DAZ aktuell

Für einen verantwortungsvollen Arzneimittelgebrauch

FIP-Kongress 2012: Weltapothekerverband tagt in Amsterdam

AMSTERDAM (diz). Über 2500 Apothekerinnen und Apotheker aus nahezu allen Ländern der Welt nahmen am 72. FIP-Kongress, dem Kongress des Weltapothekerverbands FIP, teil. Vom 3. bis 8. Oktober 2012 hörten sie zahlreiche Vorträge rund um das Generalthema "Die Gesundheit verbessern durch verantwortungsvollen Arzneimittelgebrauch". ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf wurde als "FIP-Fellow" geehrt. Die "Fédération Internationale Pharmaceutique" (FIP) begeht in diesem Jahr zudem ihren 100. Geburtstag.
Der Kongress des Weltapothekerverbands FIP fand vom 3. bis 8. Oktober im Amsterdamer Kongresszentrum RAI statt. Fotos: DAZ/diz

In Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Margriet von den Niederlanden eröffnete der amtierende FIP-Präsident Michel Buchmann am 4. Oktober den Kongress. In seiner Rede hob er auf die unverzichtbare Rolle des Apothekers für einen verantwortungsvollen Arzneimittelgebrauch ab. Nach Schätzungen der WHO werden 50 Prozent der verordneten Arzneimittel nicht richtig oder überhaupt nicht eingenommen. Diese enorme Verschwendung von Arzneimitteln und Gesundheitskosten summiere sich weltweit auf einen Betrag von bis zu 500 Mrd. Dollar. Dies bedeutet, so Buchmann, eine große Herausforderung für alle Gesundheitsberufe, auch für Apotheker. Gerade auf dem Gebiet der Complianceverbesserung spielten Apotheker eine herausragende Rolle, vor allem wenn es darum geht, dem Patienten die richtigen Informationen zu seiner Arzneimitteltherapie zu vermitteln. Der Mangel an Informationen führe beim Patienten dazu, dass er sein Arzneimittel nicht oder nicht richtig einnehme und dadurch die Adhärenz leide. Hier könne der Apotheker eine herausragende Rolle einnehmen. Buchmann fragte: "Wir haben eine große Verantwortung, die bestmögliche Gesundheit in unserer Welt sicherzustellen – das ist uns bewusst, aber haben wir mit allen unseren Möglichkeiten daran gearbeitet, dieses zu erreichen?" Apotheker sollten sich daher auf folgenden fünf Gebieten engagieren:

  • die Ausbildung ändern, um ihre neuen Rollen im Gesundheitswesen auszufüllen

  • die Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen ausbauen

  • ihren Mehrwert aufzeigen
  • Patienten helfen, um ihre Therapietreue zu unterstützen

  • sich in Grundsatzdebatten einbringen.


Minister-Gipfel


Erstmals veranstaltete die FIP im Vorfeld des Kongresses einen Minister-Gipfel (Ministers Summit) mit der Gesundheitsministerin der Niederlande, Edith Schippers. Gesundheitsministern aus aller Welt sollte nahegebracht werden, dass der verantwortungsvolle Gebrauch von Arzneimitteln eine Grundvoraussetzung ist, um Gesundheit für alle zu erreichen ("das richtige Arzneimittel in der richtigen Dosis für den richtigen Patienten zur richtigen Zeit"). Die FIP arbeitet zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Durch ihre 127 Mitgliedsorganisationen repräsentiert die FIP über zwei Millionen praktisch und wissenschaftlich tätige Apothekerinnen und Apotheker weltweit.


Michel Buchmann, Präsident der FIP: Der Apotheker muss Zugang zu allen Patientendaten bekommen.

Ein Apotheker muss sich in Zukunft durch ein beachtliches Portfolio an Fähigkeiten, Wissen und Eigenschaften auszeichnen, nur dann wird er, so der FIP-Präsident, die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Patienten verstehen und sich hier einbringen können. Er wird sich neben Kenntnissen in den pharmazeutischen Wissenschaften auch Kompetenzen aneignen müssen in Klinischer Pharmazie, auf dem Gebiet des öffentlichen Gesundheitswesens und der Ökonomie – eine Neuorientierung auf den ganzen Menschen. Als Vorreiter nannte Buchmann die amerikanischen Krankenhausapotheker: Sie zeigten bereits in den 80er Jahren ihren Wert in der Therapie, den Mehrwert ihrer klinischen Arbeit in enger Zusammenarbeit mit den Ärzten. Diesen Mehrwert müssten nun auch die Apotheker in den öffentlichen Apotheken herausstellen, ebenfalls in Zusammenarbeit und in einem Netzwerk mit den Ärzten. Die FIP werde sich dafür einsetzen, dieses hohe Niveau der Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten zu erreichen, und werde daher die Berufsvertretungen der Heilberufe in den Ländern dazu auffordern, hier mitzuwirken. Eine solche Zusammenarbeit erfordere, dass auch Apotheker Zugang zu Patientendaten haben, dass die Kommunikation zwischen den Heilberufen ausgebaut wird, die apothekerlichen Kompetenzen weiter entwickelt und Qualitätsmanagementsysteme eingeführt werden, außerdem geeignete Rahmenbedingungen geschaffen und neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Vor diesem Hintergrund erarbeitete die FIP eine "Centennial Declaration" unter der Überschrift "Improving Global Health by Closing Gaps in the Development, Distribution and Responsible Use of Medicines". Die FIP hofft, dass möglichst viele Verbände und Organisationen diese Deklaration unterzeichnen, um sich dafür einzusetzen, die Gesundheit weltweit zu verbessern, indem man Lücken schließt in der Entwicklung, Verteilung und beim verantwortungsvollen Gebrauch von Arzneimitteln. Für die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände unterzeichnete ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf diese Deklaration.


Deutschland auf dem FIP-Kongress


Auch aus Deutschland beteiligten sich mehrere Pharmazeutinnen und Pharmazeuten mit Vorträgen am FIP-Kongress, u. a.:

  • Prof. Dr. Martin Schulz, Geschäftsführer Arzneimittel der ABDA, stellte im Rahmen des FIP-Symposiums über "Forschung in der pharmazeutischen Praxis" die PHARM-CHF vor, eine interdisziplinäre Studie für Patienten mit chronischer Herzmuskelschwäche, die im Oktober unter Beteiligung von Apotheken beginnen wird.

  • Dr. Nina Griese, Mitarbeiterin von Professor Schulz, war mit einem Beitrag über das ABDA-KBV-Modell auf dem FIP-Kongress vertreten.

  • Prof. Dr. Marion Schaefer referierte in Amsterdam zum Thema "Soziale Netzwerke als Informationsquelle über Arzneimittel".

  • Prof. Dr. Jennifer Dressman, Uni Frankfurt, trug zum Thema Biowaiver-basierte Arzneimittel-Zulassung vor.


In Amsterdam hat die FIP ihren Sitz. Sie wurde in der Stadt der Grachten vor 100 Jahren gegründet.

100 Jahre FIP

Die FIP, die weltweite Vereinigung nationaler Apothekerverbände und pharmazeutischer Wissenschaftler, wurde 1912 in Amsterdam gegründet. Buchmann nahm dies zum Anlass, das hundertjährige Bestehen des Verbands zu würdigen. Er warf einen kurzen Blick zurück auf die Geschichte des Verbands und auf seine Erfolge. So habe die FIP als weltweit führende Organisation für pharmazeutische Praxis, Wissenschaft und Ausbildung dazu beigetragen, dass das Arzneimittel als Ware der besonderen Art angesehen werde und nicht als Konsumgut. Jetzt sei es an der Zeit, so Buchmann, die Zukunft der Pharmazie zu schaffen.


Kongress zeitgemäß


Erstmals stellte der FIP-Kongress seinen Teilnehmer das Kongress-Programm als App für Smartphones und Tablet-PCs zur Verfügung: Die Kongress-Teilnehmer konnten die App herunterladen, sich über alle Vorträge, Referenten, Abstracts und Ereignisse informieren und bequem ihr eigenes Kongressprogramm zusammenstellen.

Ebenfalls eine Selbstverständlichkeit auf dem FIP-Kongress im modernen Kongresszentrum: kostenloser Internetzugang durch WLAN im gesamten Kongressgebäude für alle Teilnehmer.


Zahlreiche Ehrungen standen am Ende der Eröffnungszeremonie auf dem Programm. Als "FIP Fellows" wurden ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf und Dr. Horst Dieter Friedel von der Firma Bayer geehrt. Die Bedeutung dieses Preises ist es, individuelle Mitglieder der FIP zu würdigen, die sich international in ihrer Führungsrolle und in der pharmazeutischen Wissenschaft oder Praxis hervorgehoben haben.



DAZ 2012, Nr. 41, S. 26

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