, etwa einen Betablocker, und vielleicht einmal im Jahr ein Antibiotikum dazubekommt. Da kann der Apotheker am HV die nötige Beratung machen. Aber wenn wir hochkomplexe Fälle haben, zum Beispiel ein 80-Jähriger, der zu seinen fünf oder zehn Medikamenten das 6. oder 11. hochwirksame Arzneimittel dazubekommt, haben wir einen Fall, den wir immer öfter nicht in wenigen Minuten am HV-Tisch erledigen können. Dieser Patient braucht ein intensives Medikationsgespräch, das dann eben auch eine Dreiviertelstunde Zeit in Anspruch nehmen kann. Anders kann man den Herausforderungen der Polymedikation nicht entgegentreten. Wir wissen ja, dass die Kassen hier ein Defizit sehen. Deshalb haben sie ja teilweise Verträge mit der Ärzteschaft geschlossen, die auch entsprechend honoriert werden. Das Gleiche muss auch für Apotheker möglich sein! Wir müssen in Gesprächen und mit guten Modellen die Krankenkassen überzeugen, dass auch die Apotheker diese Leistung erbringen können. Wir sind in vielen Gesprächen mit den Krankenkassen und ich bin zuversichtlich, dass wir hier zu Erfolgen kommen.


DAZ: Herr Preis, würden Sie einem Abiturienten heute raten, Apotheker zu werden?

Preis: Ich kann es jungen Leuten nur empfehlen, Pharmazie zu studieren! Deshalb freut es mich auch, dass mein Sohn im 5. Semester Pharmazie studiert. Natürlich ist es schwieriger geworden, sich als Apotheker selbstständig zu machen. Trotzdem würde ich jedem Apotheker empfehlen, den Schritt in die Selbstständigkeit – nach entsprechender Beratung – zu tun.


Die Fragen stellte DAZ-Chefredakteur Dr. Benjamin Wessinger.



DAZ 2012, Nr. 47, S. 26

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