DPhG-Jahrestagung

Leuchtturmprojekte der pharmazeutischen Forschung

"Die Pharmazie ist heute interdisziplinärer denn je", so das Statement von DPhG-Präsident Prof. Dr. Dieter Steinhilber auf der diesjährigen DPhG-Jahrestagung in Greifswald. Besonders eindrucksvoll spiegelt sich diese Interdisziplinarität in den sogenannten Leuchtturmprojekten wider – Forschungseinrichtungen, die in jüngster Zeit an einigen Pharmazie-Standorten errichtet wurden oder geplant sind. Vorgestellt wurden die Projekte von Prof. Dr. Claus-Michael Lehr (HIPS), Prof. Dr. Werner Weitschies (C_DAT), Prof. Dr. Christel Müller-Goymann (PVZ) und Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz (House of Pharma).

HIPS – Das Helmholtz Institute for Pharmaceutical Research Saarland

Das HIPS wurde 2009 vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) Braunschweig und der Universität des Saarlandes gegründet. Träger ist die Helmholtz-Gemeinschaft – die größte deutsche Forschungsorganisation, die sich der strategischen Grundlagenforschung widmet, u. a. in den Bereichen Energie, Schlüsseltechnologien und Gesundheit.

Am HIPS bestehen drei Forschungsabteilungen und drei Nachwuchsgruppen, deren gemeinsames Ziel die Entwicklung neuer Arzneimittel und Therapieoptionen gegen Infektionskrankheiten ist. Das HIPS ist mit der Pharmazie der Universität des Saarlandes eng verbunden.

In der von Prof. Dr. Rolf Müller geleiteten Abteilung Mikrobielle Naturstoffe widmet man sich schwerpunktmäßig der Identifizierung von Wirkstoffen in Myxobakterien (s. DAZ Nr. 43, S. 70).

Ein Forschunkschwerpunkt der Abteilung Wirkstoff-Design und -Optimierung (Leiter: Prof. Dr. Rolf Hartmann) ist der Problemkeim Pseudomonas aeruginosa. Erforscht wird u. a. dessen Kommunikationssystem. Wenn es gelingt, dieses System mithilfe von kleinen Molekülen zu beeinträchtigen, könnte das Wachstum von Biofilmen effektiv behindert werden.

Prof. Dr. Claus-Michael Lehr, Leiter der Abteilung Wirkstofftransport, beschäftigt sich mit seinem Team mit der Überwindung biologischer Barrieren zwischen Applikations- und Wirkort von Pharmaka, z. B. der Haut oder der Intestinalschleimhaut.

C_DAT Greifswald

Das im November 2011 eröffneten Center of Drug Absorption and Transport (C_DAT) ist ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum der Universität Greifswald (siehe Foto). Es besteht aus dem Institut für Pharmakologie (Leiter: Prof. Dr. Werner Siegmund), der Abteilung für Biopharmazie und Pharmazeutischer Technologie (Leiter: Prof. Dr. Werner Weitschies) und der Abteilung für Pharmazeutische Biotechnologie (Leiter: Prof. Dr. Thomas Schweder) des Pharmazeutischen Instituts. Weiterhin besteht eine enge Kooperation mit dem Zentrum für Radiologie (Leiter: Prof. Dr. Norbert Hosten).


Foto: Blasius

Die Mitarbeiter des C_DAT widmen sich der Aufklärung grundlegender physiologischer Vorgänge des Arzneimittelmetabolismus und -transports, um aus diesen Erkenntnissen neue Therapiekonzepte und innovative Darreichungsformen entwickeln zu können. Auch an bereits zugelassenen Medikamenten wird geforscht, um Transportvorgänge im Organismus besser zu verstehen. Dazu zählen beispielsweise der Lipidsenker Ezetimib (Ezetrol®) und das Kontrastmittel Gadoxetsäure (Primovist®).

Zentrum für Pharmaverfahrenstechnik (PVZ) der TU Braunschweig

Das 2012 gegründete PVZ entstand auf der Basis langjähriger Kooperationsbeziehungen zwischen den Fachrichtungen Verfahrenstechnik und Mikrotechnik (Fakultät für Maschinenbau) und der Pharmazie an der TU Braunschweig sowie ingenieurwissenschaftlichen Einrichtungen der benachbarten TU Clausthal und der Universität Hannover. Damit vereint das PVZ eine deutschlandweit einzigartige Fächerkombination.

Das PVZ erforscht u. a. Methoden und Verfahren, die schwer lösliche Arzneistoffe wirksamer und besser verträglich machen können. Ein weiterer Schwerpunkt sind maßgeschneiderte Formulierungen, die in ihrer Dosierung genau auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten sind. Nicht zuletzt will das PVZ kostengünstigere Produktionsverfahren für Arzneimittel entwickeln. Die Einrichtung eines Masterstudienganges Pharmaingenieurwesen ist geplant. Im Jahre 2015 soll ein neues Forschungsgebäude bezogen werden.

"House of Pharma" in Frankfurt – Bindeglied universitärer und industrieller Forschung

Während HIPS, C_DAT und PVZ bereits real existieren, handelt es sich beim "House of Pharma" zunächst um ein gedankliches Gebäude. Nach Ansicht von Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, einem der Initiatoren des Projekts, stehen die Chancen für die reale Umsetzung nicht schlecht, denn die Rhein-Main-Region verfügt nicht nur über eine starke Pharmaindustrie, sondern auch eine leistungsfähige Universität, wo sich mit dem Zentrum für Arzneimittelforschung, Entwicklung und Sicherheit (ZAFES) bereits eine Einrichtung für vernetzte anwendungsorientierte Arzneimittelforschung befindet.

Es ist geplant, die zurzeit in Frankfurt bestehende Fraunhofer-Projektgruppe Translationale Medizin und Pharmakologie (TMP) nach Ablauf der Förderung in ein Fraunhofer-Zentrum als zentrale Säule des "House of Pharma" zu überführen. Zu den Hauptgeschäftsfeldern sollen beispielsweise Diabetes, Multiple Sklerose, Schmerz- und Autoimmunkrankheiten zählen, also chronische Erkrankungen, die bisher nur unzureichend behandelt werden können. Durch strategische Partnerschaften, auch unter Einbeziehung von kleineren Biotech-Firmen oder Patientenorganisationen, soll es schließlich gelingen, in Deutschland mehr innovative Arzneimittel auf den Markt zu bringen. (Siehe auch DAZ Nr. 39, S. 32.)




Perspektiven: "Pharmazie 2020"


Breiten Raum nahmen auf der diesjährigen DPhG-Jahrestagung die Diskussionen zur Agenda "Pharmazie 2020 – Perspektiven in Forschung und Lehre" ein. Zunächst hatten sich Hochschullehrer der fünf pharmazeutischen Prüfungsfächer zu kleineren Diskussionsrunden zusammengefunden. Daran schloss sich eine Plenarveranstaltung an, auf der ein Vertreter jedes Faches die erarbeiteten Thesen vorstellte. Zum Abschluss der Tagung resümierten Prof. Dr. Angelika Vollmar, Universität München, und DPhG-Präsident Prof. Dr. Dieter Steinhilber den Stand der bisherigen Überlegungen und gaben einen Ausblick auf zukünftige Aktivitäten.

Prof. Dr. Dieter Steinhilber

Ausgangspunkt für "Pharmazie 2020" war die Überlegung, wie sich die Pharmazie als Wissenschaft im Kanon der anderen Naturwissenschaften in Zukunft positionieren soll, erläuterte Steinhilber. Dabei gehe es nicht nur um die Forschung, sondern auch um die Weiterentwicklung der Lehre. Dafür müsse die geltende Approbationsordnung nicht verändert werden, denn sie bietet genügend Raum für Gestaltungsmöglichkeiten, betonte er.

Lehrinhalte einbringen

Die Vertreter der fünf pharmazeutischen Fachdisziplinen stimmten überein, dass das Pharmaziestudium mit vielen Inhalten überfrachtet ist, was dazu führt, dass die Studierenden vor allem reproduktiv lernen. Wenn neue, vernetzte Lehrinhalte in das Studium eingebracht werden sollen, müsse daher auch überlegt werden, auf welche Inhalte möglicherweise verzichtet werden kann.

Erfreulicherweise, so Steinhilber, waren in den Diskussionen keine "Abgrenzungsbestrebungen" der einzelnen Fächer zu beobachten, sondern es wurde nach gemeinsamen Schnittflächen gesucht. Auf dieser Basis sollte es auch möglich sein, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen zu generieren, so der DPhG-Präsident. Für die Studierenden wäre es von Vorteil, wenn die Lehrinhalte besser miteinander verknüpft werden. Selbstverständlich sollen die klassischen Inhalte der einzelnen pharmazeutischen Teildisziplinen trotzdem erhalten bleiben, betonte Steinhilber.

Im Vergleich mit anderen Studienrichtungen wie beispielsweise der Biochemie werden die Pharmaziestudierenden relativ spät mit der Forschung vertraut gemacht. Daher wurde angeregt, Studierende schon früher in Forschungsprojekte zu integrieren.

Prof. Dr. Angelika Vollmar Foto: DAZ/Reimo Schaaf

Da die einzelnen Standorte der Hochschulpharmazie unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen, sollte sich jeder Standort entsprechend seinen Voraussetzungen aus dem Papier "Pharmazie 2020" bedienen können. In Workshops, die von der DPhG-Geschäftsstelle organisiert werden und in den nächsten Monaten stattfinden, soll die Diskussion fortgesetzt werden. "Jeder Hochschullehrer ist eingeladen, sich in die Diskussion einzubringen", schloss Steinhilber.

"Wir müssen mehr trommeln!"

Prof. Dr. Angelika Vollmar, Senatorin und Mitglied des Wissenschaftlichen Hauptausschusses der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), berichtete von ihren Erfahrungen, dass die Pharmazie im Vergleich mit anderen Wissenschaften als kleines, heterogenes Fach wahrgenommen wird, und forderte: "Daran müssen wir etwas ändern, denn das Potenzial ist da!" So wäre es beispielsweise denkbar, mit Schwerpunktprogrammen die standortübergreifende Forschung auszubauen.




Kräne drehen sich für neues "LPG"


Das alte Institut für Pharmazie …

Wenn in Greifswald zwischen Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße und Felix-Hausdorff-Straße von LPG die Rede ist, hat dies nichts mit Landwirtschaft zu tun (in der ehemaligen DDR stand die Abkürzung LPG für Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Im Baustellenjargon steht dieser Begriff vielmehr für das neue Labor- und Praktikumsgebäude, das derzeit in unmittelbarer Nachbarschaft zum Institut für Pharmazie errichtet wird.

… und die Baustelle des neuen Labor- und Praktikumsgebäudes (LPG). Fotos: Bruhn

Baubeginn war im April 2012. Nach der voraussichtlichen Fertigstellung in 2014 werden auf einer Hauptnutzfläche von 2619 m² Forschungslaboratorien und Praktikumssäle für die Fachrichtungen Pharmazeutische und Medizinische Chemie, Pharmazeutische Biologie, die Klinische Pharmazie sowie die Arbeitsgruppen Physiologie und Biochemie der Tiere sowie Mikrobielle Ökologie des Fachbereichs Biologie untergebracht sein.

Vom Neubau wird es auf Höhe des 2. Obergeschosses einen Verbindungsgang zum wenige Meter entfernten jetzigen Institutsgebäude geben, das dann Büro- und Sozialräume der Arbeitsgruppen beherbergen wird.



DAZ 2012, Nr. 44, S. 100