Aus Kammern und Verbänden

Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit

Fachtagung Sozialpharmazie in Düsseldorf beleuchtet aktuelle Aspekte eines alten Problems

Was sind die Folgen eines missbräuchlichen Einsatz von Benzodiazepinen? Und was lässt sich gegen den Missbrauch tun? Dies waren zwei der zentralen Fragen auf der diesjährigen Fachtagung Sozialpharmazie des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Nordrhein-Westfalen am 4. und 5. September in Düsseldorf.

Schon seit den 1980er Jahren sind die Abhängigkeitsgefahren eines länger andauernden Benzodiazepin-Konsums breit diskutiert worden. Trotzdem hat sich nicht viel getan: Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Medikamenten, davon ca. 1,2 Millionen von Benzodiazepinen und den sogenannten Z-Substanzen (Zaleplon, Zolpidem, Zopiclon).

Frauen und ältere Menschen stellen den Großteil der Betroffenen. Nur ein winziger Teil von ihnen findet den Weg in die stationäre oder ambulante Therapie.

Arten des Missbrauchs

Prof. Dr. Andreas Weber, Dortmund, beleuchtete die Anforderungen der modernen Arbeitswelt. Stress durch höheren Wettbewerb sei inzwischen das zweitgrößte medizinische Problem und Doping am Arbeitsplatz eine der Reaktionen darauf. Je nach Studie würden zwischen einem und 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung dopen oder hätten dies zumindest schon einmal probiert. Eine konstante Dosis und keine offensichtlichen Schäden seien typisch für diese Art des Missbrauchs, doch die Langzeitrisiken seien bekannt – und das bei fraglichem Benefit.

Im Gegensatz dazu steht die "klassische" Sucht, bei der es zu Dosissteigerung und Kontrollverlust kommt. Dr. med. Heinrich Elsner von der Krisenhilfe Bochum nahm die Zuhörer mit auf eine Reise durch verschiedenste Substanzklassen von Loperamid bis Salbutamol und zeigte erschreckende Beispiele. So arbeiten Abhängige teilweise Medikamente auf oder kombinieren sie, um ihre Effekte auf das zentrale Nervensystem zu steigern.

In der Apotheke begegnet einem eher die Niedrigdosisabhängigkeit vor allem von Schmerz- und Schlafmitteln. Dr. Constanze Schäfer von der Apothekerkammer Nordrhein erklärte anhand pharmakologischer, pharmakodynamischer und sozialer Aspekte, warum gerade alte Menschen und Frauen hiervon besonders betroffen sind.

Mit Zahlen aus noch nicht veröffentlichten Umfragen der Bundesapothekerkammer in Referenzapotheken verdeutlichte Dr. Ralf Goebel die Verbreitung der Problematik. Auch die rechtlich und ethisch problematische Verschreibungspraxis einiger Ärzte, Schlafmittel für Kassenpatienten unbegrenzt auf Privatrezepten zu verordnen, wurde in den Umfragen thematisiert.

Kampf gegen den Missbrauch

Jan Möbius von der ABDA beschrieb die schädlichen Folgen des Langzeitkonsums der Benzodiazepine und Z-Substanzen, von denen viele wiederum deutlich die Sturzgefahr erhöhen und somit einen erheblichen Lebensqualitätsverlust hervorrufen können.

Dazu stellte Möbius ein Modellprojekt der ABDA vor. Der Arzt trifft die Auswahl bezüglich Mittel und Dosisreduktion, während der Apotheker eine umfangreiche Erstberatung durchführt und als Anlaufstelle während der Entwöhnung fungiert. Das richtige Vokabular im Patientengespräch (ohne die Wörter "Sucht", "Entzug" usw.), die vertraute Umgebung und die Zusammenarbeit der Heilberufler ermöglichen eine hohe Erfolgsquote, so Möbius.

Stets den Menschen hinter dem Suchtproblem zu sehen und ihn zu respektieren, mahnte Apotheker Heinrich Queckenberg, Gelsenkirchen. Es sei erforderlich, in der Apotheke die Zuständigkeit für Suchtfragen zu regeln und die Patienten stets ausführlich zu beraten. Mithilfe von ausgewähltem Infomaterial kann die Problematik angesprochen und der Patient an stationäre Einrichtungen oder Selbsthilfegruppen weiterverwiesen werden.

Die Arbeit stationärer Einrichtungen und Selbsthilfegruppen erläuterten Dr. med. Rüdiger Holzbach, LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein, und Wiebke Schneider vom Verband der Guttempler. Die Möglichkeiten der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen, an die Ärzte heranzutreten und diese zu sensibilisieren und zu beraten wurden ebenfalls vorgestellt.

Die Frage, ob "schwarze Schafe" unter den Ärzten (oder Patienten) zu melden seien und gegebenenfalls an wen, wurde heftig diskutiert. Teilnehmer schlugen vor, Werbung für risikobehaftete Arzneimittel zu verbieten oder Benzodiazepine und Z-Substanzen dem Betäubungsmittelrecht zu unterstellen.

Fazit

Am Ende der Veranstaltung blieb die Erkenntnis, dass die Aufgabe der Heilberufe, den Arzneimittelmissbrauch zu bekämpfen und Arzneimittelabhängigkeit zu verhindern, aktueller denn je ist. Amtsapothekerinnen und Amtsapotheker sowie das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen werden sich in Zukunft verstärkt diesem Thema widmen und wo immer möglich beraten, informieren und Vorschläge entwickeln. Dieses Engagement kann aber nur erfolgreich sein, wenn auch im gesellschaftlichen Umfeld der Arzneimittelmissbrauch als etwas Negatives verstanden wird.


Jan Giersdorf



DAZ 2012, Nr. 40, S. 95

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