Aus Kammern und Verbänden

Rose und Passionsblume – zwei alte Arzneipflanzen

DGGP-Landesgruppe Hessen traf sich in Steinfurth

Die Landesgruppe Hessen der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGP) hielt ihre diesjährige Jahrestagung am 1. September in dem Rosendorf Steinfurth, einem Stadtteil von Bad Nauheim, ab.
Glasstandgefäße mit Schliffstopfen für Rosenwasser (Aqua rosarum) im Rosenmuseum Steinfurth. Foto: Graepel

Kulturgeschichte der Rose …

In Steinfurth besuchten die Teilnehmer das überregional bekannte Rosenmuseum unter der sachkundigen Führung der Museumsleiterin Sabine Kübler. Dabei erfuhren sie Details zur Geschichte und Kultur der Rose, deren planmäßiger Anbau sowie Züchtung neuer Sorten mit dem Gärtner Heinrich Schultheis 1868 in Steinfurth begann und heute noch betrieben wird. Die Teilnehmer konnten Geruchsproben von Ölen, Extrakten, Essenzen und Rosenwasser nehmen, erhielten Informationen zu wirtschaftlichen, künstlerischen und biologischen Themen und erfuhren auch einiges zur medizinischen und pharmazeutischen Anwendung der Rose. Denn deren Blütenblätter, Blätter, Wurzelrinde und Schlafäpfel sowie Früchte (die Hagenbutten) und Samen waren über Jahrhunderte Grundstoffe für pharmazeutische Zubereitungen.

Die Rose – wegen ihres lieblichen und erquickenden Geruches geschätzt – zählte zu den herzstärkenden Pflanzen und wurde gegen Entzündungen des Auges, der Ohren und des Mundes wie auch bei Magen-, Kopf- und Zahnschmerzen verordnet. Ihre kühlende und zusammenziehende Wirkung wie die heilenden und lindernden Kräfte sind seit der Antike so beliebt, dass im 17. Jahrhundert jedes dritte Arzneimittel aus Rosenteilen bestand oder mit ihnen vermischt war. Farben, Formen und Eigenschaften der Pflanzen wurden von den Anhängern der "Signaturenlehre" ähnlich erscheinenden Symptomen von Krankheiten zugeordnet und entsprechend zur Therapie eingesetzt. Ausführlich ging Sabine Kübler auf das erstmals 1557 erschienene Kräuterbuch des Frankfurter Stadtarztes und Botanikers Adam Lonicerus (1528 – 1586) ein, aus dem sie das Kapitel 63 über die "Rosen" ausführlich zitierte und dabei die vielfältige Verwendung als Arzneipflanze belegte. Nach der Führung gab es für alle Teilnehmer ein Stück Rosentorte, eine Spezialität des Museums.

Anschließend fand im Hotel Herrenhaus von Löw die Mitgliederversammlung der Landesgruppe statt, in der der stellvertretende Vorsitzende Dr. Peter Hartwig Graepel, Gladenbach, seinen Rechenschaftsbericht über die Aktivitäten der Landesgruppe zwischen 2003 und 2012 vortrug. Bei der anschließenden Wahl wurden Graepel und Prof. Dr. Christoph Friedrich, Marburg, zum Vorsitzenden bzw. zum Stellvertreter gewählt.

Rosenölfabrikation in Bulgarien, um 1900, und kupfernes Destillationsgerät aus Bulgarien im Rosenmuseum Steinfurth. Foto: Graepel

… und der Passionsblume

Den wissenschaftlichen Vortrag hielt die Präsidentin der DGGP, Priv.-Doz. Dr. Sabine Anagnostou, Marburg, zum Thema "Passiflora – eine exotische Schönheit als Zierde und Arznei". Die Passionsblume ist in Amerika heimisch und verdankt ihren Namen der Ähnlichkeit ihrer Blütenteile mit den Leidens- oder Passionswerkzeugen Christi.

Bereits in frühen Quellen aus der Kolonialzeit berichteten die Autoren über die Früchte der Passionsblume, die wir heute als Maracujas kennen, ebenso wie über das eigentümliche Aussehen der Blüte. Anfang des 17. Jahrhunderts in Europa eingeführt, erfreute die Passionsblume sich zunächst vor allem wegen ihrer aparten, christlich-symbolisch gedeuteten Blüten einer großen Beliebtheit und zierte bald zahlreiche botanische Gärten. Ebenso fand sie Eingang in viele, oft prächtig illustrierte botanische Werke, Schriften zur Gartenkultur und zu Gartenbeständen. Zugleich kennen wir die Passionsblume als Heilpflanze, die in Form verschiedener Fertigarzneimittel zur Behandlung bei leichteren nervösen Unruhe- und Spannungszuständen oder Einschlafstörungen zur Verfügung steht.

Passionsblumen blicken in Amerika auf eine lange Tradition in der Heilkunde zurück und erfreuen sich dort bis heute vielfältiger Anwendungen. Der Gebrauch als Sedativum wurde bereits im 17. Jahrhundert in Europa bekannt. Anfang des 18. Jahrhunderts wies auch der Jesuit Pedro Montenegro auf die sedativen Eigenschaften der Pflanze hin und empfahl sie als Ersatz für den Hopfen. Aber erst seit dem späten 19. Jahrhundert konnte sich Passiflora incarnata, ausgehend von der nordamerikanischen Medizin, hier langsam als Arzneipflanze etablieren und ist heute ein anerkanntes pflanzliches Sedativum und Anxiolytikum.

Die Tagung klang mit einem gemeinsamen Abendessen aus, bei dem noch weiter über Rosen und Passionsblumen diskutiert wurde.


Peter Hartwig Graepel, Gladenbach



DAZ 2012, Nr. 36, S. 90