Museum

Kuks – ein Barockjuwel

Besuch im Tschechischen Pharmazeutischen Museum

Andreas S. Ziegler | Gemessen an der über 700-jährigen pharmazeutischen Tradition auf tschechischem Boden, erscheint das 1996 eröffnete Tschechische Pharmazeutische Museum noch relativ jung. Allerdings hatten die ältesten Exponate der Sammlung bereits eine über 100 Jahre währende Odyssee durch verschiedenste Ausstellungen, Museen und Magazine hinter sich, bevor sich im ehemaligen Spital von Kuks endlich ein angemessener Rahmen fand, um sie der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich zu machen. Doch nicht nur die Ausstellung mit ihrer über 250 Jahre alten Barockapotheke, sondern auch das Spital sowie die einst mondäne Kurresidenz Kuks selbst sind sehenswerte historische Zeugnisse des böhmischen Gesundheitswesens.
Das ehemalige Spital von Kuks Von der Spitalkirche führt der Weg nach links über die Elbe ins Dorf, wo früher das Schloss des Grafen v. Sporck und die Badehäuser standen. Blickrichtung Norddost. Foto: Karelj – Wikipedia

Anfänge des böhmischen Apothekenwesens

Die erste urkundliche Erwähnung eines Apothekers in der Altstadt von Prag geht zurück auf das Jahr 1275. Ihm folgten weitere, vornehmlich aus Italien stammende Apotheker, wie Augustinus de Florencia und sein noch berühmterer Landsmann Angelus de Florencia, die Mitte des 14. Jahrhunderts in der Prager Altstadt wirkten. Angelus war zugleich königlicher Apotheker und legte in der Prager Neustadt einen Garten zum Anbau von Heilpflanzen an. Am Ende des 14. Jahrhunderts gab es in der Prager Altstadt bereits fünf oder sechs Apotheken, die nach den Prinzipien der Medizinalordnung von Kaiser Friedrich II. arbeiteten und von der Karls-Universität überwacht wurden. Während der Hussitenkriege (1420 – 1443) wurden zwar viele Apotheken zerstört, dennoch nahm ihre Zahl im 15. Jahrhundert deutlich zu. Die neuen Apotheken entstanden vor allem in den Silberbergbaustädten sowie in den Verkehrs- und Wirtschaftszentren. 1592 veröffentlichte der Prager Universitätsprofessor, Arzt und Apotheker Adam Zalužanský ze Zalužan (ca. 1558 – 1613) erstmals eine Apothekerordnung für das Königreich Böhmen mitsamt einer Arzneitaxe.

Enge Verbindung von Pharmazie und Religion

Der fehlgeschlagene Aufstand der böhmischen Stände gegen die katholischen Habsburger (1618 – 1620) löste den Dreißigjährigen Krieg aus, der zu zahllosen zerstörten Städten und Dörfern und damit auch zum Verfall vieler Apotheken führte. Nachdem sie ihres Vermögens beraubt worden waren, wanderten viele nicht-katholische Apotheker aus Böhmen ab. Aber es wurden nicht nur Apotheken geschlossen, sondern auch neue eröffnet. Zum Missfallen vieler Apotheker waren darunter auch zahlreiche Klosterapotheken, die de jure eigentlich institutionelle und keine öffentlichen Einrichtungen waren, die Bevölkerung aber häufig dennoch mitversorgten. Da die monastischen Apotheken zum einen steuerliche Privilegien genossen und die kostengünstige Abgabe von Arzneimitteln zum anderen als Teil ihrer Missionstätigkeit bei der Rekatholisierung Böhmens ansahen, waren sie eine starke Konkurrenz für die öffentlichen Apotheken. Letztere versuchten daher, eine staatliche Protektion ihres Geschäftes zu erwirken, die ihnen schließlich durch Kaiser Leopold I. im Jahr 1671 gewährt wurde.


Loblied auf das "Kuckus-Bad"


Wie mancher hat hier Trost vor seine Quaal gefunden!

Wie manchem ist sein Schmerz durch dieses Bad verschwunden,

Der, ob er gleich schon halb in Charons Kahne saß*,

Vor Apothecker-Kost bald Brodt und Rindfleisch aß.

Wie manch Mephiboseth** ist hinckend angekommen

Und hat den Rückweg doch gesund und frisch genommen!

Man kan auch ietzo noch die vielen Krücken sehn

Als Zeugen über das, was öffters ist geschehn.

Wie mancher, dem der Artzt nichts weiters geben wolte

Und der sich nach der Kunst zu Tode sterben solte,

Zog das gesunde Bad den goldnen Pillen vor,

Worauff Morbona*** sich vom Krancken weg verlohr.

Aus der "Beschreibung des im Königreich Böhmen an der Elbe gelegenen Kuckus-Bades, verfertigt von Gottfried Benjamin Hancke", 1722.




* Der Fährmann Charon bringt die Verstorbenen über einen Fluss ins Totenreich (griech. Mythologie)

** Mephiboscheth, lahmer Sohn Jonathans (2. Samuel 4,4)

***Personifikation der Krankheit

Österreichischer Einfluss und erstarkendes nationales Bewusstsein

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Gesundheitssystem durch Gerard van Swieten (1700 – 1772), den Leibarzt Kaiserin Maria Theresias grundlegend reformiert, wobei eine mehrstufige Gesundheitsverwaltung geschaffen sowie die Zuständigkeiten von Ärzten und Apothekern definiert wurden. Während angehende Apotheker in Prag und Umgebung bereits seit 1651 eine Prüfung an der Universität in Prag ablegen mussten, war in universitätsfernen Gegenden auch eine Examinierung durch regionale Ärzte möglich. Erst das Sanitäts-Hauptnormativ von 1770 schrieb für alle Apotheker die Prüfung an einer medizinischen Fakultät des Habsburgerreiches verbindlich vor. Daraus entwickelte sich ab 1804 ein verpflichtendes einjähriges (von 1833 bis 1953 zweijähriges) Pharmaziestudium an einer Universität. Zudem wurde mit der Pharmacopoea Austriaco-provincialis (1774, Neufassung 1794) erstmals für das gesamte Habsburgerreich ein einheitliches Arzneibuch herausgegeben.

Von 1775 bis 1820 entstanden zwei klar abgegrenzte Apothekentypen, die bis 1950 weitgehend Bestand hatten:

  • Einerseits gab es Apotheken mit Realrecht, das – von der jeweiligen Person unabhängig – an ein Haus oder Grundstück gebunden und frei veräußerbar war,

  • andererseits gab es auch Apotheken mit Personalrecht, das dem Apotheker persönlich verliehen wurde und deshalb nicht verkäuflich war.

Im 19. Jahrhundert erstarkte das Nationalbewusstsein sowohl bei den Tschechen als auch bei den Deutschen, was 1882 zur Spaltung der Karls-Universität führte. Zuvor hatten sich, gefördert durch den Physiologen Jan Evangelista Purkynˇe (1787 – 1869), die moderne tschechische Schriftsprache entwickelt und die tschechische Fachterminologie für Medizin und Pharmazie herausgebildet; zugleich waren neue Fachzeitschriften entstanden. In den folgenden Jahrzehnten stagnierte die Entwicklung der tschechischen Pharmazie. Erst in den 1930er Jahren kam es zu einem Umbruch: Die Arbeitszeiten wurden neu geregelt, die Arbeitsprozesse rationalisiert, die Ausbildung reformiert und mehrere Berufs- und Fachverbände gegründet.

Tiefgreifende Veränderungen im 20. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die Pharmazie auf tschechoslowakischem Boden zwei fundamentale Veränderungen: Um 1950 schafften die kommunistischen Machthaber das Privateigentum an Apotheken ab. In den darauf folgenden 40 Jahren dominierten Geldmangel, Arzneimittelknappheit, Probleme beim Arzneimittelimport wegen fehlender Devisen sowie eine überbordende Bürokratie das verstaatlichte Apothekenwesen. Die zweite grundlegende Veränderung war die schrittweise Wiederherstellung des Privateigentums an Apotheken kurz nach der Revolution von 1989, die es den Apothekenleitern ermöglichte, ihr Geschäft nun wieder selbstverantwortlich zu führen. Im liberalen Umfeld der Nachwende-Ära entstanden allerdings auch Apothekenketten, was zu einer Polarisierung zwischen inhabergeführten Apotheken einerseits und Apotheken im Fremdbesitz andererseits führte.


Abb. 1: Franz Anton Graf von Sporck (1662 – 1738) erbaute ab 1692 das Spital in Kuks (rechts unter seinem Arm). – Kupferstich von 1735.

Kuks – ein traditionsreicher Ort des böhmischen Gesundheitswesens

Auf den ersten Blick erscheint die Lage des tschechischen Pharmaziemuseums in dem 250-Seelen-Dörfchen Kuks (dtsch. Kukus) abseits von Ballungszentren und Touristenströmen etwas kurios, bei genauerem Hinsehen entfaltet der Ort am Oberlauf der Elbe im Nordosten Tschechiens jedoch seinen immensen Charme und mit ihm auch seine jahrhundertelange Tradition im tschechischen Gesundheitswesen. Die historische Bedeutung des einst mondänen Kurbades ist eng mit der Person von Franz Anton Graf von Sporck (1662 – 1738) verknüpft (Abb. 1). Ihm verdankt auch die Ortsgemeinde Kuks nicht nur ihre Entstehung, sondern auch die bedeutenden, bis heute erhaltenen barocken Baudenkmäler. Graf von Sporck besaß einen äußerst widersprüchlichen Charakter. Einerseits war er ein gebildeter und großzügiger Kunstmäzen, verschwenderischer Gastgeber, Stifter sozialer Einrichtungen sowie leidenschaftlicher Verfechter liberaler Ideen und religiöser Toleranz, andererseits unerbittlicher Despot, strenger Richter und hartherziger Geizhals. Heutzutage wird er hauptsächlich wegen seiner Gründer- und Aufbautätigkeit, seines Anteils an der Kulturgeschichte und an der Entwicklung des Spital- und Badewesens in Böhmen sowie als Förderer der Aufklärung geschätzt.

Eine Kurresidenz und Barockjuwel von internationalem Rang

Als Graf von Sporck erfuhr, dass unweit von Choustníkovo Hradištˇe (dtsch. Gradlitz) unter einer waldbedeckten Anhöhe am linken Elbufer Heilquellen entspringen, fasste er um 1692 den Entschluss, sich hier ein barockes Denkmal zu setzen. Er ließ die Quellen fassen, Kureinrichtungen und Wohnhäuser bauen und für sich selbst ein Schloss errichten (Abb. 2). Die Anhöhe über dem rechten Ufer widmete er der körperlichen und geistigen Erbauung sowie dem Memento mori; hier ließ er in den Jahren 1707 bis 1719 nach Entwürfen des Architekten Giovanni Battista Alliprandi (ca. 1665 – 1720) eine Kirche mit Familiengruft und ein Spital mit Apotheke erbauen sowie einen Garten und einen Friedhof anlegen. Mit der Anfertigung von Skulpturen beauftragte er Matthias Bernhard Braun (1684 – 1738), den er 1704 auf einer Italienreise kennengelernt hatte und zum bedeutendsten Barockbildhauer Böhmens machte.

Graf von Sporck schuf in Kuks eine Kurresidenz, in der er bedeutende Wissenschaftler, Künstler und Literaten um sich scharte (Abb. 2). Doch nach seinem Tod am 30. März 1738 endete die kulturelle Blüte des Kurortes. Bereits 1740 vernichtete ein Hochwasser große Teile der Badeanlagen, 1896 wurden das Schloss und angrenzende Bauten ein Raub der Flammen, 1901 riss man es endgültig ab. Die erhalten gebliebene Anlage über dem rechten Elbufer wird seit den 1970er Jahren in Etappen restauriert und ist noch immer ein barockes Juwel von internationalem Rang.


Abb. 2: "Das Heylsame Kuckus-Baad". Vom Schloss und den Badehäusern für Kurgäste (rechts = linkes Elbufer) führt eine Freitreppe zur Elbe hinab, über die sich eine kurze Brücke spannt. Von dort führt der Weg aufwärts zur Spitalkirche und dem Gebäudekomplex, der neben dem Spital auch die Räume für die Barmherzigen Brüder umfasste; dahinter der Park, ganz links der Friedhof. Im Hintergrund rechts das Riesengebirge mit der Schneekoppe. Kupferstich von M. Rentz und J. D. Montalegre, 1724.

Die Barmherzigen Brüder in Kuks

Die Absicht, in Kuks ein Spital zu gründen, formulierte Graf von Sporck bereits in einer Stiftungsurkunde aus dem Jahr 1696. Das Spital sollte der Pflege etwa hundert armer, alter und siecher Männer sowie entlassener Soldaten dienen. Als Graf von Sporck starb, war der Spitalbau zwar schlüsselfertig, jedoch ohne Inneneinrichtung und Ausstattung. Zur tatsächlichen Eröffnung des Spitals kam es daher erst in den Jahren 1743/44, als der Orden der Barmherzigen Brüder nach Kuks kam und den Betrieb des Spitals sowie die Verwaltung der Stiftung übernahm. Am 28. 2. 1744 konnte schließlich der erste Bewohner des Kukus-Spitals aufgenommen werden. Für Bekleidung, Verpflegung, Unterbringung, Arzneimittel und Behandlung mussten die Heimbewohner nichts bezahlen. In Kriegszeiten diente das Spital von Kuks auch immer wieder der Versorgung verletzter Soldaten.

Abb. 3: Offizin der Barmherzigen Brüder (360° Panoramaaufnahme). Neben den Möbeln der Offizin ist der kunstvoll ziselierte Granatapfelbaum auf dem Rezepturtisch erhalten geblieben. Heute versammeln sich Brautpaare vor dem Symbol der Liebe und Zuwendung, denn in den Sommermonaten wird die Barockapotheke von Kuks auch als Standesamt genutzt. Foto: Museum Kuks

Aufgrund schlechter Wirtschaftsführung wurde den Barmherzigen Brüdern die Stiftungsverwaltung 1824 durch ein Hofdekret entzogen und weltlichen Beamten übertragen. Am 17. 4. 1884 wurde das Spital vom Verwaltungsgerichtshof als weltliche Institution anerkannt und der Aufsicht der k. k. Statthalterei in Prag unterstellt. Die Krankenpflege setzten die Barmherzigen Brüder noch bis 1938 fort, als Kuks wegen des Münchner Abkommens an das Deutsche Reich fiel (sog. Reichsgau Sudetenland). Von 1945 bis 1949 kamen die Ordensbrüder vorübergehend zurück, danach wurden alle Heil- und Pflegeeinrichtungen verstaatlicht und jegliche Tätigkeit des Konvents aufgrund kommunistischer Repression beendet. Das Spital in Kuks wurde unter staatlicher Regie bis 1972 weiterbetrieben.

Bereits in seiner Stiftungsurkunde hatte Graf von Sporck angeordnet, für das Spital auch eine voll ausgestattete Apotheke zu gründen. Erstmals erwähnt wird die Existenz der Spitalapotheke im Herbst 1743. Aufgrund der spärlichen Ausstattung war ein regulärer Apothekenbetrieb anfangs jedoch kaum möglich. Pharmaziehistoriker gehen davon aus, dass die bis heute erhaltene Offizin zwischen Juni 1749 und September 1750 eingerichtet wurde (Abb. 3). Die Apotheke wurde stets von einem erfahrenen Apotheker aus dem Orden der Barmherzigen Brüder geleitet. Anfangs versorgte sie nur die Spitalbewohner, später auch die Einwohner der umliegenden Orte. Während der nationalsozialistischen Herrschaft bestand die Apotheke unter Zivilverwaltung weiter, bis mit dem Kriegsende der Apothekenbetrieb schließlich eingestellt wurde.

Der lange Weg zum Tschechischen Pharmaziemuseum

Die Idee, in Böhmen ein pharmaziehistorisches Museum einzurichten, entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Erstmals sammelten böhmische Apotheker 1883 historische und zeitgenössische Utensilien aus dem Apothekenalltag, um sie auf der ersten internationalen pharmazeutischen Ausstellung in Wien zu präsentieren. 1891 beteiligten sie sich in ähnlicher Weise an der allgemeinen Landesausstellung in Prag. Der große Anklang, den die Sammlung der Apothekerschaft bei den Besuchern fand, weckte erstmals den Wunsch nach einem eigenen pharmazeutischen Museum. Da sich dieser Traum jedoch nicht aus eigener Kraft verwirklichen ließ, wurde die bis dato zusammengetragene Sammlung pharmazeutischer Exponate an das Nationalmuseum in Prag übergeben. Dieser Fundus bildete gewissermaßen die Keimzelle des tschechischen Pharmaziemuseums.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen stand dann die private Sammeltätigkeit im Vordergrund, insbesondere der Pharmaziehistoriker Jaroslav Hladík konnte in jenen Jahren eine umfangreiche Sammlung pharmaziehistorischer Antiquitäten zusammentragen, die ab 1946 als privates Museum am Pharmazeutischen Institut der Karls-Universität in Prag präsentiert wurde. Nach der Auflösung des Pharmazeutischen Instituts in Prag, 1953, gelangte die wertvolle Sammlung an die Pharmazeutische Fakultät in Brünn, die sie in Lagerräumen des Augustinerklosters magazinierte. Später nahm sich die 1969 neu gegründete Pharmazeutische Fakultät in Königgrätz (Hradec Králové) der Sammlung an, denn sie hatte nach der Schließung des Spitals in Kuks (1972) beschlossen, die dortige Barockapotheke zu erhalten und in den freigewordenen Räumlichkeiten ein pharmaziehistorisches Museum einzurichten. Aufgrund langwieriger Renovierungsarbeiten und knapper Mittel dauerte es jedoch noch über 20 Jahre, bis 1996 endlich die ersten Ausstellungsräume im Nordostflügel des ehemaligen Spitals eröffnet werden konnten.

Barockapotheke als Renommierstück

Seit ihrer Restaurierung erstrahlt die über 250 Jahre alte Barockapotheke von Kuks in neuem Glanz und bildet somit einen würdigen Auftakt für einen Rundgang durch das Tschechische Pharmaziemuseum (Abb. 3). Neben den Möbeln der Offizin ist auch der kunstvoll ziselierte Granatapfelbaum aus dem Laboratorium erhalten geblieben, dessen Äste als Halterung für Handwaagen und allerlei anderen Rezepturbedarf dienten. Als Symbol der liebevollen Zuwendung und Wahrzeichen der Barmherzigen Brüder taucht der Granatapfel auch in den Schnitzereien und auf den Standgefäßen der Apotheke immer wieder auf. Über der Tür des jetzigen Apothekeneingangs (ursprünglich der Durchgang ins Laboratorium) ragt der Kopf eines Einhorns in die Offizin. Die Decke des Raumes ist mit einem – bedauerlicherweise stark beschädigten – stuckumrahmten Fresko verziert, das Christus als Apotheker zeigt. Ein thematisch identisches Deckenfresko ist im Vorraum der Barockapotheke, dem ursprünglichen Labor, zu sehen. In den Sommermonaten wird die Barockapotheke von Kuks auch als Standesamt genutzt. Der Beamte steht dann wie einst der Apotheker hinter dem Rezepturtisch, während sich das Hochzeitspaar ihm gegenüber unter dem Granatapfelbaum das Ja-Wort gibt.


Abb. 4: Offizin der "Apotheke zum goldenen Löwen" in Prag. Da die Miete in der Prager Nerudagasse zu teuer wurde, steht die Offizin aus dem Jahr 1893 heute nicht mehr an ihrem angestammten Platz, sondern im Pharmaziemuseum von Kuks. Foto: Ziegler

Besucher "spielen Apotheker"

Im ehemaligen Refektorium des Klosters ist die Einrichtung der "Apotheke zum goldenen Löwen" des Apothekers Josef Dittrich (1818 – 1898) ausgestellt (Abb. 4). Die Offizin aus dem Jahr 1893 gehört dem Tschechischen Nationalmuseum und stand bis 2009 an ihrem ursprünglichen Platz in der Prager Nerudagasse (Stadtteil Kleinseite). Aufgrund steigender Mietpreise entschied sich das Nationalmuseum jedoch, das kleine Apothekemuseum in der Hauptstadt zu schließen und die schöne Apothekeneinrichtung dem Tschechischen Pharmaziemuseum in Kuks zu überlassen.

Im nächsten Raum, der Materialkammer, sind verschiedene pflanzliche, tierische, mineralische und chemische Arzneimittel zu bewundern, darunter auch einige Kuriositäten wie Mumie, Krebsaugen, Tausendfüßler oder menschliches Scheitelbein (Abb. 5).

Abb. 5: In der Materialkammer sind neben pflanzlichen, tierischen, mineralischen und chemisch-synthetischen Arzneimitteln auch einige Kuriositäten wie Mumie, Krebsaugen, Tausendfüßler oder Menschenschädel zu bestaunen. Foto: Ziegler

Die sich anschließende große Säulenhalle präsentiert einen bunten Querschnitt durch die böhmische/tschechische Pharmaziegeschichte abseits der Offizin. Gezeigt werden unter anderem Exponate aus dem Bereich der Militärpharmazie, des pharmazeutischen Großhandels und der Pharmaindustrie sowie einige Kunstgegenständen mit pharmazeutischem Bezug. In Glasschubschränken sind Apothekenetiketten, pharmazeutische Fachzeitschriften, Arzneibücher, alte Taxen und Kataloge sowie Exlibris von Apothekern ausgestellt.

Der letzte Raum ist dem Apothekenalltag in der Zeit von 1950 bis 1990 gewidmet. Hier können die Besucher für eine Weile zu Apothekern werden, indem sie selbst Pillen drehen, das Tablettieren mittels Hammerpresse ausprobieren, Pastillen ausschneiden oder Zäpfchen pressen. Eine runde Medikamentenausgabestelle, die sogenannte Dispensationsbox (Abb. 6), veranschaulicht, wie sich die typische tschechische Apotheke den Kunden während der kommunistischen Ära präsentierte.

Abb. 6: Eine sogenannte Dispensationsbox repräsentiert das Erscheinungsbild tschechischer Apotheken während der kommunistischen Ära. Heute dient das Rondell als kleiner Museumsladen. Foto: Ziegler

Darüber hinaus verfügt das Museum über eine umfassende Bibliothek, die mit einem Bestand von rund 20.000 Bänden das größte pharmaziehistorische Archiv der Tschechischen Republik darstellt. Das Museum dient damit nicht nur der Präsentation der Pharmaziegeschichte für interessierte Laien, sondern ist zugleich das nationale Zentrum der pharmaziehistorischen Forschung und Ausbildung.



Museum


České farmaceutické muzeum

Hospitál Kuks Nr. 81, CZ-54443 Kuks

Tel. 0 04 20 4 95 06 75 80

www.ceska-apatyka.cz

Öffnungszeiten: April und Oktober: Samstag / Sonntag 9 bis 17 Uhr

Mai bis September: Dienstag bis Sonntag 9 bis 17 Uhr

Regelmäßige Busverbindung von Hradec Králové in Richtung Špindlerv Mlýn bis Kuks. Fußweg von der Haltestelle, ca. 20 Minuten. – Von Prag E 67 über Hradec Králové bis Jaroměř, dann Straße Nr. 299, links abbiegen in Richtung Dvůr Králové bis Kuks.


Quellen

Katalog der II. Internationalen Pharm. Ausstellung Prag 1896; http://openlibrary.org/books/OL23307914M.

Lutz Krüger: Das Kukus-Bad des Franz Anton Reichsgraf von Sporck. 2010. www.int-st- hubertus-orden.de/Kukus_Bad_Text.pdf.


Autor
Dr. Andreas S. Ziegler, Großhabersdorf



DAZ 2012, Nr. 38, S. 78