Fachmedien

Die bunte Welt der Färberpflanzen

Eberhard Prinz, Färberpflanzen, Anleitung zum Färben, Verwendung in Kultur und Medizin, 321 Seiten, 22 Tabellen, 130 farbige Abbildungen, 39,50 Euro, E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-510-65258-7

Zuerst die guten Nachrichten: Ein schönes Buch, ein schönes Bilderbuch, ein einmaliges Album mit exzellenten Farbfotos von 117 Färberpflanzen!

Bemerkenswert ist die Fülle der zusammengetragenen Informationen über das Färben und die vielfältige Nutzung der Färberpflanzen im kulturgeschichtlichen Kontext. Man erhält konkrete Anweisungen zum Färben mit Pflanzen und Pflanzenteilen. Das Layout des Buches ist optimal.

Zu hinterfragen ist allerdings, wem und wozu das umfangreiche Werk dienen soll, da doch durch die Verwendung synthetischer Farben kein Bedarf mehr an Pflanzenfärbungen besteht.

Vermisst werden die Definitionen von Farbstoffen und Pigmenten sowie die Erklärung der unterschiedlichen Bedeutung des Begriffes Pigmente in der exakten Sprache der Chemiker und der in diesem Zusammenhang etwas verallgemeinernden Sprache der Biologen.

Hilfreich wären kurze Erklärungen der benutzten Begriffe Carotinoide, Anthrachinone, Naphthochinone etc. bis indigoide Farbstoffe. Die kürzeste und prägnanteste Charakterisierung dieser Farbstofftypen ist die Strukturformel. Aber die darf dem geneigten Leser ja nicht zugemutet werden, weshalb die genannten Begriffe leider Schall und Rauch bleiben.

Einige Kritikpunkte

Was sind Pflanzenfärbungen? Die Pflanzen werden doch nicht gefärbt!

Die rote Beete (S. 21) ist nicht der klassische Vertreter der Betalaine, sondern deren Produzent oder Lieferant!

Was sind basische Naturfarbstoffe? Die drei aufgeführten Beispiele (S. 21) Berberin, Sanguinarin und Oxyacanthin (nicht „Oxacanthin“) sind eindeutig Alkaloide. Dieser Begriff taucht später in der Monografie Berberis vulgaris (S. 85) tatsächlich auf. Warum nicht schon auf Seite 21?

Arctostaphylos uvae-ursi-Blätter und -Pflanze (S. 75) hätte man zusammenfassen können, da der Text überwiegend identisch ist, auch wenn verschiedene Pflanzenteile unterschiedliche Färbungen ergeben. Gleiches gilt für Prunus spinosa-Früchte und -Rinde (S. 229 und 231; Text zu über 80% identisch), Digitalis purpurea-Blätter und ‑Kraut oder Bärentrauben-Blätter und ‑Pflanze sowie weitere Färberpflanzen wie Calluna vulgaris (S. 95).

Arnica montana (S. 78) steht unter Artenschutz. Woher soll man dann 100 g getrocknete Blüten zum Färben von 100 g Wolle nehmen?

Für das Färben von 100 g Wolle (S. 113) werden 5 bis 10 g getrocknete Narben von Crocus sativus = Safran benötigt – wer will oder kann sich das leisten? Im Internet werden z. B. von der Fa. Herbaria derzeit 1 g Safran mit 63,90 Euro, 5 g mit 319,50 Euro und 10 g mit 639,00 Euro angeboten.

Besenginster (S. 119) enthält als Hauptalkaloid Spartein, das früher als klassisches Antiarrhythmikum und bei Herzinsuffizienz eingesetzt wurde. Der Begriff "Kreislaufregulationsstörungen" sagt in diesem Zusammenhang wenig bis nichts aus.

Wenn als färbende Inhaltsstoffe des Purgierkreuzdorns (S. 124) neun Hauptfarbstoffe genannt werden, darf der Hinweis erlaubt sein „Schlag nach bei Schweppe“ und die Frage, wenn schon, warum dann keine Differenzierung in freie Emodine und Glykoside?

Der Hauptfarbstoff des Feigenbaums (S. 139) ist kein Flavonoid, wie man aus der Formulierung irrtümlich schließen könnte, sondern ein Carotinoid.

Vom Johanniskraut (S. 163) wird nicht „das Öl“ therapeutisch verwendet, sondern eine Zubereitung, die durch Mazeration von frischen Johanniskrautblüten mit Olivenöl unter Sonneneinstrahlung gewonnen wird. Hypericin ist nicht blutrot, sondern bildet violette Kristalle, die sich in wässrigen alkalischen Lösungen mit grüner Farbe lösen und bei höheren pH-Werten eine ziegelrote Fluoreszenz zeigen.

Seite 183 ist von einem einstündigen Sieden bei 80 °C die Rede. Ich habe gelernt, dass Wasser erst bei 100 °C siedet (es sei denn, man befindet sich im Hochgebirge).

Grundsätzlich sollten in einer Zeit, in der von Studenten der Botanik und der Pharmazie aus Gründen des Naturschutzes schon lange nicht mehr verlangt wird, ein Herbarium anzulegen, keine naturwissenschaftlichen Laien aufgefordert werden, größere Mengen an zum Teil sogar unter Arten- oder Naturschutz stehenden Pflanzen zu sammeln, um einem Hobby zu frönen. Auch die Entsorgung der Kupfer- und Chromsalze, die als Beizen empfohlen werden, stellt eine Belastung der Umwelt dar.

Wenn sich diese Rezension von anderen deutlich unterscheidet, z. B. von derjenigen in der FAZ vom Dezember 2009, so liegt es daran, dass jene nach allgemeinen Gesichtspunkten für den nicht fachmännischen Leser, den Hobbyfärber, den an schönen Blumen und Pflanzen Interessierten, den Teppichliebhaber, den Friseur, der mit natürlichen Farbstoffen arbeiten möchte, geschrieben wurden. Sucht man jedoch nach handfesten, naturwissenschaftlichen und medizinischen Fakten, so müssen viele Aussagen dieses Buches infrage gestellt werden.

Exakte Angaben über Farbstoffe findet man bei Helmut Schweppe, „Handbuch der Naturfarbstoffe“, oder bei Roth, Kormann, Schweppe, „Färberpflanzen“, über giftige Pflanzen in „Giftpflanzen“ von Frohne und Pfänder. Diese Standardwerke werden u. a., wenn auch nicht ganz korrekt, von E. Prinz im Literaturverzeichnis genannt.

Medizinische Aussagen oft falsch

Wer sich auf die medizinischen Angaben des Autors verlässt, ist verlassen. Wenn von den 117 beschriebenen Färberpflanzen alleine 59 krebstherapeutisch und 58 tumortherapeutisch wirken sollen bzw. wenn von einigen Färberpflanzen ein ganzes Dutzend Wirkungen angegeben wird, von einigen noch mehr und vom Johanniskraut sogar 16, muss man sich oder den Autor fragen, wozu wir noch eine Schulmedizin brauchen und warum wir uns nicht gleich aus Gottes Heilkräutergarten bedienen.

Eine Bemerkung zu der Passage „wird auch als homöopathisches Mittel verwendet“ soll hier noch erlaubt sein: Da dieser Halbsatz bei so gut wie allen Monografien den Schluss des Abschnittes „Medizinische Verwendung“ bildet, wäre es sehr viel prägnanter, die wenigen Ausnahmen zu kennzeichnen.

Die Informationen, denen man entnehmen muss, dass fast alle Färberpflanzen auch Heilpflanzen sind, sind mit äußerster Skepsis zu bewerten, deutlicher gesagt, sie sind meistens falsch. Ein Vergleich mit den in der gültigen Europäischen Pharmakopöe enthaltenen Arzneipflanzen-Monografien ergibt, dass lediglich 40 der 117 genannten Färberpflanzen zu offizinellen Arzneipflanzen gerechnet werden können; das ist nur etwa ein Drittel (34%).

Die Angaben zur medizinischen Verwendung der Färberpflanzen – die man dem Titel des vorliegenden Buches entsprechend erwartet – sind unkritisch und überwiegend aus Dr. Dukes’s Phytochemical and Ethnobotanical Databases übernommen. Es wäre besser, auf diesen Teil zu verzichten.

Bilanz

Wer naturwissenschaftliche Informationen sucht oder wer brauchbare medizinische und ernst zu nehmende gesundheitliche Ratschläge erwartet, sollte vom Erwerb des Buches Abstand nehmen.

Wer Kulturgeschichtliches über Färberpflanzen in angenehmer Kürze erfahren will, wem das nostalgische Färberhobby Freude und Genugtuung bereitet, wen exzellente Fotografien von Färberpflanzen interessieren, dem sei das Buch bestens empfohlen.


Hermann J. Roth, Karlsruhe



DAZ 2012, Nr. 34, S. 81

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