DAZ aktuell

Wir Gesundheitsmanager

Gerhard Schulze

Seit einigen Semestern biete ich meinen Studenten ein soziologisches Debattierseminar an. Wir sprechen dann über die arabische Rebellion, das Internet oder die Krise der Demokratie. Besonders leidenschaftlich aber wurde ein Thema diskutiert, das ich erst gar nicht auf die Liste gesetzt hätte, wenn die Studenten nicht darauf bestanden hätten: gesunde Ernährung.

Schon für meine Großmutter war das ein zentraler Aspekt ihres Lebens. Sie pflegte Zwieback mit einem bräunlichen Aufstrich zu essen, studierte Broschüren aus dem Reformhaus und kaute jeden Bissen genau zehn Mal. „Ihr müsst alles gründlich durchspeicheln“, ermahnte sie uns Kinder, und wir speichelten um die Wette.

Was man damals noch Reformkost nannte, heißt jetzt vollwertige Lebensmittel aus biologisch korrektem Anbau, aber das tut Großmutters Modernität keinen Abbruch. Ihre Schrulligkeit erweist sich als Vorwegnahme des heutigen Mainstreams, und in ihrer Besorgtheit um das leibliche Wohl gehörte sie zur Avantgarde einer Grundhaltung, die man als Gesundheitsmanagement bezeichnen könnte.

Der Zeitgeist, dem meine Großmutter um Jahrzehnte voraus war, spricht etwa aus dem Wort Verordnung. In meiner Kindheit war alles verordnet: Medikamente, Überweisungen, Therapien, Krankschreibungen, Klinikaufenthalte, Reha. Es gab die Welt der Gesunden, die gar nichts machen mussten, und es gab die Welt der Kranken, denen etwas verordnet wurde.

Heute heißt es zwar immer noch Verordnung, aber dieser Begriff wird der Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Die klare Trennlinie zwischen Kranken und Gesunden hat sich aufgelöst. Wer sich heute gesund fühlt, kann morgen schon krank sein. Wir schauen auf Risikofaktoren, Umwelteinflüsse und genetische Disposition. In Bezug auf den Körper spielt die Selbstverantwortung eine immer größere Rolle, egal ob man gesund ist oder krank. Unsere Gedanken über Vorbeugung, Selbstheilungskräfte, die richtige Lebensweise und die beste Therapie gestaltet der Arzt nur noch am Rande mit.

In der Welt des Gesundheitsmanagements beschafft man sich Verordnungen oder auch nicht. Die Kranken und (noch) Gesunden sind aktiv und kritisch geworden. Ohne Vertrauen in Medikamente, Ärzte und Apotheker geht zwar nach wie vor nichts, aber dieses Vertrauen hat sich von einem treuen Herdentier in ein scheues Reh verwandelt. Aus einem Stil des Verordnens und Befolgens wurde ein Stil des Fragens, Zweifelns, Probierens und Revidierens.

Immer mehr Menschen beobachten sich selbst unter gesundheitlicher Perspektive von Tag zu Tag. Sie informieren sich, hören sich Experten an, treffen hochbrisante körperbezogene Entscheidungen dann aber selbst, und zunehmend besorgen sie sich Medikamente einfach so. Im Gesundheitsmanagement sind die Grenzen zwischen Krisenintervention und Prophylaxe in Form von Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung fließend.

Das ist anstrengend, Verweigerung aber auch. Zwar kann man sein Leben durchaus immer noch ohne Inanspruchnahme von Heilberufen und Heilmitteln sowie in völliger Missachtung aller Ratschläge ablaufen lassen, bis es zu Ende geht. Das ändert aber nichts an dem großen Unterschied zwischen der Gegenwart und der Zeit meiner Großmutter: Es gibt unendlich viel mehr gesundheitsbezogene Optionen, Informationen und Imperative, denen man kaum noch entgehen kann. Ein absoluter Gesundheitsmuffel war früher ein normaler Mitmensch, heute ist er ein Außenseiter. Er schwimmt gegen den Strom ständiger Appelle, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Der soziale Druck erhöht sich, er hört Vorwürfe, wird scheel angesehen und provoziert Kopfschütteln.

De facto ist die Institutionalisierung dieser Verantwortung in vollem Gang. Dazu gehören die Praxisgebühr, das Bonusheft, die Selbstbeteiligung, die flächendeckenden Einladungen zu Vorsorgeuntersuchungen, die Erleichterung des Versicherungswechsels und vieles mehr. Und was war die Aufhebung der Erstattungsfähigkeit von nicht verschreibungspflichtigen Mitteln im Jahr 2004 anderes als die gesetzliche Verankerung von Gesundheitsmanagement durch Selbstmedikation?

Inzwischen sind wir so weit, dass wir fast mehr Energie aufwenden müssen, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, als die Aufgabe des Gesundheitsmanagers positiv anzunehmen. Nur: Wie macht man das als Laie? Wie verschafft man sich dieses Wissen? Der Einzelne ist dabei fast immer auf sich gestellt. Oft führt ihn sein erster Weg in die Apotheke. Dort kann man ihm neben einem fachlichen Rat vor allem eins vermitteln: Es ist immer noch richtig, alles zehn Mal zu kauen. Und es ist richtig, sich selbst zu kümmern, bevor es andere tun.


Gerhard Schulze


Gerhard Schulze, geb. 1944, ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg. Seine Arbeiten untersuchen den kulturellen Wandel der Gegenwart.



DAZ 2012, Nr. 32, S. 24

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