DAZ aktuell

Milder Norden, wilder Südwesten

Zwischen Streik, Protest, Postkärtchen und Unterschriften –
Apothekerverbände der Länder uneins

STUTTGART (diz). Deutschlands Apothekerverbände sind sich uneins darüber, wie man seinen Unmut über das Angebot zur Anpassung des Apothekenhonorars artikulieren soll. Während man in den nördlichen Teilen Deutschlands eher einen sanften Kurs fährt und versucht, mit Postkärtchen-Schreiben und Unterschriften-Sammeln seine Unzufriedenheit auszudrücken, setzen die Verbände im Südwesten eher auf deutlichere Ausdrucksformen. Welche Aktionen Politiker und die Öffentlichkeit eher beeindrucken, mag sich jeder selbst ausrechnen.
Protestplakat Hessische Apotheken hängen solche Plakate in ihre Apotheken. Foto: HAV

Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland hatten in dieser Woche den Mittwoch, 12. September, zu ihrem Tag des Warnstreiks ausgerufen. Nach einem ersten Testlauf am vergangenen Mittwoch in den baden-württembergischen Städten Esslingen und Sigmaringen hatte sich gezeigt, dass die Apothekerinnen und Apotheker solidarisch sind und nahezu alle teilnahmen, der Streik in den Medien Beachtung fand und die Bevölkerung großes Verständnis für das Anliegen der Apotheken hatte. Auf die Wartezeiten reagierten die meisten Patienten gelassen und viele stellten sich mit der Forderung nach angemessener Honorierung hinter die Apotheker. So ermutigt, entschlossen sich die Verbände im Südwesten, einen ganztägigen Streiktag durchzuführen. Alle Apotheken in den drei Bundesländern waren aufgerufen, am Warnstreiktag die Arzneimittelabgabe nur über die Notdienstklappe abzuwickeln und die Kunden zusätzlich über die Hintergründe der Streikmaßnahme zu informieren.

Ganz anders der Landesapothekerverband Niedersachsen: "Unser Ziel ist es, gemeinsam mit der Apothekerkammer Niedersachsen die Landesregierung in ihren Forderungen für die Apothekerschaft gegenüber der Bundesregierung zu unterstützen. Streikähnliche Protestformen, unter denen die Versorgung der Patienten leidet, können hierfür nicht das richtige Mittel sein", so Heinz-Günter Wolf in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Landesapothekerverbands Niedersachsen (LAV). Seine Begründung: "Wir wollen ja mit und nicht gegen unsere Landesregierung für die berechtigten Forderungen der Apothekerschaft kämpfen", so Wolf. "Deshalb unterstützt der LAV die heute gestartete Unterschriftenaktion der Apothekerkammer Niedersachsen in vollem Umfang." Dass in Niedersachsen Streik ein Tabu-Wort ist, zeigte sich auch in einer Umfrage des Verbands bei seinen Mitgliedern: "Bei dieser Abfrage haben wir vor dem Hintergrund der Unterstützung durch unsere Landesregierung großen Wert darauf gelegt, nur Protestformen abzufragen, die keinen Streikcharakter haben", erläuterte es Heinz-Günter Wolf.

Protestanzeige in BILD Claudia Berger, Vorsitzende des Saarländischen Apothekervereins: Der Apothekerverband informiert die Bevölkerung über den Warnstreik. Foto: SAV

Bereits in der vergangenen Woche hatte der LAV Niedersachsen e.V. gemeinsam mit dem Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt e.V. eine große Postkarten-Protestaktion unter dem Motto "Wir sind MehrWert! – Weniger als 3 Cent Anpassung pro Jahr sind ein schlechter Witz" gestartet. Dieser Aktion hatten sich auch die Apothekerverbände der Länder Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg angeschlossen.

Auf die Sammlung von Unterschriften für eine gerechte Honorierung setzen dagegen Kammern und Verbände in Nordrhein-Westfalen. Wie die Apothekerkammer Westfalen-Lippe mitteilt, sollen sich an der Aktion möglichst viele der insgesamt 4600 Apotheken-Teams in NRW beteiligen. Die Unterschriften sollen dann Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Gesundheitsministerin Barbara Steffens überreicht werden. Man wisse, wie wichtig der Landesregierung eine quartiersnahe Arzneimittelversorgung der Patienten sei. Daher solle sich auch die Landesregierung "mit uns dafür einsetzen, dass die Vergütung des Versorgungsauftrages der Apotheken nachhaltig nachgebessert wird", heißt es in dem Appell.

Nur durch die Notdienstklappe versorgten die Apotheken in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland am vergangenen Mittwoch ihre Patienten. Foto: DAZ/diz

"Wir erfüllen mit der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung einen gesetzlichen Auftrag, den wir auch weiterhin erfüllen möchten. Hierzu gehört eine angemessene politische Wertschätzung und angemessene finanzielle Honorierung", ist dem Aufruf an die Landesregierung zu entnehmen, den die Verbandsvorsitzenden Dr. Klaus Michels und Thomas Preis sowie die Kammerpräsidenten Gabriele Regina Overwiening und Lutz Engelen unterzeichnet haben.

Der Hessische Apothekerverband setzt wiederum auf eine Plakataktion (Aushängen von Protestplakaten in der Apotheke) und könnte sich eine Demo in München im Rahmen des Apothekertags vorstellen.

Bleiben noch die Freistaaten Bayern und Sachsen. Während der Bayerische Apothekerverband vermutlich noch die Umfrage auswertet, mit der die Protestbereitschaft der Mitglieder hinterfragt werden sollte, hört man vom Sächsischen Apothekerverband erst mal nichts. Sind da die bajuwarische Gemütlichkeit und die sächsische Vorsichtigkeit Hemmschuhe für größere Aktionen? Wo bleibt das rebellische Bayern "Bayern sama" und "mir san mir"? Hat man schon resigniert?



DAZ 2012, Nr. 37, S. 22