Arzneimittel und Therapie

Vitamin B3 wirkt gegen MRSA

Hochdosiertes Nicotinamid im Modellversuch

Gegen Antibiotika resistente Bakterien stellen gerade im Krankenhausbereich ein besonderes Problem dar. Ein häufiger Erreger nosokomialer Infektionen sind multi-(Methicillin-)resistente Stämme von Staphylococcus aureus. Wie ein internationales Team von Wissenschaftlern jetzt zeigt, kann dieser Erreger im Modellversuch durch hohe Gaben von Nicotinamid (Vitamin B3) erfolgreich bekämpft werden. Die Wirkung wird offensichtlich über einen spezifischen Transkriptionsfaktor vermittelt, der durch die Aktivierung neutrophiler Granulozyten zu einer intensiven Bekämpfung des Bakteriums führt.

Weltweit stellen Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, vor allem in Kliniken, aber auch Pflegeeinrichtungen eine Gefahr dar. Dies gilt besonders für multi-(Methicillin-)resistente Stämme von Staphylococcus aureus (MRSA), wobei häufig chirurgische Intensivstationen, Abteilungen für Brandverletzungen und Neugeborenenstationen betroffen sind. Aber auch Infektionen mit nicht resistenten Staphylococcus-Stämmen, etwa im Mittelohr oder in den Atemwegen, sind häufig nur sehr schwer mit Antibiotika zu bekämpfen.

Aktivierung des Immunsystems durch epigenetische Modulation

Einen möglichen, völlig neuartigen Therapieansatz hat jetzt eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern entdeckt. In Modellversuchen konnten hohe Dosen an Vitamin B3 (Nicotinamid) die Zahl der Krankheitserreger sowohl bei Mäusen als auch in menschlichen Blutproben deutlich reduzieren. Das Vitamin wirkt offenbar als epigenetischer Modulator und aktiviert den Transkriptionsfaktor C/EBPε, der an der Blutbildung im Knochenmark (Myelopoese) und damit der Bildung von Leukozyten beteiligt ist. Bestimmte weiße Blutkörperchen, die neutrophilen Granulozyten, spielen im angeborenen Immunsystem eine wichtige Rolle bei der aktiven Bekämpfung von Krankheitserregern. Sowohl im Modellversuch mit infizierten Mäusen als auch in menschlichen Blutproben reduzierte die Gabe von hohen Nicotinamid-Dosen die Zahl der Staphylokokken um den Faktor 1000. Im Modell mit C/EBPε-defizienten Mäusen oder Versuchstieren ohne Neutrophile wurde dieser Effekt nicht erzielt. Offensichtlich führte erst die hohe Gabe von Vitamin B3 zu einer vermehrten Ausschüttung von antibakteriell wirkenden Stoffen. Erwartungsgemäß wurde bei den Modellversuchen durch die hohen Nicotinamid-Dosen nicht nur eine Wirkung gegen MRSA-Keime, sondern auch gegen Pseudomonaden, die als Erreger nosokomialer Infektionen ebenfalls problematisch sind und zunehmend Resistenzen entwickeln, erzielt.

Zwar entsprechen die eingesetzten Dosen etwa dem 300-fachen der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Tageszufuhr, Nebenwirkungen – so einer der Autoren der Untersuchung – seien jedoch erst bei noch größeren Mengen zu erwarten. Entsprechend hohe Dosen Nicotinamid würden auch Krebspatienten vor der Bestrahlung verabreicht, um das Ansprechen von bestimmten soliden Tumoren zu erhöhen. Es fehlten allerdings groß angelegte Studien, und auch klinische Studien seien notwendig, um die antibakterielle Wirksamkeit am lebenden Menschen zu belegen und mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufzuzeigen.


Quelle

Kyme, P. et al.: C/EBPε mediates nicotinamide-enhanced clearance of Staphylococcus aureus in mice. J. Clin. Invest. 2012; 122(9): 3316 – 3329.

Neue Waffe gegen die "Krankenhauskeime"? Studie weist MRSA-Schutz durch Vitamin B3 nach. Pressemitteilung vom 18. September 2012, www.uni-muenster.de.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2012, Nr. 39, S. 49

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