Aus der Hochschule

Gesundheitsinformation in Facebook, Twitter und Co.

Selbst das stark regulierte deutsche Gesundheitssystem kann sich den Trends der modernen Kommunikation nicht entziehen. Auf der 12. Jahrestagung Consumer Health Care, die am 26. Oktober in Berlin stattfand, referierten Experten über Nutzen und Risiken der Sozialen Medien und des Web 2.0 im Bereich Gesundheit. Diskutiert wurden unter der Moderation von Prof. Dr. Marion Schaefer aber auch die Gefahren, Einschränkungen und Verpflichtungen, die die neuen Technologien mit sich bringen.

Was halten Ärzte vom "Netz"?

Zu Beginn gab der Arzt Dr. Philipp Stachwitz in seinem Vortrag "Was macht der Arzt im Web 2.0" einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Internets. Viele Ärzte nutzen zur Kommunikation mit Kollegen berufliche Social Networks wie DocCheck. Diese können aber die Kommunikation per Telefon oder den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Beim Thema Praxismarketing sei das Internet zwar mittlerweile in der Spitzenposition, der Einsatz von sozialen Netzwerken spiele aber noch eine eher untergeordnete Rolle.

Bei der Informationsbeschaffung werden Peer-reviewed Journals für Ärzte noch lange das Maß der Dinge bleiben. Dennoch stellte Stachwitz die Frage in den Raum, ob die Weisheit der Massen à la Wikipedia und der leichte Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht irgendwann die hochrangigen Journals mit ihren restriktiven Zugängen ablösen.

Die persönliche Arzt-Patient-Beziehung sieht Stachwitz nicht gefährdet, da "unter Datenschutzaspekten das Internet eigentlich ungeeignet für diese Form einer doch sehr persönlichen Beziehung" sei, sofern sich nicht ein neues Verständnis zum Datenschutz in der Gesellschaft etabliert. Der Arzt müsse auch in Zukunft "den Patienten mit all seinen Sinnen wahrnehmen", und umgekehrt habe auch der Patient "Anspruch auf einen ganzen Arzt".

Mobile Healthcare – mHealth

Alexander Schachinger, Geschäftsführer von healthcare42.com, erörterte in seinem Vortrag, wie mobile Applikationen (Apps), die auf Smartphones und Tablet-PCs heruntergeladen werden können, zu einer besseren Gesundheitsversorgung beitragen können. Die digitale Evolution mit ihrer Vernetzungsdynamik stehe zwar im Widerspruch mit dem stark regulierten Gesundheitssystem, dennoch gehe die Entwicklung immer mehr in Richtung eHealth und Mobile Healthcare (mHealth). Internetportale, die Online-Evaluationen zur Effektivität verschiedener Therapien anbieten, haben großen Zulauf. Chroniker mit guter Online-Erfahrung bezüglich ihrer Erkrankung können laut Studienergebnissen auch mit ihrem Arzt besser in Dialog treten, z. B. wenn es um die Auswahl des individuell am besten geeigneten Medikaments geht. Die "Verschreibung" einer Gesundheits-App zur Therapiebegleitung wird in Großbritannien bereits erprobt.

Das Internet: "Eine Tatsache, der wir uns stellen müssen"

Prof. Dr. Dr. Alexander Ehlers, Rechtsanwalt und Arzt, stellte an den Beispielen Ärzte-Bewertungsportale und elektronische Patientenakte dar, welche Bedeutung das Internet künftig für das Gesundheitswesen haben wird und welche Probleme dabei zu berücksichtigen sind. Zudem analysierte er die werberechtlichen Vorgaben für das Internet und damit mögliche neue Formen der Kommunikation im Gesundheitsbereich, die sich u. a. aus dem Heilmittelwerbegesetz (HWG) und den jeweiligen Berufsordnungen der Heilberufe ergeben.

Für Ehlers stellt sich nicht die Frage, "ob wir das Internet im Gesundheitssystem haben wollen", sondern er sieht es als "eine Tatsache, der wir uns stellen müssen". Ein heutiger, gut informierter Patient habe nachweislich annähernd das gleiche Wissen wie ein Physikumskandidat in den 1970er Jahren. Einem solchen Wandel müsse man Rechnung tragen: Denn "Recht ist der Konsens einer Gesellschaft; ändern sich die Anforderungen und Bedürfnisse, wandelt sich auch das Recht".

"Wie verändern soziale Medien unsere Kommunikation?" Diesem Thema widmete sich Thomas Bellartz, Geschäftsführer der PR-Agentur neuspree Media. Die Möglichkeit, immer und überall, einfach, schnell, mit geringer Kontaktschwelle und dazu auch noch günstig zu kommunizieren, wird als bereichernde Ergänzung zur bisherigen Kommunikation gesehen. Allerdings nicht von allen: Differenzen gebe es u. a. zwischen den "Digital Natives", die mit dem Web 2.0 aufgewachsen sind, und der älteren, skeptischeren Generation. Diese These belegte der Referent mit zahlreichen Beispielen aus der Politik und Fachpresse.

Mit Twitter Epidemien erkennen?

Edward Velasco vom Robert Koch-Institut (RKI) stellte ein System zur Erkennung der Verbreitungsmuster von Infektionskrankheiten vor, das auf Signale aus dem Sozialen Netzwerk Twitter zurückgreift. Dabei werden die veröffentlichten Posts von Twitter Usern auf bestimmte Schlüsselwörter gescreent, die auf einen Krankheitsausbruch und seine Verbreitung hindeuten können (Symptome, Beschwerden, Krankheitstage). Treten diese gehäuft in einer bestimmten Region und mit anderen Schlüsselwörtern kombiniert auf, wird ein Signal erzeugt. Dadurch erhofft sich das RKI eine Beschleunigung der Surveillance-Wege, die derzeit zumeist mehrere Tage brauchen, bis sie über die (Landes-)Gesundheitsämter das RKI erreichen. Bei der EHEC-Epidemie war dieses System zwar noch nicht schneller als die traditionellen Informationswege, es soll aber weiterentwickelt und verbessert werden.

Pharmaindustrie und Social Media

Über die Herausforderungen, Möglichkeiten und Ziele eines pharmazeutischen Unternehmens in Sozialen Netzwerken sprach Tanja Mayer von der Bayer HealthCare AG. In der Branche sei man zurzeit noch skeptisch gegenüber der Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Social Media, u. a. wegen rechtlicher Einschränkungen durch das HWG. Die Fa. Bayer ist bei Social Media derzeit in zwei Aufgabengebieten aktiv: Monitoring der Beiträge über das Unternehmen und seine Produkte (engl. "listen") und der Dialog mit den Usern auf der eigenen Präsenz (engl. "(re)act"). Ein Problem sind sogenannte "Shitstorms", bei denen die Präsenz mit negativen Beiträgen "bombardiert" wird.

Gesundheits-Apps

Zum Abschluss präsentierte Christopher Funk die Ergebnisse seiner Masterarbeit im Studiengang Consumer Health Care zum Thema "Gesundheits-Apps: Markt vs. Meinung". Nach einer Marktanalyse aller Apps der Kategorien "Gesundheit und Fitness" und "Medizin" aus Apple’s AppStore präsentierte er die Ergebnisse seiner Umfrage unter 1018 Personen zum Nutzungsverhalten von Gesundheits-Apps.

Nur wenige Apps thematisieren das Management chronischer Erkrankungen, während es eine Masse an "Gesundheits-Apps" für Ernährung, Fitness und zum Aufzeichnen/Tracken von Sportaktivitäten gibt. Nach Meinung von Funk muss kein Arzt die "Konkurrenz durch das Smartphone fürchten", vielmehr genießt die Ärzteschaft beim Patienten sogar das größte Vertrauen, wenn es um die Empfehlung für nützliche Gesundheits-Apps geht. Zudem habe der Endverbraucher solcher Apps durchaus "ein differenziertes Bild, was eine Gesundheits-App zu leisten im Stande ist und was nicht". Niemand würde erwarten, dass mittels einer App eine sichere Diagnose gestellt werden kann. Allerdings empfiehlt Funk, zweckmäßige Apps von Ärzten und gegebenenfalls auch Apothekern zur Begleitung chronisch Kranker einzusetzen, wie dies in Großbritannien und den USA schon üblich ist.

Wie in jedem Jahr wurden den Absolventen des Masterstudiengangs Consumer Health Care der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Rahmen der Jahrestagung ihre Urkunden und Zertifikate überreicht.


Marius Schaut



DAZ 2012, Nr. 47, S. 98

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